Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf von Patricio Pron

Buchvorstellung und Rezension

deutsche Ausgabe erstmals 2013 .

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2013. Übersetzt von Christian Hansen. ISBN: 978-3-498-05311-6. 224 Seiten.

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In Kürze:

Ein junger Mann kehrt aus Deutschland nach Argentinien zurück, weil der Vater im Krankenhaus liegt. Er wohnt wieder daheim, wie in seiner idyllischen Kindheit und Jugend. Im Schreibtisch des Vaters entdeckt er jedoch Zeitungsausschnitte und Fotos, die eine ihm unbekannte Vergangenheit enthüllen. Wer waren die Freunde des Vaters? Warum starb sein Mitschüler, und wohin verschwand dessen Schwester? Indem er alldem nachgeht, findet er heraus, dass seine Eltern während der argentinischen Militärdiktatur politisch aktiv waren, sich an gefährlichen Aktionen beteiligten und täglich das für ihn so unbeschwerte Familienleben riskierten. Alles war anders, als er dachte. Seine Familie, sein ganzes Leben erscheinen in einem neuen Licht. Ihm wird bewusst, was die Eltern alles leisteten, damit er heute so leben kann, wie er lebt.

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Rezension von Britta Höhne

Auf einmal scheint sich die Welt um Argentinien zu drehen. Nicht nur, dass es die Heimat des neuen Papstes ist, auch zahlreiche Autoren des südamerikanischen Landes halten Einzug im hiesigen Buchmarkt. Einer davon ist der 1975 in Buenos Aires geborene Autor Patricio Pron, der in Göttingen Germanistik und Romanistik studiert hat und laut Klappentext seines neuesten Romanes Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, jetzt in Madrid lebt.

Der leicht gestelzt klingende Titel des Erstlingswerks des Autors, der bereits mit Erzählungen debütierte, kommt seiner zu Papier gebrachten Collage gleich. Was keine Kritik sein soll, sondern durchaus eine Besonderheit in der heutigen Romanwelt darstellt. Pron wagt etwas, er skizziert eine temporeiche Geschichte, in die er gekonnt einerseits, staccatohaft andererseits, Briefe, Fotos, ein Rezept für argentinischen Hackbraten, Nacherzählungen amerikanischer B-Movies, Akten, Zeitungsartikel, Träume, Erinnerungen der Elterngeneration und wohl auch Wahres und Unwahres einfließen lässt.

»In den acht Jahren zwischen März oder April 2000 und August 2008, in denen ich durch Deutschland reiste, Artikel schrieb, dort lebte, bewirkte der Konsum gewisser Drogen, dass ich fast vollständig das Gedächtnis verlor...«

Der Roman beginnt nicht gut, zumindest nicht für das Gastland des jungen Argentiniers, der nach rund 95 fast hirnlosen Monaten, Deutschland den Rücken und in seine Heimat zurück kehrt. Der Grund ist ein trauriger: Sein Vater ist schwer erkrankt und liegt im Spital.

Kaum zurück, holen ihn die Erinnerungen an eine weitestgehend glückliche Kindheit ein. Doch er wird bald verstehen, dass das Glück kein verlässlicher Bote ist. Das es kommt und geht und vielen in der argentinischen Militärdiktatur das Leben gekostet hat. Der junge Ich-Erzähler recherchiert in den Unterlagen seines Vaters. Und wird fündig. Die Geschichte einer jungen Frau war von großem Interesse des dahin siechenden Erzeugers. Der Sohn versteht lange nicht warum, bis der Bruder der verschwundenen Frau viele Jahre später ermordet wird und die Geschichte zu einem dicken Parallelstrang verläuft.

Hier beginnt Prons Sisyphusarbeit. Setzt er doch unzählige Dokumente zusammen, um dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Auf dem steinigen Weg dorthin erkennt er, dass seine Eltern ein politisch gewagtes Spiel im Untergrund spielten. Ein gefährliches dazu, da die Militärjunta nicht gezögert hat, vermeidlich falsch gesinnte Menschen verschwinden zu lassen.

Der junge Argentinier findet sich in einem Wust von Geschichte, Land und Familie, Literatur, Zeitungsarbeit und vielem mehr wieder. Zu viel für einen jungen Mann offensichtlich, dessen Hirn nicht nur drogendurchtränkt sondern auch durch reichlich Medikamente benebelt schien.

Nach dem Tingeltangel-Leben in Deutschland sieht sich der Heranwachsende in einem anderen Licht. Er begreift, dass er all das, was er sein eigen nennt, nur haben kann, weil seine Eltern für ihn, für seine Generation, gekämpft haben. Er ahnt, dass nichts selbstverständlich ist, alles ist besonders – ganz besonders das Leben. Dann nämlich, wenn es wie das des Vaters am seidenen Faden hängt.

Alpträume halten Einzug in das Gehirn des jungen Mannes. Sein Leben wirkt abstrus und mit den Nächten wird es immer unerträglicher. In einer Sequenz erinnert Prons Darstellung eines Babys, das in einem außerhalb des Körpers der Frau befindlichen Uterus heran wächst, stark an Yoko Ogawa, die in »Das Ende des Bengalischen Tigers«, einer ihrer Protagonisten das Herz aus dem Körper hingen ließ. Ein Sattler fertigte eigens für dieses empfindliche Organ eine Tasche an.

Bei Pron trägt die Frau ihren Uterus ebenfalls in einer Tasche, bei Nachfrage stellte sie ihre Besonderheit gerne zur Schau:

»Der Uterus besaß die Ausmaße eines Schuhs; in ihm befand sich ein im Entstehen befindliches Baby...«

Patricio Pron ist ein wunderbar besonderer Debütroman gelungen. Anders, als viele andere. Erschrecken die zahlreichen Auflistungen, etwa von Medikamenten, Büchern und Namen zuweilen, begeistert eben das an anderer Stelle ganz besonders. Pron arbeitet sich durch die Liste der besonderen Stilmittel. Was dabei heraus gekommen ist, ist weniger ein fließender Romantext als viel mehr eine mäandernde Collage, deren Inhalt derart gefüllt ist, voller Neugier steckt, dass eines gewiss ist: Der Protagonist hat vielleicht vieles verloren, aber Gewiss nicht sein Gedächtnis.

Britta Höhne, Mai 2013

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