Der wohltemperierte Leierkasten von James Krüss

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1961 bei S. Mohn.

Bibliographische Angaben

  • Gütersloh: S. Mohn, 1961.
  • München: cbj, 2013.128 Seiten.

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    In Kürze:

    Sehr geehrte werte Kinder, heut verlor ich manchen Reim …aber es wäre doch gelacht, wenn der sich nicht in diesem wunderschönen Gedichtband wiederfinden ließe! Krüss’ Poesie zeichnet sich stets durch lautmalerische Leichtigkeit, feinen Humor und unbändige Phantasie aus. Dies spiegelt sich auch in den unbeschwerten und farbenfrohen Illustrationen von Katrin Oertel wider. Zum Lesen und Vorlesen, Lachen und Schmunzeln, Anschauen und Genießen – ein zeitloser Klassiker, nicht nur für kleine Leute!

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Worte wie lodernde Flammen«

    Rezension von Britta Höhne

    Hörst du, wie die Flammen flüstern,
    Knicken, knacken, krachen, knistern,
    Wie das Feuer rauscht und saust,
    Brodelt, brutzelt, brennt und braust?

    Nahezu jeder kennt ein paar Zeilen aus diesem Gedicht, das insgesamt aus sechs großartigen Strophen besteht. Nahezu jeder weiß, dass sich nach dem Aufbegehren der Flammen, am Ende alles in einem leisen, letzten Züngeln verrennt – und »Aus«. James Krüss ist der Verfasser des Gedichtes mit keinem geringeren Titel als »Das Feuer«, welches bereits vor gut fünf Jahren Eingang in den wunderschönen Gedichtband Der wohltemperierte Leierkasten, Gedichte für Kinder, Erwachsene und andere Leute fand.

    Krüss ist ein Phänomen. Krüss ist bei den Dichtern in etwa das, was vielleicht Felix Mendelssohn Bartholdy bei den großen Klassikkomponisten ist. Jeder kennt den von ihm komponierten Hochzeitsmarsch, eines der mit am häufigsten gespielten Klassik-Stücke, aber gefragt nach dem Komponisten, zucken die meisten mit den Schultern. Kaum ein Deutschkurs kommt ohne Krüss aus: Sei es seiner Wortakrobatik wegen, wie sie eben in »Das Feuer« zu Geltung kommt, jeder sehen kann, wie das Feuer zu brausen beginnt, lodert, züngelt, tanzt, zuckt, brenzlig brutzelt – auch der Zynismus in Krüss’ Zeilen ist es, der aufhorchen lässt und nachdenklich stimmt. Krüss ist alles andere als ein Schreiber für Kinderverse.

    Das Krüss-Sammelsurium ist in jeder Hinsicht ein Schatz. Vereint es doch Gedichte für große, kleine und müde Menschen. Es ist unterteilt in monatlich zu Lesendes, für Wanderer, Spaziergänger und andere gesunde Leut, für alle, die mit Tieren befreundet, bekannt oder verwandt sind. Schön sind auch die Texte für all jene, »die gern auf dem Kopf stehen«. Der gebürtige Helgoländer spielt mit der Sprache. Er entwurzelt Wörter und verwurzelt sie neu, was besonders schön im Gedicht »Am siebzehnten Oktebruar« zur Geltung kommt. Er hat es ihm nachgetan, der Krüss dem Erich Kästner, der sich stets auf den 35. Mai berief.

    Das besondere an diesem farbenfrohen Band ist, dass eben jener Erich Kästner mit einem Nachwort aus dem Jahre 1961 Krüss’ Textsammlung beschließt. Es beginnt wie folgt:

    »Als James Krüss am 31. Mai 1926 auf der Insel Helgoland das Licht der Welt, den Leuchtturm und die Nordsee erblickte, war ich 27 Jahre, 3 Monate und 5 Tage alt. Bei diesem nicht unbeträchtlichen Altersunterschied zwischen ihm und mir ist es begreiflicherweise geblieben. Dergleichen lässt sich nicht korrigieren. Krüss und mich trennt, kurz gesagt, eine Generation. Sonst aber, glaube ich, trennt uns wenig.«

    Der Ritterschlag eines Erich Kästners ist durchaus begründet, genehmigte dieser doch dem damals jungen Krüss aus dem Buch Die Konferenz der Tiere ein Hörspiel zu entwickeln. Krüss erledigte seine Arbeit mit Bravour. Kästner war begeistert, auch weil Krüss, wie er selbst, den Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat, um sich zuvörderst der Literatur für Kinder und Jugendliche zu widmen.

    Krüss wie auch Kästner haben ihr Metier erweitert. Beide Autoren haben Texte und Gedichte für Erwachsene geliefert, die in beiden Fällen mit Kritik an der Gesellschaft – der jeweiligen Zeit – nicht sparten. Später lobte Kästner, der sich für den Entdecker Krüss’ hält:

    »James Krüss hat Glück gehabt? Freilich! Auch Glück ist ein Talent, und wer kein Glück hat, hat ein Talent zu wenig.«

    Für die Schönheit des nicht gerade kleinen Bandes sorgen – neben den Texten – die großartigen Illustrationen von Katrin Oertel. Sie machen in diesem Kontext die Gedichte und Texte zu einem Gesamtkunstwerk. Da sitzen etwa Trampeltiere auf Bäumen, Pferde hängen an Ästen und eine ganze Batterie an Menschen und Tieren (mit Schwein) niesen um die Wette.

    Der Sammelband ist ein Glücksgriff. Besonders auch für Große. Und an dieser Stelle muss er noch einmal zitiert werden, der vom Nachwort, Erich Kästner:

    »Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.«

    James Krüss ist es gelungen. Er hat sich das Kind bewahrt:

    Wenn die Möpse Schnäpse trinken
    Wenn die Möpse Schnäpse trinken,
    Wenn vorm Spiegel Igel stehn,
    Wenn vor Föhren Bären winken,
    Wenn die Ochsen boxen gehen,
    Wenn im Schlafe Schafe blöken,
    Wenn im Tal ein Wal erscheint,
    Wenn in Wecken Schnecken stecken,
    Wenn die Meise leise weint,
    Wenn Giraffen Affen fangen,
    Wenn ein Mäuslein Läuslein wiegt,
    Wenn an Stangen Schlangen hangen,
    Wenn der Bieber Fieber kriegt,
    Dann entsteht zwar ein Gedicht,
    aber sinnvoll ist es nicht!

    1962 verfasste Krüss sein wohl bekanntestes Werk: Timm Thaler, das 1979 als Fernsehserie verfilmt und auf dessen Geschichte eine Animationsserie aus dem Jahre 2002 basiert. 1965 erwarb James Krüss ein Haus in dem Dorf La Calzada auf Gran Canaria, wo er mit seinem Lebensgefährten Dario Perez wohnte. 1997 starb der Autor auf Gran Canaria. Er wurde am 27. September vor seiner Heimatinsel Helgoland auf See bestattet.

    Britta Höhne, Februar 2017

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