Schnellübersicht der aktuellen Belletristik-Couch

Satin Island von Tom McCarthy

Belletristisches Buch des Monats Juli: Satin Island

Die Welt gehört den großen transnationalen Konzernen, ihren Geschäftsmodellen, ihren Einflussmöglichkeiten in Wirtschaft und Politik, sie bestimmen viele Aspekte unseres alltäglichen Lebens, ohne dass wir sie und ihre Bewegungen bemerken. Sie sind die Fadenzieher hinter den Kulissen, ihre Vorstände die neuen Königsfamilien, die neue Feldzüge und Eroberungen an digitalen Landkarten planen. Wie sie funktionieren weiß niemand zu sagen, da sie zu groß und komplex sind, trotzdem ist man ihnen gegenüber misstrauisch, aus Prinzip, aus der Idee heraus, dass sie zu viel Einfluss haben und nicht greifbar sind. Gleichsam faszinieren sie aufgrund ihrer gigantischen Dimensionen und ihrer Fähigkeit, sich der Realität aufzuzwingen. Sie sind unheimliche Gewinner. Deshalb will man sie in Ketten legen oder Teil von ihnen werden.

Graphic Novel: Sartre (Mathilde Ramadier & Anais Depommier)

Graphic Novel: Sartre (Mathilde Ramadier & Anais Depommier)

Mathilde Ramadier und Anais Depommier haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben Sartres in einer Graphic Novel zu verewigen. Auf knapp 150 Seiten stellen sie sein Leben und Wirken dar, beginnend mit seiner Geburt, seinen ersten Jahren bis hin zur Verweigerung des Literaturpreises beschreiben sie einen Mann, der alles andere als ein gewöhnlicher französischer Bürger war und begleiten ihn rückblickend durch sein Leben. Er sah den Menschen als frei an, ohne ein von vornherein festgelegtes Wesen, sodass jeder für sein eigenes Werden verantwortlich ist und sich ständig neu zu entscheiden hat, welchen Weg er gehen möchte. An einen Gott glaubte er dabei nicht.

Lieblingsbuch: Die Ausgewanderten (W. G. Sebald)

Lieblingsbuch: Die Ausgewanderten (W. G. Sebald)

Sebald schreibt Biografien mit unglaublicher Präzision, er schreibt sie nicht mit einer Fülle an Details und vielen Verzweigungen, sondern mit einem Fokus, der nichts geringeres als das Wesentliche der darzustellenden Person herausschälen und darstellen will. Das Wesen einer Person im Wandel der Zeit, wie es geformt wird, sich selbst wandelt, sich einen Platz in der Welt sucht, mitunter verzweifelt und verhärtet, das ist es, was Sebalds Biografien der Ausgewanderten so einzigartig macht. Er erlaubt dem Leser ein Gefühl für das Innere dieser Personen zu entwickeln, ihre Tragik nachzuspüren, ohne dass sie dafür in allzu präzise Ausdrücke verpackt werden, die dem Ganzen das Erlebte nehmen und nur Etikette zurücklassen würden.

Weitere aktuelle Besprechungen im Juli auf der Belletristik-Couch:

Kommt ein Pferd in die Bar von David Grossmann

Kommt ein Pferd in die Bar (David Grossmann)

Der Abend beginnt wie eine miese Stand-Up-Comedy-Show, mit flachen Witzen über Blondinen, Netanja, Sprüchen ins Publikum und zur Frau an Tisch sieben. Doch schon von Anfang an fädeln sich Misstöne ein, Witze, die etwas zu scharf und zu persönlich sind, die etwas zu böse und zu verletzend sind - doch noch lachen alle. Die Witze sind grob. Doch manchmal blitzt eine erstaunliche Weichheit durch, die später dafür sorgen wird, dass die Ausrichtung des Abends sich radikal ändert. Sobald es um seine Eltern geht, und zu denen kehrt er inmer wieder zurück, wird Dovele ernst. Von Claire Schmartz

Fallensteller von Sasa Stanisic

Fallensteller (Sasa Stanisic)

Der Ruf des merkwürdigen Fallenstellers beginnt sich zu verbreiten in dem Dorf, in dem sich jede Neuigkeit schnell verbreitet. Er mietet sich in einer Wohnung ein und wird für einige Zeit zum extraordinären Bestandteil des Dorflebens, welches er mit seinen Fallen und Fallenfallen bereichert. Die Aufmerksamkeit steigt, schnell finden sich Anhänger des Fremden. Und alles beginnt und endet mit Literatur, ist ein verspielter Kommentar zum Literaturbetrieb, zur Literatour und den Literatten. Solcherart sind die Erzählungen, die Sasa Stanisic im vorliegenden Band versammelt, sie sind verspielt und raffiniert, gucken um die Ecke und manchmal zieht der Hase den Magier aus dem Zylinder. Oder es kommt erst gar nicht zur Vorführung der Zauberkünste, weil der dort vorne auf der Bühne zu verlegen und schüchtern ist, die im Publikum sich nicht für ihn interessieren. Von Sebastian Riemann

Die Autobiographie der Zeit von Lilly Lindner

Die Autobiographie der Zeit (Lilly Lindner)

Sie ist fünfzehn, als der Tod sie mitnimmt, denn sie ist zu größerem bestimmt. Sie ist mehr als ein einfaches Mädchen, das zur Schule geht und sich mit Freunden trifft. Sie ist die Zeit. Ihr Leben in Winter ist nun vorbei, ihre Zukunft ist die Erde, auf der es zu diesem Zeitpunkt noch keine richtige Zeit gibt. Sie erwacht dort in einem Menschenkörper, lernt die Menschen und ihre Gewohnheiten kennen, die sie mit ihrer Unsterblichkeit jedoch alle überlebt, für die sie nicht zu fassen ist. Zusammen mit Kevin, dem Raum, David, der Beständigkeit und Shay, dem Abgrund, die wie sie aus Winter auf die Welt gekommen sind und ihr den Rahmen geben, denkt sie über das Leben und die Menschen nach. Von Kathrin Plett

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson

Der weite Raum der Zeit (Jeanette Winterson)

Da die Geschichte irgendwo beginnen muss, wie Winterson schreibt, beginnt sie damit, dass der Barpianist Shep und sein Sohn Clo in einer heiß-schwülen Nacht in New Orleans Zeugen eines brutalen Mordes werden und in einer Babyklappe ein Mädchen und einen Aktenkoffer mit Unterlagen, 500.000 $ Bargeld, Schmuck, Diamanten sowie ein Notenblatt mit dem Namen Perdita finden. Shep nimmt alles mit und adoptiert das Baby auf unkonventionelle Weise. Nach Jahren verlieben sich Xenos Sohn Zel und Perdita ineinander. Sie machen sich daran, das Rätsel der Herkunft Perditas zu lösen. Von Almut Oetjen

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