So viele Paradiese

So viele Paradiese
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Yannic Niehr
721001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2024

Von einem, der auszog, die Freiheit zu finden.

Es war einmal, im kleinen Dörfchen Gesso auf Sizilien, da lebte ein junger Mann namens Antonio Grillo. Seine Heimat war ein Paradies, er hatte einen fürsorglichen Vater namens Don Lio, eine pragmatische Stiefmutter, einen Bruder, mit dem er sich gut verstand, Meeresluft, Leidenschaft und gutes Essen. Und obwohl man meinen könnte, dass es ihm an nichts mangelte – und damit wahrscheinlich Recht behielte –, setzte er sich eines Tages die fixe Idee in den Kopf: „ Ich möchte fortgehen.“ Amerika war das Ziel, zu dem es ihn hinzog. Und welche Hebel man auch in Bewegung setzte, nichts und niemand schien Antonio umstimmen zu können.

Also machte er sich eines Tages auf den Weg, sein kleines Fleckchen Erde zu verlassen und eine Reise übers große Meer anzutreten. Unterwegs begegneten ihm neue Freunde, schräge Vögel und treue Gefährten, Piraten, Riesen, mythische Sagengestalten, Gespenster, scheinbar unüberwindbare Hindernisse – und sogar die Liebe. Doch würde Antonio finden, was er suchte? Und wusste er überhaupt, was das war ...?

„Ich fühle mich überall zuhause, wo ich den Himmel sehen kann“

Eine Reise fernab der sizilianischen Heimat: Dies ist ein wiederkehrendes Thema im Œuvre der italienischen Autorin Giovanna Giordano. Neben einem Studium und heutiger Lehrtätigkeit an der Accademia di Belli Arti di Catania, konnte sie sich auch als Journalistin und Schriftstellerin einen Namen machen und bereits zweimal den Literaturpreis „Premio Racalmare di Sciascia“ für sich gewinnen. Geboren 1961, verbrachte Giordano ihre Kindheit in der sizilianischen Hafenmetropole Messina, ein Knotenpunkt des Mittelmeerraums, der (nachdem zuvor ihr Roman Un volo magico 2003 hierzulande unter dem Titel Zauberflug veröffentlicht wurde) auch in ihrem aktuellen Buch So viele Paradiese, nunmehr auf Deutsch im eichborn Verlag erschienen, eine zentrale Rolle spielt.  

„Wir werden nie irgendwo ankommen, es gibt kein Ufer, keinen Ankerplatz für den Menschen, der die Welt wahrhaftig begreifen will“

So viele Paradiese ist ein treffender deutscher Titel, geht es doch darum, dass wir erstaunliche Schönheit überall in der Welt finden können, wenn wir ihr nur mit offenem, wohlwollendem Blick begegnen. Giordanos schreibt schwelgerisch und lyrisch, aber nicht verkitscht, und sie versteht sich gekonnt darauf, Atmosphären, Stimmungen und farbenfrohe Bilder auf die Leinwand des inneren Auges zu malen, sodass einem beim Lesen immer wieder ein zufriedener Seufzer entfährt. Trotz Ausflügen in den magischen Realismus bleibt das Buch dabei erfrischend bodenständig, ist weder Märchen noch Abenteuerroman, sondern eher eine innere Entdeckungsreise, eine romantisierte Coming-of-Age-Story, die sich nicht den Zwängen klassischer dramaturgischer Handlungsbögen unterwerfen, sondern ganz dem Träumen hingeben will.

Allen voran gelingt ihr das mit ihrem Protagonisten. Er ist die Art männlicher Hauptfigur, von der es noch deutlich mehr gebrauchen dürfte: Verträumt, manchmal geradezu blauäugig, aber entschieden sanftmütig und durch und durch natürlich – den 20-jährigen Antonio begleitet man gern auf seinem Pfad, verfolgt gebannt, wie mal schillernde, mal nüchterne, mal verschmitzte Nebencharaktere (De Gubernatis, Mattia, Elide, um nur einige zu nennen) ihn berühren und prägen, wie er dank seiner Wärme auch Spuren in deren Herzen hinterlässt und wie er an Lebensklugheit dazugewinnt, ohne dass er sich selbst untreu wird. So manches Mal fühlt man sich an die Leichtigkeit der eigenen Jugend zurückerinnert und sieht die Welt wieder mit den Augen eines Kindes.

„Sieh mal, lieber Freund, jeder Mensch baut sein eigenes Luftschloss, auch um der Langeweile zu entkommen, und je flinker er es baut, umso flinker bringt er es zum Einstürzen. Dein Luftschloss liegt in Trümmern, und du musst dir ein neues bauen. Ich kann dir nicht helfen, es wieder zusammenzusetzen, du allein bist der Baumeister für dein Leben“

Obwohl die Geschichte dank des Stils größtenteils sehr gut funktioniert, tun sich doch früh Schwächen in der Struktur auf: So wird es nach einer Weile auffallend ermüdend, dem Teil der Story zu folgen, der vor Antonios großer Abreise stattfindet. Bis es soweit ist, vergeht etwa ein Drittel des Buches, und nachdem so ziemlich jeder in Gesso einmal seinen Plan mit ihm bereden durfte, seine Eltern mit ihm eine Wahrsagerin aufsuchen, um zu erfahren, was sein Schicksal sein wird, er nach langen Strapazen endlich an ein Ticket kommt, es wieder verliert, nur um es sofort wiederzuerhalten, muss man sich schon ein wenig bemühen, bei der Stange zu bleiben, bis die Handlung ihre eigentliche Fahrt aufnimmt. Dieser Einstieg trägt zwar zur Charakterzeichnung bei und verdeutlicht, welches Paradies Antonio bereits bewohnt, bevor er sich aufmacht, andere kennenzulernen – darüber hinaus erschließt sich der literarische Zweck dieser Längen jedoch nicht, da der Schluss des Buches recht abrupt und lose daherkommt, ohne dass inhaltlich ein Anknüpfungspunkt zum Beginn der Geschichte bestünde und sich ein Kreis schließen würde. So schön So viele Paradiese doch zu lesen ist, so sehr trübt dieser Stolperstein den Gesamteindruck.

Fazit

Giovanna Giordanos Buch So viele Paradiese ist in seinem Aufbau ungewöhnlich und kann einen daher verlieren, bevor es richtig angefangen hat. Sieht man aber über die Schwierigkeiten im Aufbau hinweg, darf man sich auf eine originelle und herzerwärmende Reiselektüre mit einem bezaubernd sympathischen Protagonisten freuen.

So viele Paradiese

Giovanna Giordano, Eichborn

So viele Paradiese

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