Die Irrfahrt des Michael Aldrian von Gerhard Roth

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Die Irrfahrt des Michael Aldrian, bei S. Fischer.

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2017 unter dem Titel Die Irrfahrt des Michael Aldrian.496 Seiten.

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    Rezension von Almut Oetjen

    Michael Aldrian ist ein nachdenklicher Mensch. Seit Kindertagen kann er musikalische Werke nach einmaligem Anhören minutiös wiedergeben. Er arbeitete als Souffleur in der Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen. Ein Hörsturz beendete seine Karriere. Seine Frau verließ ihn. Da Michael auch in Kunstgeschichte bewandert ist, fasst er den Entschluss, seinen Bruder Jakob und seine Schwägerin Elena in Venedig zu besuchen und einen Reiseführer über die Stadt zu schreiben.

    Bereits die Anfahrt in einem Schlafwagen wird zu einer komischen Szene, als das zweite Bett im Abteil von Gottlieb Heinzl, einem saufenden und furzenden Vertreter für optische Geräte belegt wird. Roth nutzt die Bahnreise seines Protagonisten als Gelegenheit, eins seiner Lieblingsthemen aufzugreifen: Bienen, hier angereichert um Kindheitserinnerungen Michaels an den Forscher Karl von Frisch.

    Als Michael in Venedig ankommt, erfährt er, dass Jakob und Elena unauffindbar verschwunden sind. Als Bruder gerät Michael natürlich sofort unter Verdacht, so ist dies halt in möglichen Kriminalfällen. Jakob ist ein Fälscher, eine gute Ausgangslage für ein Verbrechen an ihm.

    Zitat: „Dann werde ich etwas tun, das keinen Sinn ergibt.“

    Bei Michaels Streifzügen durch Venedig sind die Leser und die Leserinnen dabei. Im Detail erschließt Michael uns auf seinen Wegen den Fischmarkt, das Archivio di Stato di Venezia und den Dogenpalast. Wie in den Romanen von Dan Brown verlangsamen diese Exkurse die Handlung. Da diese bei Roth jedoch keine bewegungsreiche Action ist und er ohnehin andere Dinge vorhat, stört dies nicht. Die Stadt ist ein Organismus, zu dem die Architekturen gehören, will man ihn verstehen. Das Verstehen kann man sich einbilden, aber über verschiedene Gebäude, Kunstgegenstände und Menschen weiß man dann doch etwas.

    Kulturelle Streifzüge und kriminalistische Ermittlungen Michaels laufen zusammen. Er ist über den Kulturbetrieb vernetzt in Venedig, wie dies ansonsten nur ein Agent und Auftragskiller wie Jason Bourne ist, spricht fließend italienisch und kann unter besten Bedingungen Einrichtungen der Stadt besuchen.

    Er wird vom ermittelnden Commissario Galli auf dem Laufenden gehalten. Oder besser: er hält den Commissario informiert, wenn auch nicht auf der Höhe seiner eigenen Rechercheergebnisse. Aber der Polizist ist ohnehin keine große Hilfe und rät Michael wie in einer karthagischen Slapstick-Nummer am Ende nahezu jedes Gesprächs, endlich Venedig zu verlassen und nach Wien zurückzukehren. Weshalb es auch nachvollziehbar ist, dass Michael ihn nicht nur informiert, sondern auch desinformiert, belügt und manipuliert. Unterstützung erfährt er durch seine nach Jahren der Verehrung endlich zur Geliebten gewordenen Journalistin Beatrice Stefanelli.

    Michael wird niedergeschlagen und in sein Bett gelegt, er erhält Morddrohungen und ein Paket mit 100.000 Euro Falschgeld, angeblich von seinem Bruder, dann eine Sendung mit zwei abgeschnittenen Händen. Es gibt mehrere Tote. Commissario Galli bringt Michael mit allen möglichen kriminellen Handlungen in Verbindung, er soll Beteiligter sein in dem Geldfälscherring, dem auch Jakob zugeordnet wird, er soll mit dem russischen organisierten Verbrechen zusammenhängen, aber auch das russische Bandenmitglied Vladimir Iwanow ermordet und im Wasser Venedigs entsorgt haben.

    Der Roman bildet den Auftakt zu einer Trilogie mit Handlungsort Venedig, wo sich die Hauptfigur an der Welt, am Alltag abarbeitet und darüber den Verstand zu verlieren droht, falls dies nicht längst geschehen ist. Zum alltäglichen Wahnsinn, das erfahren wir bei Roth, gehören auch Kommissare, die auf einer vorgegebenen Seitenzahl – oder innerhalb einer Frist von um die neunzig Minuten – Kriminalfälle jeglicher Art lösen. Dabei folgen die Leser nur einer Konstruktion, und ist diese oder halten sie diese für plausibel, dann ist alles klar. Die Leser wie auch Zuschauer werden manipuliert. Ist ein Fall eindeutig lösbar, wenn wir alle verfügbaren Informationen auswerten?

    Zu Beginn des Romans trifft Michael auf seinen Wohnungsnachbarn Philipp Artner, der Roth-Lesern bereits bekannt ist. Er erzählt Michael, dass er an einem Kriminalroman mit Handlungsort Venedig arbeitet, in dem Michael mitspielt. Im Verlauf seiner Ermittlungen bekommt Michael das Gefühl, wahnsinnig zu werden.

    Wir erfahren manches über die Historie der Stadt, die Sammlungen von alten Dokumenten, das ausgefeilte Überwachungssystem seiner Zeit, welches der Auslandsspionage wie auch der Kontrolle der eigenen Bürger diente.

    Roth baut in seinen Text das eine oder andere Klischee ein, das für die Wahrnehmung von Venedig so verbreitet ist, darunter die Einschränkungen durch das Hochwasser und die Touristenschwärme, die in die Stadt einfallen. Es wird deutlich, dass diese Perspektive auf Venedig eine romantische Konstruktion ist, wie Menschen sie lieben. Michaels Suche ist auch eine Reise in die Eingeweide der Stadt. Hochwasser und Kleingetier haben das Staatsarchiv, Venedigs historisches Gedächtnis, in Mitleidenschaft gezogen. Roth erzählt den Lesern mehr als der Ermittler herausbekommt.

    Gerhard Roth interessiert sich für Bienen, die wiederholt in seinem Werk vorkommen. Er hat Essays über Bienen veröffentlicht und vor, ein Buch über sie (und über Imker) zu schreiben. Hoffentlich meint er dies nicht nur ernst, sondern realisiert das Projekt auch.

    In Gerhard Roths „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“ begibt sich der Protagonist auf eine Suche und weiß nicht, in was er hineingezogen wird – beispielsweise in Verbrechen. Je mehr Details durch seine Suche erhellt werden, desto dunkler wird das Gesamtbild. Michael Aldrian gerät in einen Konflikt und nimmt einen Kampf an, aber nicht heldenhaft, sondern mit Verhüllungen und Täuschungen, durch Ertragen von körperlichem und seelischem Schmerz.

    Almut Oetjen, Oktober 2017

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