Die Kameliendame

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Insel, 2012, Titel: 'Die Kameliendame', Seiten: 246, Übersetzt: Andrea Spingler

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Almut Oetjen
Doppelte Fiktionalisierung tragischer Liebe

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2012

Ein junger Mann, dessen Name ungenannt bleibt, ersteht auf der Auktion des Nachlasses der Pariser Kurtisane Marguerite Gautier für 100 Francs den Roman Manon Lescaut von Abbé Prévost, weil eine kurze Widmung an Marguerite, geschrieben von Armand Duval, seine Aufmerksamkeit erregt. Als Armand Duval bei ihm auftaucht und um das Buch bittet, markiert dies den Beginn ihrer Freundschaft. Armand erzählt die Geschichte seiner Liebe zu Marguerite.

Er erkundigt sich während einer Erkrankung Marguerites täglich nach ihrem Befinden und empfindet als Einziger Mitleid mit ihr, als sie später Blut hustet. Marguerite verhält sich zu Beginn ablehnend, verliebt sich dann aber in Armand, der nicht in der Lage ist, ihren Lebensstil zu finanzieren. Das Paar möchte ein gemeinsames Leben, dem viele Hindernisse entgegenstehen.

Nur auf den ersten Blick ein trivialer Roman

Die Kameliendame von Alexandre Dumas, dem Sohn des gleichnamigen Verfassers einer Reihe Klassiker, zu denen Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo gehören, wurde 1848 veröffentlicht, in der Folge von Dumas selbst für die Bühne adaptiert (Premiere am Pariser Théâtre du Vaudeville, 2.2.1852), ein Jahr später von Giuseppe Verdi als La Traviata für die Oper. Heute gibt es eine Vielzahl an Bearbeitungen für Theater und Ballett sowie Verfilmungen, deren berühmteste der Stummfilmklassiker mit Greta Garbo sein dürfte. Der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die derzeit letzte deutsche Übersetzung stammt von Andrea Spingler und ist gerade als Taschenbuch bei Insel erschienen.

Im Wesentlichen besteht der Roman aus drei nicht als solchen ausgewiesenen Teilen. Auf den etwa ersten zwanzig Seiten wird im Kontext der Gestaltung einer Herausgeberfiktion der erste von zwei Erzählern eingeführt, der unbekannte junge Mann, der Details aus dem Leben Marguerites erfährt und "Manon Lescaut" aus ihrem Nachlass erwirbt. Diese einführenden Seiten mit der Funktion eines Paratextes bereiten die Begegnung mit Armand und den Haupttext vor, ergänzen diesen zugleich und legen das Fundament für seine Rezeption, bis hin zu moralischen Diskursmomenten, die sich nicht zuletzt mit kulturell produzierter Sexualmoral befassen. Dies mag damit zusammenhängen, dass Dumas in Die Kameliendame seine Beziehung mit der Kurtisane Marie Duplessis verarbeitete.

Der zweite Erzähler ist Armand Duval. Er erzählt den Haupttext, die Geschichte von Armand und Marguerite, linear, mit gelegentlichen Unterbrechungen, in denen er mit dem ersten Erzähler spricht. Im dritten Teil schließlich liest der ungenannte Erzähler einen sehr langen Brief Marguerites an Armand und beendet den Roman. Die komplexe Beziehung, die sich zwischen den Erzählern und die Perspektive auf Marguerite ergibt, deutet verhalten die Möglichkeit an, der unbekannte Erzähler könnte ein Doppelgänger des Verfassers der Kameliendame sein, und Armand ein Doppelgänger des unbekannten Erzählers.

Marguerite Gautier ist eine kleine Näherin, die es in Paris zur notorischen Kurtisane gebracht hat, mit einem luxuriösen Lebensstil, den ihre Liebhaber finanzieren, und dennoch beträchtlichen Schulden. Sie wird als Kameliendame bezeichnet, weil sie Kamelien liebt, weiße wie rote, die symbolische Bedeutung für sie haben. Sie verliebt sich in Armand Duval, gibt ihre Pariser Existenz auf und zieht mit ihm auf das Land.
Armand hat Marguerite nichts weiter zu bieten als seine Liebe und eine Existenzsicherung aus den materiellen Leistungen seines Vaters. Der Vater trifft sich irgendwann heimlich mit Marguerite, um den Ruf der Familie zu retten. Die ältere Prudence wohnt gegenüber von Marguerite. Früher war sie ebenfalls Kurtisane, heute ist sie die beste Freundin Marguerites, solange diese sie aushält. Nanine ist Marguerites Hausmädchen und in vielen Belangen ihre Vertraute und Helferin. Der Graf von Varville begehrt Marguerite. Er ist bereit, alle ihre Schulden zu bezahlen, wenn sie seine Geliebte wird. Er schwebt als ständige Bedrohung für das Paar im Handlungsraum.

Der Roman bietet einen intimen Einblick in die Halbwelt der Kurtisanen und ihrer wohlhabenden Liebhaber im Paris Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Welt der Oper und ihrer exklusiven Logen, Kostümbälle und Spielsalons, luxuriöser Abendessen und nächtlichen Soupers, faszinierte die Leser, und Dumas kannte sich darin aus. Er verbindet romantische Gefühle und Vergnügungssucht, soziologische Analyse und Melodrama unterhaltsam, schreibt pathetisch über das verschwenderische Leben, das seinen seelischen und körperlichen Tribut fordert, über die tiefen Gefühle und den Warencharakter der Sexualität, Vorstellungen von möglicher Erlösung durch wahre Liebe und persönliches Opfer, eingefasst in Widersprüche und Irritationen.

Das große Thema der Kameliendame ist die tragische Liebe. Diese nimmt verschiedene Formen an. Ältere und jüngere reiche Männer der Gesellschaft begehren Marguerites Körper, nennen dies Liebe, und legen dem Objekt der Begierde ihr Vermögen zu Füßen. Dabei machen sie sich gelegentlich auch zum Narren, wenn sie ein Beharrungsvermögen gegen jede Vernunft zutage fördern. Armand empfindet für sie vielleicht – schon nach wenigen Stunden - die wahre Liebe, in der er auch nicht davor Halt macht, mit Marguerite sich sexuell zu vergnügen, während sie hohes Fieber hat, oder sie öffentlich zu demütigen.

Der Roman liest sich, blickt man unter die Oberfläche romantischer Selbstverzehrung, wie eine Versuchsanordnung, bei der herausgefunden werden soll, ob es in einer durch liebes-fremde Kategorien bestimmten Welt so etwas wie reine, wahre Liebe geben kann. In Details bemerken wir, dass Dumas eine gar nicht eindeutige Sicht entwickelt. Dies wird überlagert durch eine anrührende und in der Form attraktive Erzählung.

Dumas geht auch der Frage nach, welches Selbstbild Menschen für sich und andere entwickeln, wie dieses Bild von den sozialen und ökonomischen Bedingungen abhängt. Armand und Marguerite werden beide mit charakteristischen Elementen ihres Selbstbildes vorgestellt, eines Bildes, das Ergebnis persönlicher Geschichte ist. Wie wichtig die Begründungsfrage für das Selbstbild ist, lässt sich gut daran erkennen, wie die beiden Hauptfiguren sich ihre individuelle und gemeinsame Zukunft vorstellen, auch daran, wie sie diese beiden Aspekte miteinander zu vereinen suchen. Von der ersten Begegnung mit persönlicher Vorstellung und spöttischem Kommentar bis hin zu späteren erotischen Begegnungen und dem Wunsch nach einem jeweils anderen Leben sind Armand und Marguerite in einen Kontext eingebettet, der die Möglichkeiten ihrer Selbstbildgestaltung bestimmt. Ihr konkretes Handeln dient dabei der Selbstversicherung in einer unsicheren Umwelt, in der Gläubiger und Familie eine destabilisierende Rolle spielen.

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