Schnellübersicht der aktuellen Belletristik-Couch

Sie kam aus Mariupol von Natascha Wodin

Belletristisches Buch des Monats Juni: Sie kam aus Mariupol

Sie kam aus Mariupol erzählt an sich die Geschichte der Mutter, die sich 1956, vom Leben zermürbt, dem Tod in der Regnitz überlässt. Vorausgegangen sind bittere Jahre der Deportation aus der Ukraine, der Zwangsarbeit in Leipzig und des Lebens in einem Ghetto, unerwünschte Überbleibsel eines Krieges, vor dem man endlich die Augen verschließen möchte und dessen Gräuel sich nach den bitteren Jahren niemand mehr stellen mag. Die beiden in der Wohnung zurückgelassenen Töchter, zu diesem Zeitpunkt 10 und 4 Jahre alt, verlieren nach und nach die Erinnerung an die gebrochene Frau, die Unerwünschte in einem fremden Land, von ihrem Mann verlassen, der sich als Sänger fernab der Familie eine neue Existenz sucht. Dennoch mag die ältere der beiden Mädchen, Natascha nicht aufgeben. Sie sucht nach dem Hintergrund ihrer Mutter, zunächst nur oberflächlich, dann immer beharrlicher.

Lieblingsbuch: Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit

Lieblingsbuch: Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit

Denkt man an Friedrich den Großen, denkt man an den Feldherren, den preußischen Staatsmann, den aufgeklärten Monarchen, der Philosophen und Künstler zu seiner Tafelrunde einlud, man denkt an den Verfasser des Anti-Machiavelli, der selbst zum Unterdrücker wurde, man denkt auch an den Verfasser verschiedener Flötenkonzerte. Eine schillernde, vielfältige, mitunter widersprüchliche Persönlichkeit, die auch heute noch viele Menschen in ihren Bann schlägt. Nicht nur aufgrund der Geschichten um seine Person und seine Taten ist Friedrich der Große heute eine wichtige Figur der preußischen und deutschen Geschichte, sondern auch aufgrund der Bilder, die von seiner Vielfältigkeit zeugen. Er ist noch immer präsent, man kann ihn noch immer bewundern, weil er uns auf großen und kleinen Bildern in äußerst lebhafter Form dargebracht wird. Dieses Verdienst gebührt Adolph Menzel, dem großen realistischen Maler, dessen Werke unsere Ideen von Friedrich dem Großen und vom 19. Jahrhundert maßgeblich prägen.

Weitere aktuelle Besprechungen im Juni auf der Belletristik-Couch:

Kompass von Mathias Enard

Kompass (Mathias Enard)

Franz und Sarah sind Orientalisten, er kommt aus Wien, sie aus Paris. Bei gemeinsamen Forschungsaktivitäten lernen sie sich kennen und Franz verliebt sich in Sarah. Die lebensfrohe und offene Art von Sarah tut es ihm an, sie wird zu einem Engel für ihn. Wenn im Hintergrund die Sonne untergeht, erstrahlt ihr Gesicht in goldenem Glanz, wird eingerahmt wie ein Gemälde Leonardo da Vincis. Ein Zauber geht von ihrer Schönheit, aber auch von ihrem vitalen Wesen aus. Sarah hat ein unstillbares Interesse an ihrem Forschungsgegenstand, sie ist Forscherin mit Leib und Seele, kann nie genug sehen und lesen. Sie reist, um zu forschen, ihre Freizeit verbringt sie in Museen und Ausstellungen. Ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind immer ungewöhnlich und höchst interessant, Franz ist jedes Mal fasziniert, wenn er einen von ihnen liest und natürlich liest er alle Artikel von Sarah. Von Sebastian Riemann

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit (Benedict Wells)

Eine ganz normale Familie aus München: Vater, Mutter, drei Kinder. Bis zu jenem schrecklichen Tag, an dem ein Autounfall die drei Jugendlichen Jules, Marty und Liz zu Waisen macht. Die Geschwister müssen in ein Internat übersiedeln, wo sie – in unterschiedlichen Gruppen untergebracht – ihre Schulzeit fertig machen wollen. Für alle drei ist dies ein tiefgreifender Einschnitt in ihr Leben. Sie vermissen den familiären Zusammenhalt und rebellieren alle auf ihre eigene Weise gegen die neue Situation. Der bis dahin draufgängerische Jules – zieht sich in sich selber zurück und verschließt sich langsam. Marty, schon immer der "Intellektuelle" der Familie, wird zum Streber, der sich gegen seine Geschwister abgrenzt. Und Liz, bis dahin besonders von Jules behütet, befindet sich in freiem Fall. Von Rita Dell´Agnese

Die Zitronenschwestern von Valentina Cebeni

Die Zitronenschwestern (Valentina Cebeni)

Mit bestimmten Speisen sind oft Erinnerungen verbunden. Das eine Gericht erinnert vielleicht an frühere Urlaubstage mit der Familie, in der auf dem Campingkocher immer Ravioli gekocht wurden, der Vanillepudding hingegen an glückliche Stunden bei der Oma, die ihre Enkel mit selbstgemachtem Pudding verwöhnt hat. Doch auch negative Erinnerungen können an bestimmten Gerüchen und Rezepten hängen, sodass sie nicht mehr gegessen oder nachgekocht werden wollen. So kann es an dem Tag, als der geliebte Opa starb, Pizza gegeben haben, die nachher nicht mehr ohne Traurigkeit zu verspüren verspeist werden kann oder ein langer und schwerer Streit mit der Mutter kann einem zukünftig all ihre Rezepte verleiden. So ähnlich geht es auch Elettra, deren Mutter ins Koma gefallen ist. Schon lange spürte Elettra, dass ihre Beziehung durch viele Geheimnisse belastet war, die sich jetzt vielleicht niemals mehr aufdecken lassen werden… Von Kathrin Plett

Mutmassungen über Jakob von Uwe Johnson

Mutmassungen über Jakob (Uwe Johnson)

Jakob Abs und seine Mutter kommen auf der Flucht vor der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkrieges in den mecklenburgischen Ort Jerichow. Sie werden vom Kunsttischler Heinrich Cresspahl und seiner Tochter Gesine aufgenommen. Jakob und Gesine wachsen wie Geschwister auf. Im Herbst 1956 arbeitet Gesine als Dolmetscherin für die NATO. Ein Herr Rohlfs, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, will Gesine als Agentin gewinnen. Der Versuch einer Kontaktaufnahme über Gesines Mutter misslingt. In der Folge wendet sich Rohlfs mit seinem Anliegen an den 28-jährigen Jakob, der Reichsbahnbeamter der DDR und als Streckendispatcher auf einem Bahnhof an der Elbe für den Rangierbetrieb verantwortlich ist. Von Almut Oetjen

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