Die Bibliothek im Nebel

  • Knaur
  • Erschienen: November 2023
  • 2
Die Bibliothek im Nebel
Die Bibliothek im Nebel
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Carola Krauße-Reim
901001

Belletristik-Couch Rezension vonDez 2023

Packend von der ersten bis zur letzten Seite.

1917: Der junge Artur muss aus Sankt Peterburg fliehen. Die Geheimpolizei des Zaren ist in das Palais seiner Pflegefamilie eingedrungen und hat alle verschleppt. Sein Ziel ist das Graphische Viertel in Leipzig, wo seine große Liebe Mara wohnt. Im Gepäck hat Artur ein mysteriöses Buch, das er in Leipzig einem Russen übergeben soll. Was er nicht weiß, dieses Buch ist sehr gefährlich.

1928: Die kleine Liette ist zur Erholung im Hotel ihres Onkels an der Côte d‘Azur. Auf dem Dachboden findet sie Reisekisten russischer Gäste, die diese vor dem Krieg zurückgelassen haben. In einer davon ist ein Anhänger aus Mondstein und ein Buch, das mit einer Kette verschlossen ist.

1957: Liette leitet inzwischen das Hotel. Mithilfe des Journalisten Thomas Jansen versucht sie die Besitzerin des verschlossenen Buches ausfindig zu machen – Mara. Gleichzeitig die Besitzverhältnisse eines benachbarten verwahrlosten Anwesens abzuklären, das eine unheimliche Bibliothek besitzt.

Ein hervorragender Fabulierer

Kai Meyer begeistert mit seinen sehr erfolgreichen Romanen immer wieder. Er versteht es, die richtige Mischung aus historischem Hintergrund und spannendem fiktiven Geschehen zu Geschichten zu formen, die in sich schlüssig und von der ersten bis zur letzten Seite packend sind. So auch im vorliegenden Buch, das zum Teil abermals im Graphischen Viertel in Leipzig spielt, wie schon sein Vorgänger „Die Bücher, der Junge und die Nacht“. Meyer vereint gekonnt Krimi-Elemente mit einer tragischen Familien- und Liebesgeschichte und würzt das alles noch mit ausreichend Phantastik und historischen Fakten. Doch keines dieser Elemente drängt sich in den Vordergrund, sondern alle bilden ein wunderbares Konglomerat, das wieder einmal von der ersten bis zur letzten Seite (556!) begeistert. Dazu bei trägt auch Meyers gekonnter Umgang mit dem Medium Sprache. Er beherrscht die Kunst mit ihr zu jonglieren, immer den richtigen Ton zu treffen und vor allem sich treffsicher auszudrücken.

Drei Zeitebenen und zwei Bücher

Immer wieder springt Meyer zwischen den drei Zeitebenen, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden und von unterschiedlichen Protagonisten handeln. Doch im Mittelpunkt stehen die Russin Mara und zwei Bücher. Alle drei sind geheimnisvoll und nicht zu durchschauen. Es tun sich Abgründe auf, die ebenso erschreckend, wie faszinierend sind. Gerade Mara bleibt dabei immer etwas nebulös und fragwürdig. Auch wenn sie in der schwungvollen Geschichte oft nur erwähnt wird und kaum selber handelt, bedingt sie alles – von Anfang bis Ende. Hier ist natürlich viel Raum für Phantastisches, den Meyer auch ausreichend nutzt. Doch schweift die Geschichte, gerade auch wegen der historischen Hintergründe, nie zu sehr ab. Zum Schluss schließt sich sogar der Kreis zu „Die Bücher, der Junge und die Nacht“, was jeden, der dieses Buch noch nicht kennt animieren dürfte, es zu lesen. 

Ausgezeichnete Figurenentwicklung

Die Geschichte wird über einen Zeitraum von etlichen Jahrzehnten erzählt. Immer wieder tauchen die gleichen Figuren auf. Artur, Liette und natürlich Mara verbinden die unterschiedlichen Zeitebenen. In der letzten kommt noch Thomas hinzu, der selbst auch eine zwielichtige Seite besitzt. Meyer schafft es, die Charaktere reifen zu lassen, indem er immer ein wenig mehr von ihnen preisgibt. Ständig kreisen alle mehr oder weniger um sich herum. Erst der Schluss vereint alles und die Geschichte endet in einem fulminanten Showdown. Genauso verbindend sind die Bücher und der Mondstein. Diese Gegenstände sind das Pendant zu den Figuren. Neben den Protagonisten gibt es noch viele andere Figuren, die Nebenschauplätze formen, mit denen die sowieso schon spannende Geschichte noch angereichert wird. Diese Nebencharaktere sind mit der gleichen Sorgfalt geschaffen und beschreiben und runden die Kerngeschichte passend ab – hier passt wirklich alles!

Fazit

Kai Meyer ist es wieder einmal geglückt, eine unglaublich spannende und gleichzeitig magische Geschichte zu schreiben. Die Familiensaga mit unaufdringlicher Liebesgeschichte ist packend, wie ein Krimi und magisch, wie ein Fantasy-Abenteuer. Alle, die Bücher lieben dürften Gefallen an „Die Bibliothek im Nebel“ finden und für Fans von „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ ist es sowieso ein absolutes Muss.

Die Bibliothek im Nebel

Kai Meyer, Knaur

Die Bibliothek im Nebel

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