Val Di Non von Oswald Egger

Buchvorstellungund Rezension

Val Di Non von Oswald Egger

.ISBN-10: 351842582X, ISBN-13: 978-3518425824.

Bibliographische Angaben

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Das meint Belletristik-Couch.de: Drei: ich, der Hund, und wir beide, unterwegs in Wahnalleen87Treffer

Rezension von Almut Oetjen

Der Lanaer Schriftsteller Oswald Egger wird anlässlich des 130. Geburtsjahres von Georg Trakl am 3.11.2017 in Salzburg mit dem Georg Trakl Preis für Lyrik ausgezeichnet. Das legt nahe, sein neues Werk, >Val di Non<, als Lyrik zu sehen.

Oswald Egger wird bisweilen als großer Dichter bezeichnet, bisweilen als jemand, dessen Texte man beim besten Willen nicht verstehen kann. Nun schließt das einander nicht aus. Egger vereint in seinen Satzgefügen Elemente verschiedener Sprachen, darunter französisch, italienisch, altes und neues deutsch und mutmaßliche junge Verwandte bisher unbekannten Namens.

>Val di Non< experimentiert mit der Wahrnehmung in Bild und Text, der wiederum auch Bild werden kann. Der Autor bewegt sich durch eine im Alpenpanorama als binär codiert wahrnehmbare Welt, bestehend aus Bergen (1) und Tälern (0). Diese strukturieren oberflächlich das Val di Non, oder das Nonstal im Trentino, für den Wanderer auf dem Berge oder über dem Nebelmeer.

Egger gibt sich aber nicht zufrieden mit einem Ausflug, der ihn durch Berg und Tal bringt. Der Methode Gehen und Denken folgend, stellt er beim Wandern und gelegentlichen Innehalten grundsätzliche Fragen, die die Topographie betreffen. Aber vielleicht sind es auch schon Antworten. Er hat Texte geschrieben, in denen sein Interesse an der Mathematik deutlich wird.

Was geschieht, wenn die dreidimensionale Welt um eine Dimension verkürzt wird? Berge und Täler werden angepasst, es ergibt sich, was Edwin Abbott Abbott 1884 ein Flatland genannt hat, in der deutschen Fassung: Flächenland. Diese mehrdimensionale Romanze war zugleich mathematischer Essay und Satire auf den Viktorianismus und dessen Dimensionsverkürzungen.

Das Diktum, dem gemäß nichts existiert, von dem sich nicht das Gegenteil sagen lässt, führt zu der Frage, ob ein Tal ohne einen Berg überhaupt gedacht werden kann. Gibt es etwas in Abgrenzung gegen nichts, von dem sich mehr sagen lässt als: es sei etwas? An nichts kann ein denkfähiges Gehirn nicht denken, weil es dabei immer daran denkt, an nichts zu denken. >Nihilum Album< heißt ein anderer Titel von Egger. Das Südtiroler Nonstal, seine Heimat, ist ein Gebilde, in dessen Namen die Verneinung enthalten ist. Durch dieses Nichts geht Egger, bisweilen nickend wie eine Henne, und erzeugt beim Gehen etwas, wie auch beim Innehalten und Beobachten von Details, die skizziert werden und als Illustrationen den Text komplementieren. So erfahren wir beispielsweise, dass buttrige Glättungen existieren, haben eine Ahnung, was gemeint sein könnte, glitschen dabei aber oft genug aus.

Das Nonsberger Störungsbündel hört sich an wie ein physikalisches Phänomen, eine Flyschdistel liest sich wie eine Pflanze, die sich mit einem in der Physik verwendeten Kolben gepaart hat.

Unbeschuhtes Gehen und Denken nach Karmeliterart

Egger leitet sein Buch mit einem Zitat des spanischen Karmeliters und Mystikers Johannes vom Kreuz/Juan de la Cruz ein, der wegen „Überschreitung seiner Zuständigkeiten“ gefangen und gequält wurde und seine mystischen Erfahrungen dichterisch fixierte. Was folgt, liest sich bisweilen weniger als Physik denn Metaphysik. Seine Beobachtungen beim Durchmessen des Nonstals lösen sich vom Ganzen und erwecken den Eindruck, Google habe bereits eine direkt in das menschliche Auge transplantierbare Makrolinse entwickelt, die sich bei Oswald Egger in der Testphase befindet.

Die Details werden verflochten zu einem Gewebe, das ein begehbares Landschaftsprogramm wird: „Drei Wege weiß ich, vier Wege geh ich“. Statische Konstrukte werden skizziert, in der und durch die Skizze dynamisiert, wodurch der Zusammenhang von Sein und Werden, im Werden Zeit, deutlich wird.

Die strukturierende Größe ist der Erzähler, der im Text vorkommt, der, wenn er nicht gerade geht, unbewegt ist und aus dieser Unbewegtheit heraus bewegt, schöpft, skizziert, flechtet, seine eigene Welt erschafft, die vielleicht dem Tal des Titels ähnelt. Er verformt das Flache zum Nicht-Flachen, und er nennt das Flache Tal und das Nicht-Flache Berg. Das eine ergibt sich aus dem anderen, wie sich das andere aus dem einen ergibt – über Transformation.

Vieles liest sich, als suchten die Worte sich auf Pfaden Verbindungen, die dem Satz seinen Sinn geben. Wie eine Bodenflechte. Bei Wahrnehmung eines Minisegments nimmt man es gar nicht wahr, nicht den Sinn und nicht die Flechte. Am Ende schreibt er über seine Schöpfung nicht, und sie war gut, sondern: „Zwölf interim offene Intervall-Kapitel, durchrätselt von 365 lautgewordenen Gedanken (in Form von Worten und in Formen ohne Worte)“. Sind Formen ohne Wort für einen Menschen, der Worte hat, denkbar?

Sprachliche Grenzverschiebung

Die Nicht-Verstehbarkeit hat mit den Grenzen der Sprache zu tun. Eine Grenzverschiebung erfolgt über den aktiven Umgang mit Sprache, mit dem Schöpfungsakt, dem von neuen Wörtern, die man gerne Neologismen nennt. Egger ist ein Hexer im Wortebergwerk, baut immer wieder neue ab, dreht und wendet sie, weist sie einem Zusammenhang zu oder auch nicht. Das macht es der Rezeption nicht leicht. Vielleicht kümmert es den Dichter nicht, ließe sich arg oder anders wöhnen. Mag sein, aber beim Lesen stellt sich doch mitunter das immerhin: Gefühl ein, Mann oder Frau habe etwas verstanden. Jedenfalls liest es sich irgendwie aufregend, auch bewusstseinserweiternd ohne medizinisch relevante Nebenwirkungen, und die meisten Sätze sind klar verständlich, zumindest im Sinne des Lese-Verstehens. Der Rest ist Arbeit, und das ist gut so, denn es heißt ja recht und viel zu oft, der Mensch werde erst durch Arbeit zum Menschen. Und dabei ist es hilfreich, sein Denken zu entknoten, Begriffe und Wortteile zu rekombinieren.

Der entgegenkommende Sinn

Und weil ein Philosoph schreibt, nichts sei ohne Sinn: nach erfolgter Schöpfung liegt der Sinn in der Existenz. Und soweit es den Aspekt der Schöpfung angeht, verhält es sich wie mit Kindern: sie sind immer ein Wunder, jedes ist immer das schönste, in der Horde sind sie ein Gedicht, in ihrer Anlage, als Investment, die Zukunft. Also: ein schönes Buch, das Spaß macht beim Lesen. Ob es ein Gedichtband ist, ein Roman, oder etwas anderes, ist eine Frage, die hier nicht beantwortet werden soll, weil eine Festlegung einer Einschränkung gleichkäme. Abgesehen davon, dass ich diese Frage nicht beantworten kann und die Texte wie Prosamosaiken aussehen, die Lyrik sein könnten.

Das Buch enthält viele Zeichnungen Oswald Eggers, die komplementär zu sehen sind, als visueller Text gelesen werden können, den gedruckten Text kommentieren. Jeweils eine halbe Seite ist mit durchgehendem Text bedruckt, die andere halbe Seite bietet kleine Versartige und Skizzen und Platz für Notizen. Also durchaus auch ein Buch für die, die nicht gerne lesen. Es ist aber auch ein Buch für Menschen, die schöne Bücher mögen.

Vielleicht ein Buch über das unbedingte Lesen zur Erfassung des entgegenkommenden Sinns, wer weiß das schon.

Almut Oetjen, Oktober 2017

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