Der Mann im Strom von Siegfried Lenz

Buchvorstellungund Rezension

Der Mann im Strom von Siegfried LenzDer Mann im Strom von Siegfried LenzDer Mann im Strom von Siegfried LenzDer Mann im Strom von Siegfried LenzDer Mann im Strom von Siegfried LenzDer Mann im Strom von Siegfried Lenz

Originalausgabe erschienen 1957 deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Hoffmann & Campe.

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 1957.235 Seiten.
  • München: dtv, 1963.ISBN: 342300102X.156 Seiten.
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2002.ISBN: 3-455-04226-0.222 Seiten.
  • München: dtv, 2008.ISBN: 978-3423191241.189 Seiten.
  • Hamburg: Hamburger Abendblatt, 2009.ISBN: 978-3939716600.160 Seiten.
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2017.ISBN: 978-3-455-40594-1.336 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2007.Gesprochen von Jan Fedder.ISBN: 978-3-455-32053-4.4 CDs.

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In Kürze:

Hinrichs ist Taucher; er ist alt geworden in diesem Beruf. Fast zwanzig Jahre ist er Tag für Tag hinuntergestiegen in das trübe Wasser des Hafenbeckens, um dort seiner gefahrvollen Arbeit nachzugehen. Jetzt will er sich nicht ausbooten lassen; er will das Sausen in den Ohren, den Druck auf dem Herzen nicht zugeben, er will die Beklemmung, die er plötzlich in der Tiefe spürt, nicht wahrhaben. Um seine Anstellung nicht zu gefährden, fälscht er seine Papiere und macht sich jünger. Er tut dies mit der Entschlossenheit und Überlegung eines Mannes, der seine letzte Chance wahrnimmt.

Das meint Belletristik-Couch.de: Der alte Mann und der Strom82

Rezension von Almut Oetjen

Seit rund zwanzig Jahren arbeitet der 55-jährige Jan Hinrichs als Bergungs-Taucher im Hamburger Hafenbecken. Die Arbeit ist körperlich und seelisch belastend, die jüngere Konkurrenz steht bereit. Eines Abends kommt Hinrichs nach Hause, arbeitslos, weil das Unternehmen in Konkurs ging. Er will als Alleinerziehender seinen Sohn Timm und seine 19-jährige schwangere Tochter Lena ernähren, deshalb macht er sich in seinem Taucherbuch und in Arbeitsdokumenten zehn Jahre jünger. Am nächsten Tag erhält er eine neue Anstellung beim Bergungsunternehmen Iversen und fühlt sich wieder gebraucht und zufrieden. Als Manfred vor seiner Tür steht, den er nicht leiden kann, der aber seine Tochter Lena heiraten will, weist Hinrichs ihn ab, worauf Lena abschiedslos geht.

Hinrichs und sein Kollege Kuddl suchen Manfred und Lena. Beim Bismarckdenkmal findet Hinrichs zwar Manfred, der aber sagt, Lena habe sich von ihm getrennt. Tatsächlich ist sie fortgelaufen, nachdem sie erfahren hat, dass Manfred kriminell ist und keine Arbeit suchen will, damit das Paar sich ein Zimmer mieten kann. Kuddl sieht Lena, die von der Hauptbrücke springt. Er rettet sie und bringt sie zu seinen Eltern. Tags darauf holt Hinrichs seine Tochter nach Hause. Dort sitzt Timm blutend und weinend. Zwei Männer haben ihn bedroht und nach Lena gefragt. Hinrichs befürchtet, sie könnten wiederkommen und bittet Kuddl, ihm zu helfen.

Leise Sozialkritik

Siegfried Lenz thematisiert in >Der Mann im Strom< nicht die jüngere Vergangenheit oder deren Auswirkungen auf die Gegenwart, so in Gestalt eines Generationenkonfliktes, wie er es in den vorhergehenden Romanen gemacht hat. Sein Thema ist vielmehr das Deutschland der Zeit des Wirtschaftswunders, der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ära Adenauer. Die Jahre haben der Volkswirtschaft insgesamt hohen Wohlstand gebracht, der jedoch nicht alle Menschen erreichte. Arbeitslosigkeit ist in der Hochkonjunktur ein gruppenspezifisches Problem, die Konkurrenz von jung und nicht mehr jung um Arbeitsplätze, das Aussondern von Arbeitskräften aufgrund des Alters, die Abschreibung von Humankapital.

Es deutet sich bereits an, dass unter bestimmten institutionellen Bedingungen ein erfahrener Arbeitnehmer zwar Vorteile gegenüber anderen Arbeitnehmern hat. Aber ist er erst einmal arbeitslos, wie Hinrichs nach der Firmenpleite, dann ist es für neue Arbeitgeber ein Risiko, ihn einzustellen. Wie es mit seiner Produktivität aussieht, mit der Rentabilität für die Firma, seinem Lohn als erfahrener Mann, das steht grundsätzlich den Kosten des Einsatzes eines weniger erfahrenen Arbeitnehmers, der für weniger Geld zu arbeiten bereit ist, vielleicht eine höhere Neigung zur Selbstausbeutung hat und dem daraus zu erwartenden Profit gegenüber. Hinzu kommt, dass die Tätigkeit als Bergungstaucher nicht nur grundsätzlich gefährlich, sondern auch, mit zunehmenden Arbeitsjahren, die Gesundheit gefährdend war.

Im Nachkriegsdeutschland bilden sich neue Bedingungen heraus, mit denen die Menschen zurechtkommen müssen. Lenz thematisiert in seinem Werk häufiger Konfliktpotenziale zwischen dem Individuum und gesellschaftlichen Strukturen, seien es solche der Herrschaft, der Ökonomie oder der Veränderung von Rollenvorstellungen. Die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen wird vom Individuum meist akzeptiert, gelegentlich arbeitet es sich daran ab, immer aber ist diesen Strukturen und ihren Veränderungen etwas Schicksalhaftes eigen. Der Mensch im Strom schwimmt in der Strömungsrichtung aktiv mit, lässt sich treiben, oder er versucht gegen den Strom anzukommen. In der neuen Welt konzentriert man sich zunehmend auf materiellen Besitz, während zwischenmenschliche Beziehungen sich auflösen.

Weitere Themen sind Gewalt gegen Kinder, Liebe und Hass, soziale Probleme von Frauen, Halbstarke, die Unvereinbarkeit von Bürokratie, Bürokraten und Menschlichkeit. Der Handlungsraum beschränkt sich auf wenige Orte, das Personal ist ebenfalls in der Anzahl sehr übersichtlich.

Hinrichs und Manfred bilden die Gegenspieler. Sie treten sich gegenüber als Vertreter zweier Generationen und unterschiedlicher Moralvorstellungen, als Vater und als Liebhaber im Dreieck mit Lena. Lena projiziert ihre Vorstellungen vom Leben, ihre Erwartungen an das Leben auf Manfred, statt eigene zu entwickeln, was in der Handlungszeit für eine Frau jedoch nicht unproblematisch ist. Manfred benutzt sie faktisch nur, wenngleich sein Bedürfnis, für Lena und das Kind sorgen zu wollen, noch weit weg ist von dem Bedürfnis, für sie zu sorgen. Hinrichs und Kuddl sind das, was man unter echter Männerfreundschaft fassen kann. Sie lernen sich kennen, „erkennen“ einander und sind fortan füreinander da. Sie kommen mit wenigen Worten aus. Überhaupt sind die Menschen bei Lenz, für Heutige gelegentlich schwer nachvollziehbar, nicht pausenlos am Reden.

Als Band 4 des Editionsprojekts der auf 25 Bände angelegten Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz ist >Der Mann im Strom< im November 2017 erschienen. Erstveröffentlicht wurde der Titel 1957 bei Hoffmann und Campe. Im Jahr 1963 folgte eine Taschenbuchausgabe bei dtv, 1996 eine blaue Leinenausgabe als Band 3 der Werkausgabe in Einzelbänden.

Im Vergleich mit anderen Ausgaben von >Der Mann im Strom< bekommen die Leser und Leserinnen ein Buch mit einem Umfang von 286 Seiten geboten, in dem der Romantext mit Seite 184 endet und ergänzt wird um einen knapp 100 Seiten langen Kommentar des Inhalts: 14 Seiten Entstehungsgeschichte; acht Seiten literarische Referenzen; eine halbe Seite zur Textgrundlage, aus der sich ergibt, dass die Ausgabe zeichengetreu nach der ersten Buchausgabe wiedergegeben wird; 3 Seiten zu Textfassungen; 17 Seiten zu Themen und Strukturen; 15 Seiten zur Rezeption; 16 Seiten Stellenkommentar; 11 Seiten Materialien und Dokumente; acht Seiten Anhang. Das Buch ist in Leinen gebunden, mit einem Lesefaden versehen und kostet 38 Euro.

>Der Mann im Strom< ist für Eingeweihte als ein Hamburg-Roman erkennbar. Zwar wird die Stadt nie genannt, aber Details erlauben eine eindeutige Zuordnung. Allgemeiner ist er ein Zeitdokument der 1950er Jahre mit sozialkritischem Aktualitätsbezug, konjunktionsfreudig erzählt.

Der Roman wurde zweimal verfilmt: im Jahr 1958 von Eugen York, mit Hans Albers in der Hauptrolle, 2005 von Niki Stein mit Jan Fedder.

Almut Oetjen, Januar 2018

Ihre Meinung zu »Siegfried Lenz: Der Mann im Strom«

Anfangsverdacht zu »Siegfried Lenz: Der Mann im Strom«16.04.2013
Das war ja ein Fluß-Rausch. Für einige Stunden lebt man durch den Autor mit diesem Fluß. Nehme mal an es ist die Elbe. Das ist wie im Fluß schwimmen bei dieser Prosa. Die Bedrückkung der Hafenzerstörung durch den Krieg ist ein weiterer Genuß. Ein beklemmender, beengender.
Diese Männerfreundschaft zwischen Hinrichs und dem Riesen berührt.
Ansonsten wäre mein einziger leiser Einwand, manchmal sind die Figuren zu knapp und nicht einleuchtend beschrieben und nun ja: Die Langhaarigen sind schuld. Das klang nach Ressentiment.
Aber, ein Roman der deutsche Nachkriegsgesllschaft gut beschribt und eben vor allem:
Ein Fluß-Roman, der den Leser dort leben läßt mit ihm.
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