Leere Herzen von Juli Zeh

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Leere Herzen, bei Luchterhand.

Bibliographische Angaben

  • München: Luchterhand, 2017 unter dem Titel Leere Herzen.ISBN: 978-3630875231.352 Seiten.

    'Leere Herzen' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

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    Das meint Belletristik-Couch.de: Zur Lage der Nation84

    Rezension von Almut Oetjen

    Deutschland im Jahr 2025, die „Besorgte-Bürger-Bewegung“ (BBB) unter Regula Freyer ist an der Macht, setzt den Rückbau der Demokratie fort und hat die Effizienz zum Leitkriterium für politische Entscheidungen gemacht. Das Kriterium bestimmt die Gerichtsbarkeit, den Bildungssektor und das Wahlsystem. Es wird eine restriktive Einwanderungspolitik praktiziert. Die Regierung arbeitet mit Google zusammen, das Internet der Dinge (Fitnessarmbänder etc.) erlaubt die beinahe lückenlose Überwachung der Bürger, die Videokontrolle des öffentlichen Raums hat englische Ausmaße erreicht. Donald Trump und Vladimir Putin haben den Krieg in Syrien beendet und für Palästina und Israel eine Zweistaatenlösung herbeigeführt. Die Vereinten Nationen befinden sich im Auflösungsprozess, die Europäische Union hat nach dem Brexit weitere Abspaltungen zu verkraften. Die USA und die EU führen einen Handelskrieg. Die Daesh, Nachfolger des IS, haben die Akquisition und Vorbereitung von Selbstmordattentätern ausgelagert. Versorgt werden sie mit Suizidalen durch das Unternehmen Die Brücke. Eigentümer des Unternehmens sind Britta und Babak. Nach außen treten sie als eine Heilpraxis für Psychotherapie auf, faktisch jedoch handelt es sich um ein Unternehmen zur Vermittlung von Selbstmordattentätern an Organisationen wie NGOs, Konzerne und Daesh. Dadurch werden Selbstmordattentäter zum Produkt, nach einem mehrstufigen Computeralgorithmus namens Lassie aus einer Kandidatenliste ausgewählt. Sie durchlaufen ein rigoroses Vorbereitungsverfahren, in dem die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens ebenso geprüft wird wie ihre seelische und körperliche Belastbarkeit mit Blick auf den Einsatz. Garantiert ist für den Auftraggeber eine erfreuliche Öffentlichkeitswirkung, für die Gesellschaft die Konzentration der Suizidalen auf ausgewählte Maßnahmen mit Minimierung der zivilen Opfer. Ein fehlgeschlagener Attentatsversuch in Leipzig, mit dem Britta und Babak nichts zu tun haben, ein millionenschwerer Investor, der erst das Unternehmen Brittas Mannes börsenreif machen will und sich mit einem anderen Anliegen an Britta wendet, beunruhigen Britta und Babak. Sie glauben, ein Konkurrenzunternehmen namens Empty Hearts habe sich gegen sie aufgestellt.

    Juli Zeh legt mit >Leere Herzen< einen politischen Text vor, getragen durch Gesellschaftskritik und einen moralischen Anspruch. Die bisherigen Wähler in >Leere Herzen< wurden Nicht-Wähler, die bisherigen Nicht-Wähler wurden Wähler, im Ergebnis wurde eine Regierung gewählt, die die bisherigen Nicht-Wähler haben wollten, Menschen, die in den USA bezeichnet werden als „Can-you-hear-us-now-voters“, in Deutschland hingegen als „Protestwähler“, die zudem von ihren Bezeichnern häufig in einem tieferen sozialen Milieu vermutet werden. Die neue Regierung verfolgt so etwas wie eine Politik des „Germany now!“, arbeitet aber zugleich daran, die Grundrechte auf ein für sie hinnehmbares Maß zurückzuführen. Dies geschieht weitgehend im Verbund mit Sicherheits- und Effizienzpaketen.

    Terrorismus wird politisch und ökonomisch rationalisiert, überführt in unternehmerische Organisationsstrukturen. Er folgt nun weitgehend einer ausgelagert betriebenen hierarchisierten Management-Logik.

    Die öffentliche Handlungsebene ist geschickt verbunden mit der privaten. Britta ist verheiratet mit Richard. Ihre Tochter heißt Vera. Janina ist verheiratet mit Knut. Ihre Tochter heißt Cora. Britta und Janina sind Freundinnen, seit sie sich vor sieben Jahren beim Babyschwimmen kennengelernt haben. Vertieft wird ihre Beziehung durch gemeinsame Familientreffen.

    Die Kinder sind nicht die heute üblichen Hochbegabten, sondern überzeichnete Höchstbegabte. Vera schreibt Computerprogramme, Cora lernt Klavier auf dem Kinderkolleg. Sie spielen Killerspiele (Mega-Melanie), in denen Kollateralschäden derart bejubelt werden, dass der Eindruck entsteht, sie seien das eigentliche Ziel des Spiels. Eines Spiels, in dem auf zwei Ebenen argumentiert wird, wobei die eine Ebene zum Verdecken der tatsächlichen Absichten dient. Damit bildet Juli Zehs Spiel das Unternehmen Die Brücke ab und ist nicht weit weg von realer Politik.

    Britta verdient das Versorgungseinkommen, Richard befindet sich in der Start-up-Phase. Diese soll beschleunigt werden durch Guido Hatz, einen angeblichen Millionär und Investor, der jedoch ein anderes Anliegen verfolgt. Richard hofft, bald allein das Haushaltseinkommen zu erwirtschaften, damit Britta Hausfrau und Mutter sein kann.

    Die Handlung entwickelt sich dahin, dass Britta, Babak und Julietta, eine Hochleistungs-Suizidale mit äußeren Merkmalen, die sie zum Traum der Fernsehanstalten werden lassen, die Welt ihres allgemeinen Lebens verlassen und sich auf einen geheimnisvollen Weg machen, den es zu verstehen gilt, auf dem sie sich mit einer ihnen unbekannten und gefährlichen Macht auseinandersetzen. Die Gefahrenlage führt zur Trennung, in der Verstehensphase zur Initiation und schlussendlich zur Rückkehr.

    Brittas Rückzug in den privaten Raum geht auf satirische Weise einher mit einer wachsenden, oder überhaupt erst entstehenden, Wertschätzung für den Hausputz – in der Familie und im Versteck. Wenn etwas gemacht wird, dann „richtig“, soll heißen einwandfrei und mit der für bestimmtes Denken wichtigen symbolischen Hochspannung, die irgendwann durchaus einen Kurzschluss erzeugen kann.

    Auffällig ist, dass es zu Beginn und am Ende des Romans ein Familientreffen gibt. Gewissermaßen Zyklizität als ein bürgerlicher Präsentationsrahmen, in den das große Abenteuer eingebettet ist.

    Man kann Zehs Roman als eine Dystopie bezeichnen. Eine Übung in der Entwicklung negativer Gesellschaftsentwürfe, als Trendfortschreibung in die Zukunft. >Leere Herzen< spielt nominell im Jahr 2025, in einer äußerst nahen Zukunft, die überwiegend als unsere Gegenwart erkennbar ist. Worin unterscheidet sich Zehs Gesellschaftsentwurf von der heute beobachtbaren Bundesrepublik Deutschland? In der satirischen Zuspitzung bestimmter Elemente? Aber wenn der Roman eine Dystopie sein soll, scheint die Frage berechtigt, ob unsere Gegenwart nicht die Realisierung einer Dystopie ist, die so vor zehn Jahren in einem Roman hätte ersonnen werden können. Wer in Zehs Roman an der Regierung ist, wer Innenministerin, was mit Angela Merkel geschehen ist, das ist doch ebenso nur literarische Lüge (Fake) wie in der Belletristik generell gelogen wird, angefangen von Protagonisten, die es gar nicht gibt, die im Roman aber in unserer Gegenwart leben. Und ist der Roman eine Dystopie, weil er aus der Sicht einer Rezeption, die ihn so sieht, dystopisch sein muss, oder weil die Welt für die Menschen im Roman dystopisch ist? Was wissen wir über die Menschen im Roman? Die Wähler und Wählerinnen haben durch das Wahlergebnis, wie hierzulande nach Wahlen immer wieder zu hören ist, ein Mandat vergeben, dem zur Folge das Land regiert, mit einem anderen Wort: gestaltet, werden soll. Passiert nicht genau dies?

    Im Grunde kann das Argument der Dystopie angezweifelt werden, weil der Roman einen mehrheitlich akzeptierten Gesellschaftsentwurf präsentiert, in dem die Menschen frei wählen, die neue Regierung akzeptieren und einer Anreizlogik folgen, die sich aus der Veränderung ergibt: sie nutzen die Möglichkeiten der neuen Zeit und arrangieren sich mit den nachteiligen Veränderungen. Aber das ist nichts wirklich Neues, darin äußert sich Opportunismus als Ergreifen von Gelegenheiten im Zuge der Verfolgung des Eigeninteresses.

    Fazit

    Juli Zehs neuer Roman >Leere Herzen< ist ein unterhaltsamer und satirischer Polit-Thriller, der in einer Gegenwart spielt, die nur noch kurze Zeit Zukunft ist.

    Almut Oetjen, Dezember 2017

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