Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 368 Seiten

Couch-Wertung:

85

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

1 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:93
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":1,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Carola Krauße-Reim
Ein Brief aus Israel bringt alles ins Rollen

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2021

Hannah findet bei ihrer Großmutter Evelyn einen Brief aus Israel: Eine Anwaltskanzlei stellt die Möglichkeit einer Restitution für während des 3. Reiches geraubte Kunstschätze aus jüdischem Besitz in Aussicht. Hannah weiß nichts von jüdischen Vorfahren, und Evelyn stellt auf stur und will nichts erzählen. Hannah recherchiert und stößt auf eine willensstarke Frau mit Namen Senta, die in den 1920er Jahren in Rostock gelebt hat …

Vier Frauen auf der Suche nach Selbstverwirklichung

Hannah, die bis dahin wenig an ihrer Familiengeschichte interessiert war, wird durch den Unmut ihrer Großmutter angetrieben und entdeckt, dass die Frauen in ihrer Familie schon immer nach Selbstbestimmung gestrebt haben: ihre Urgroßmutter Senta, die Mann und Tochter verließ, um in Berlin ihren eigenen Weg zu gehen; Großmutter Evelyn, die ein Studium der Medizin abschloss, aber den gesellschaftlichen Konventionen entsprechend ihren Beruf zu Gunsten der Familie aufgab, bloß um zu merken, dass Hausfrau und Mutter zu sein für sie nicht reicht; und ihre Mutter Silvia, die ebenso wie Evelyn die Bindung zur Mutter verlor und von Beruf „Kreuzbergerin“ wurde. Auch Hannah ist eine Suchende, die in Germanistik promoviert, weil ihr nichts anderes einfällt, und die von einem Leben mit ihrem verheirateten Doktorvater träumt. Die Suche nach den verschollenen Kunstwerken tritt immer mehr in den Hintergrund; vordergründig wird die Geschichte dieser Frauen vermittelt, die lange im Schweigen unerzählt blieb und erst jetzt wieder ans Tageslicht kommt, obwohl die Frauen so viel gemeinsam haben.

Die Leben von Senta bis Hannah

Alea Schröder erzählt die Geschichte von vier Frauen, die sehr unterschiedlich sind und dennoch einen gemeinsamen Nenner haben: den Willen, das Leben zu führen, das sie sich wünschen und nicht das, was die Gesellschaft für sie vorsieht. Die Diskrepanz zwischen dem Muttersein und der eigenen Verwirklichung zieht sich durch die Generationen. Der Weg dieser Frauen ist eingebettet in die Geschichte Deutschlands, vor allem in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis 1950. Im 3. Reich musste sich Senta einer besonderen Herausforderung stellen: Ihr zweiter Mann war Jude, durchlitt die Schmähungen ebenso wie das Berufsverbot als Journalist und lebte wie seine Eltern in ständiger Angst. Sein Vater betrieb eine bekannte Berliner Galerie, die er an die Nazis abtreten musste - zusammen mit allen dort befindlichen Kunstgegenständen, unter ihnen ein vermuteter Vermeer. Dieses und weitere Bilder sind der Grund für den Brief aus Israel. Schröder schafft eine spannende Familiengeschichte, die erst durch Hannahs Recherche peu à peu ans Tageslicht kommt und die Hannah mehr verändert als sie es selber wahrnimmt. Gleichzeitig wird die Problematik der Restitution angesprochen, die zwar in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen hat, aber dennoch extrem schwierig und langwierig ist.

Gekonnte Figurenzeichnung in ansprechender Geschichte

Alle Charaktere sind individuell verschieden und glaubhaft angelegt. Nicht nur die Protagonistinnen, auch die Nebenfiguren geben den Zeitgeist wieder und binden den Leser gleich zu Beginn an die Geschichte. Die hasserfüllte und hitlerliebende Tante Trude ist da genauso emotionsfordernd wie Jörg, der Doktorand mit dem ausufernden und vor sich hergetragenen Shoah-Schuldkomplex oder der Doktorvater, der alle nur ausnutzt und sich auch noch im Recht wähnt. Neben der Frage, was aus den Bildern, vor allem dem vermuteten Vermeer, geworden ist, bilden die spannenden Schicksale von Senta bis Hannah den Kern des Romans. Diese fordern den Leser auf, das Frauenbild der vergangenen Jahrzehnte wahrzunehmen und ein paar Gedanken daran zu verschwenden, ob die Emanzipation wirklich schon zu Ende ist. Dabei ist der Roman in einem oft sehr ironischen oder humorvollen Stil verfasst, der die Geschichte nie langweilig werden lässt, obwohl sie manchmal einige Durchhänger hat. Der Schluss ist gleichzeitig ein Anfang, verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart und rundet die Mischung aus historischer Familiengeschichte und Selbstfindungsreise passend ab.

Fazit

Die Journalistin und Autorin Alena Schröder hat sich wieder einmal mit dem Problem der Mutterschaft und gleichzeitiger beruflichen Verwirklichung beschäftigt. Der vorliegende Roman ist eine gekonnte Mischung aus Familien- und Frauengeschichte vor historischen Hintergrund. Wer gerne komplexe Themen in leichtem Gewand verpackt liest, ist hier genau richtig. 

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Deine Meinung zu »Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
15.04.2021 11:09:23
Petra Sch.

fesselnder und ergreifender Debütroman über 4 Generationen Frauen; eine bedrückende Vergangenheit und verschollene Bilder

Kurz zum Inhalt:
Die einzige Verwandte der 27-jährigen Hannah aus Berlin ist ihre Großmutter Evelyn, die mit fast 100 Jahren nur noch auf das Ende wartet.
Doch eines Tages erhält Evelyn ein Schreiben einer Anwaltskanzlei aus Israel, in dem Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstschatzes genannt wird.
Evelyn will damit jedoch nichts zu tun haben und auch nicht über die Vergangenheit sprechen, und so macht sich Hannah auf die Suche nach ihrer jüdischen Familie, von der sie bisher nichts wusste. Dabei erhält sie ungewollte Hilfe.

Meine Meinung:
Die unaufgeregte Schreibweise der Autorin und die zwei Erzählstränge machen dieses Buch besonders.
Ich mag Bücher mit Zeiten- und Perspektivenwechsel, und hier liest man abwechselnd in der Gegenwart aus Sicht von Hannah, und in der Vergangenheit, die die Jahre von 1926 bis 1950 umfasst.
Nach und nach laufen die beiden Stränge zusammen und für den Leser fügen sich peu à peu alle Puzzleteile zu einem Ganzen.
Man muss jedoch sagen, dass die Vergangenheit unfassbar fesselnd ist, was der Autorin bei der Gegenwart leider nicht so ganz geglückt ist. Nichts desto trotz war das Buch in seiner Gesamtkomposition ein Lesegenuss.

Die Charaktere polarisieren: die beiden Hauptfiguren Hannah und Evelyn waren mir nicht sehr sympathisch, aber das Geschehen drumherum und die schwierigen Mütter-Töchter-Beziehungen waren einfach nur bewegend. Die vier Frauen dieser Familie teilen ähnliche Schicksale. Und wieder mal hätte man vieles verhindern können, wenn die Familienangehörigen einfach nur miteinander geredet hätten; so traurig.
Andererseits gibt es viele tolle und empathische Figuren, wie zB der alte Itzig Goldmann und Jörg Sudmann, der Hannah bei ihrer Suche helfen will und der von einem nervigen Menschen zu einem wundervollen Freund wird.
Die Entwicklung der Charaktere sowie die bedrückende Darstellung der NS-Zeit sind stimmig und werden eindringlich, jedoch ohne bewertende Untertöne dargestellt. Die beklemmende Vergangenheit weckt viele Emotionen und man bangt um die Schicksale.
Es gab jedoch leider eine Szene, die für meinen Geschmack (und gerade für mich als Mutter) mehr als unnötig war. Grauenvoll, bedrückend und ohne Mehrwert für den Weitergang der Geschichte oder die Entwicklung der Personen. Das fand ich sehr schade.

Toll ist natürlich der direkte Bezug zum Titel, da eins der verschollenen Bilder von Senta, Evelyns leiblicher Mutter, aus dem Gedächtnis so beschrieben wurde: "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid".
Dieses Bild ist das wichtigste unauffindbare Bild, als Leser erfährt man in der Vergangenheit zu großen Teilen, was damit passiert, jedoch Evelyn, für die es gedacht ist, wird es von ihrer Tante Trude verschwiegen, bis es zu spät ist.
Den Einblick in die Provenienzforschung fand ich spannend und interessant.
Das Ende ist einerseits gelungen, da es authentisch ist und alles andere unglaubwürdig und kitschig gewesen wäre, und sich Hannah mit Evelyn und ihrer Vergangenheit ausgesöhnt hat. Trotzdem hätte ich mir ein bisschen mehr Informationen gewünscht, und auch, wie es mit Hannahs neuer Zukunft weitergeht.

Fazit:
Ein bedrückender und ergreifender Roman über 4 Generationen von Frauen mit Geheimnissen und einem ähnlichen Schicksal; und die Auseinandersetzung mit einer schlimmen Vergangenheit.

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik