Die Kapuzinergruft von Joseph Roth

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1938 bei De Gemeenschap.

Bibliographische Angaben

  • Bilthoven: De Gemeenschap, 1938.
  • München: dtv, 2003.ISBN: 3423131004.192 Seiten.
    • [Hörbuch] Zürich: Diogenes, 2007.Gesprochen von Peter Matic.ungekürzte Ausgabe.ISBN: 3-257-80160-2.5 CDs.

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    In Kürze:

    Die Geschichte des Leutnants Trotta, dessen Schicksal mit dem Untergang der k. u. k. Monarchie unauflösbar verwoben ist.

    Die Kapuzinergruft, Grabstätte der österreichischen Kaiser, wird hier zum Symbol der vergangenen Donaumonarchie. Der Roman spielt kurz vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg; er endet mit dem sogenannten »Anschluß« Österreichs an das Deutsche Reich 1938.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Unbeschwert in den Abgrund«76

    Rezension von Sebastian Riemann

    Der Untergang der k.u.k. Monarchie ist Thema diesen schmalen Buches, in welchem der Autor Roth fortführt, was er schon einige Jahre zuvor mit seinem Radetzkymarsch begonnen hatte. Er beschreibt ohne allzu viele historische Details das Ende des Imperiums Österreich-Ungarn. An dessen Spitze stand der Kaiser, eine Figur von geradezu göttlichen Ausmaßen und übermenschlichem Antlitz. Er symbolisierte den hohen Anspruch, den das Reich hatte. Mehr als ein einfacher Mensch war er und vereinigte auf sich die Vielfalt, die unüberschaubare Größe des Vielvölkerstaates. An ihm hingen Identität, Vergangenheit und Zukunft des Staates. Stirbt der Kaiser, stirbt das Reich. Österreich-Ungarn und Franz Joseph waren eins. Unzertrennlich.

    In der Kapuzinergruft wurden die Überreste des Hauses Habsburg begraben, dort befinden sich die Gebeine vieler Erzherzöge und Kaiser, die über die Jahrhunderte die Geschicke der Monarchie lenkten. Franz Joseph liegt dort zusammen mit Sissi und ihrem gemeinsamen Sohn Rudolf. Mit seinem Sarg, so will es die Geschichte und die vorliegende Erzählung, wurde das Ende des Kaiserreiches eingeläutet, es verschwanden die Großartigkeit, die Einzigartigkeit des Reiches und seiner Bewohner, die kurz nach dem Tod des Kaisers auch die Niederlage im Ersten Weltkrieg hinnehmen mussten. Danach zerfiel das Staatsgebilde, die Menschen gehörten plötzlich nicht mehr zur k.u.k. Monarchie, sondern waren ordinäre Bürger Polens, Ungarns, der Tschechoslowakei oder anderer Länder, die sich neu gründeten und das Joch der Fremdherrschaft abschüttelten. Österreich wurde ein gewöhnlicher Staat, einer unter vielen.

    Für den junge Trotta, dessen Familie aus dem Radetzkymarsch bekannt ist, bedeutet der Untergang des Reiches das Ende der eigenen Identität. Was zum einen auf der großen weltpolitischen Bühne geschieht, vollzieht sich ein zweites Mal im familiären Maßstab der Trottas. Roth beschäftigt sich nicht mit den historischen Begebenheiten, in denen das Ende der Donaumonarchie ihren Ausdruck fand, sondern zeigt vor der geschichtlichen Kulisse eine Familiengeschichte, die von Zerfall und überholtem Glanz kündet.

    Der Held von Solferino war ein Held, da er dem Kaiser das Leben rettete. Infolge seiner Tat wurde er ausgezeichnet und seine Familie mehrfach begünstigt. Franz Ferdinand, der Protagonist der Kapuzinergruft, ist ein Nachkomme dieses Helden, doch wenig heldenhaft. Er lebt vom Ruhm und Geld der Vergangenheit. Die Nächte verbringt er mit seinen Freunden, sie trinken und feiern bis in die Morgenstunden, habe keine Sorgen und keine Pläne für die Zukunft. Ihre größte Leidenschaft ist die Sorglosigkeit. Arbeiten muss und kann Franz Ferdinand nicht, seine Freunde ebenso wenig.

    Heimlich ist Franz Ferdinand verliebt. In eine junge Dame namens Elisabeth, die ihm sehr gefällt und mit der er vielsagende Blicke austauscht. Nur aussprechen kann er das Ganze nicht, da es ihm unangenehm, geradezu peinlich wäre vor seinen Freunden, die an solch überholte Ideen wie Liebe und Heirat nicht glauben. Das ist seine größte Sorge.

    Gegessen wird am Tisch der Mutter, einer alten, strengen Dame mit gehobenen Umgangsformen und Ansprüchen. Auch ihr kann der junge Trotta nichts von seiner geheimen Liebe erzählen, er fürchtet die Ablehnung der Mutter.

    Als Franz Ferdinand 1914 zur Zerstreuung in den Osten des Reiches fährt, um den Sommer dort zu verbringen, bricht der Krieg aus. Ein Verwandter und ein Freund von ihm werden sogleich eingezogen. Sie waren seine Gastgeber in der ländlichen Idylle, mit ihnen wollte er das einfache Leben abseits des Wiener Trubels genießen. Die Mobilmachung ist allumfassend, auch Franz Ferdinand muss abreisen, zurück nach Wien, um sich dort zum Kriegsdienst zu melden. Aus der sorglosen Urlaubsreise wird der Beginn des Endes.

    Nach dem Krieg ist das Leben Trottas nicht mehr das gleiche, es fehlt ihm an Geld und an Möglichkeiten. Über den Vater seiner Frau und ein paar dubiose Gestalten versucht er ins Geschäft zu kommen, muss aber bald feststellen, dass es kaum ein Geschäft gibt und sein Geld – welches seiner Mutter gehört – sich langsam auflöst. Mit der Sorglosigkeit ist es vorbei, das leichte, fröhliche Leben ist passé.

    Joseph Roth schrieb ein Buch, in dem der erste Weltkrieg eine wichtige Rolle spielt, aber kaum Erwähnung findet. Die Kriegsgeschehnisse werden nur ansatzweise erwähnt und auch das Schicksal Trottas, seine Kriegsgefangenschaft, wird nur grob umrissen. Es geht nicht um den Krieg. Das Ende, das er bringt, kündigte sich schon vorher an, in der Lebensweise der gehobenen Gesellschaft, die ohne Werte und ohne Ziele ihre Zeit verbrachte, das Dasein verkommen ließ. In allem steckte schon der Verfall. Der Krieg brachte lediglich das morsche Haus zum Einsturz. Und die Bewohner des Hauses erhoben keine Einwände, es kümmerte sie nicht, sie waren zu sehr mit sich selbst, mit ihren kleinlichen Problemen beschäftigt.

    Bei allem Können und Geschick, das die Literatur Roths auszeichnet, kann der Leser nicht umhinkommen, eine gewisse Hastigkeit und Simplizität im vorliegenden Buch zu erkennen. Die Ereignisse überraschen nicht, alles läuft auf einen Punkt zu und dieser Punkt ist von Leere erfüllt. Der unbedachte Untergang hängt beständig in der Luft und macht alles ein wenig eintönig. Auch die emotionalen, starken Momente, in denen der junge Trotta unter dem Tod des Dieners und unter der Enttäuschung gegenüber seiner Frau leidet, kommen dagegen nicht an.

    Sebastian Riemann, April 2017

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