Veronika Peters

11.2019 Lea Gerstenberger im Gespräch mit Veronika Peters, Autorin von "Die Dame hinter dem Vorhang".

"Ich bin keine Fachfrau für Lyrik, mir haben sich Edith Sitwells Gedichte erst erschlossen, als ich sie diese selbst habe lesen hören."

Belletristik-Couch.de:
In Ihrem Roman „Die Dame hinter dem Vorhang“ schreiben Sie über eine reale Figur: Edith Sitwell, zweifelsohne eine faszinierende und facettenreiche Persönlichkeit. Was hat Sie dazu bewogen, einen Roman über ihr Leben zu verfassen, und wie haben Sie sich dieser exzentrischen Person genähert?

Veronika Peters:
Ich bin eigentlich durch ein Buchcover, auf dem sie abgebildet war, auf Edith Sitwell gestoßen, sodass mich zuerst ihre Optik total fasziniert hat und ich mich mit ihr beschäftigt habe. Gleichzeitig kam sofort die Frage auf, was dahintersteckt, wer diese Frau ist. An ihr hat mich besonders das Exzentrische gereizt, sie hat sich immer wieder selber inszeniert. Aber auch, dass sie eine Frau war, die sehr autonom lebte, die sich das auch wirklich etwas kosten ließ. Zu einer Romanfigur von mir ist sie am Ende aber geworden, weil mich die Brüche in dieser Figur am meisten interessiert haben. Ich habe einerseits die exzentrische, große Dichterfürstin, aber andererseits habe ich auch die gebrochene, leidende Frau. Und deswegen kann man den Titel auch ein bisschen als Metapher lesen, das versucht eben der Roman – nicht krawallig auf die spektakuläre, laute Edith Sitwell, sondern ein bisschen hinter den Vorhang zu schauen. Mit der gebotenen Diskretion, hoffe ich. Aber es hat mich einfach nicht mehr losgelassen, mich mit ihr zu beschäftigen.

Belletristik-Couch.de:
Nun sprechen Sie von den Brüchen in Sitwells Biografie. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, sie zu treffen, würden Sie Edith Sitwell lieber in jungen Jahren oder als ältere Frau kennenlernen?

Veronika Peters:
Gute Frage! Ich würde die ganz alte Edith Sitwell kennenlernen wollen. Einfach, weil ich mich sehr gerne mit ihr über ihr ganzes Leben unterhalten würde. Und weil es so ein wunderbares Interview mit ihr gibt, „Face to Face“ von der BBC [1959, Anm. L.G.]. Ich bin sehr verliebt in Edith Sitwell in diesem Interview, und in dieser Phase ihres Lebens würde ich sie gerne kennenlernen.

Belletristik-Couch.de:
Haben Sie bei oder nach Ihrer Recherche dann auch versucht, viele Aussagen oder Begegnungen, die historisch verbrieft sind, in Ihren Roman einfließen zu lassen, oder haben Sie doch eher auf die Fantasie gesetzt?

Veronika Peters:
Es gab verschiedene Phasen bei der Arbeit. Zum einen war klar, dass es ein Roman wird und keine Biografie. Und deswegen kann der Roman natürlich auch spielen. Was ich aber tatsächlich versucht habe ist, mich an die Stationen ihres Lebens zu halten, das sollte schon stimmen. Also von daher gab es erst einmal eine ganz lange Phase der Recherche. Ich liebe diese Zeit auch sehr, gerade die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich bin aber keine Historikerin und habe mich da eben erst einmal reingearbeitet. Und dann war sozusagen der nächste Schritt, meine Geschichte in dieser Biografie zu finden, zu sehen, welche Geschichte sich da rausschält.

Belletristik-Couch.de:
Sie stellen Edith Sitwell in Ihrem Roman mit Jane Banister eine fiktive Person zur Seite, aus deren Perspektive erzählt wird. Weshalb haben Sie sich dafür entschieden?

Veronika Peters:
Das hat sich angeboten, weil ich eben einen anderen Blick wollte. Deshalb habe ich die fiktive Erzählerin Jane in das Leben von Edith Sitwell eingebunden. Gleichzeitig hat mir das auch die Möglichkeit gegeben, ein bisschen was über die gesellschaftlichen Schichten zu vermitteln, die damals eben sehr streng strukturiert waren, die aber in dieser Zeit auch langsam aufbrachen. Das lässt sich natürlich mit so einer Figur ganz gut erzählen. Und ich muss sagen, all die Versuche, Edith Sitwell selbst erzählen zu lassen, haben mich irgendwann wieder respektvoll zurücktreten lassen. Weil sie eine Stimme hat, sie hat sehr viel publiziert, sie hat gedichtet. Ich dachte, ich nehme eine andere Stimme, die von ihr erzählt, die sehr nah dran ist, sie aber trotzdem auch von außen betrachtet. Und wenn der ein oder andere Leser oder Leserin nach der Lektüre des Romans Lust hat, wirklich die Stimme Edith Sitwells zu hören, dann hoffe ich, dass man damit vielleicht eine Tür öffnen kann. Sie ist leider in Deutschland relativ unbekannt.

Belletristik-Couch.de:
Gab es, wenn wir jetzt von der fiktiven Jane sprechen, denn irgendwelche historischen Vorbilder oder Inspirationen? Ist etwa belegt, ob Edith Sitwell ähnliche Angestellte wirklich hatte?

Veronika Peters:
Es gibt eine klitzekleine Passage in einem Brief, den Aldous Huxley an seine Frau geschrieben hat. Er schrieb da nur, er kam zu Edith Sitwell, zu ihrem Samstagssalon, und es öffnete ihm ein Dienstmädchen die Tür und er musste ein Losungswort aufsagen. Das ist alles, was ich weiß. Man muss sagen, dass Edith Sitwell in der Regel pleite war, also nie viele Angestellte hatte. Deshalb ist Jane wirklich komplett fiktiv und es hat mir große Freude gemacht, der Edith eine so treue Person zur Seite zu stellen. Das ist fast wie eine Liebesgeschichte ohne Sex, so ist es auch ein bisschen aufgefasst. Denn Jane liebt sie wirklich. Das kommt ja auch an einigen Stellen vor: Jane sagt, dass sie Edith Sitwell sieht, wenn sie schutzlos ist, dass sie ihr hilft, ihre Rüstung anzuziehen. Damit spielt natürlich auch der Roman die ganze Zeit. Und das zu erzählen ist sozusagen die Freiheit, die ich mir genommen habe.

"Ich habe mich ein bisschen in alte Exzentrikerinnen verliebt!"

Belletristik-Couch.de:
Es ist in der Tat beeindruckend zu sehen, wie jemand sein eigenes Leben für eine andere Person so aufopfert.

Veronika Peters:
Ich meine, das war natürlich auch ein bisschen die Zeit, in der man sich als Frau dieser Gesellschaftsschicht ein wenig entscheiden musste: Heirate ich oder gehe ich in Dienste? Und Jane hat natürlich durch ihr Leben bei Edith Sitwell auch einen Einblick in eine etwas andere Welt. Sie tritt aber immer wieder darin zurück, weil sie sagt, es ist Ediths Geschichte, die sie erzählt, und nicht ihre. Und sie ist auch eine, wie ich finde, bescheidene Erzählerin, die sich nicht in den Vordergrund spielen möchte. Aber im Laufe der Zeit kann man natürlich auch die kleinen Hinweise darauf lesen, dass sie eine Entwicklung durchmacht. Sie liest, schreibt, sie wird eben durch dieses jahrelange Begleiten auch zur Erzählerin der Edith Sitwell. Aber sie lässt es sich etwas kosten, auf jeden Fall.

Belletristik-Couch.de:
Würden Sie uns verraten, ob Sie in Ihrem nächsten Roman wieder reale Figuren und Fiktion verbinden wollen?

Veronika Peters:
Ich muss mich mit den ganzen Leuten, die auf meinem Schreibtisch herumkrabbeln, nochmal besprechen – dann beantworte ich diese Frage sehr gerne! Aber ich muss sagen, es hat mir große Freude gemacht, weil mich diese Zeit sehr interessiert und ich auch fand, dass mich gerade die intensive Beschäftigung mit der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wo ja die meisten Szenen verortet sind, mich unsere Zeit ein bisschen besser verstehen lässt. Es sind ganz viele Sachen im Umbruch, ganz viele Selbstverständlichkeiten sind keine mehr, da sah ich gewisse Parallelen und fand das ganz interessant. Deswegen bin ich sicherlich noch nicht fertig mit bestimmten Figuren. Im Roman tauchen ja auch lauter Leute auf, die vielleicht noch etwas erzählen wollen. Ich weiß es noch nicht, ich muss mich wie gesagt mal mit denen unterhalten.

Belletristik-Couch.de:
Da sind sicherlich auch wieder viele Exzentriker und andere spannende Figuren dabei…

Veronika Peters
Das stimmt, ich habe mich ein bisschen in alte Exzentrikerinnen verliebt!

Belletristik-Couch.de:
Verständlicherweise! Sie haben bereits angedeutet, dass es Sie freuen würde, wenn sich Ihre LeserInnen nach der Romanlektüre weiter mit Edith Sitwell beschäftigen wollten. Welches Werk von ihr würden Sie unbedingt empfehlen?

Veronika Peters:
Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Ich bin keine Fachfrau für Lyrik, mir haben sich Edith Sitwells Gedichte erst erschlossen, als ich sie diese selbst habe lesen hören. Sie arbeitet mit Klangbildern und rhythmischen Bildern, da habe ich gedacht, eigentlich ist sie eine Rapperin – ohne das despektierlich zu meinen! Von daher muss man sich auf diesen Originalklang von ihr einlassen. Leider gibt es auch sehr wenig auf Deutsch. Es gibt eine sehr schöne Biografie über sie, die man leider nur noch antiquarisch bekommt, von Victoria Glendinning. Und ein sehr schönes Buch, das auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist, heißt „Englische Exzentriker“. Das ist eine Prosaarbeit von Edith Sitwell, in der sie eine Riege illustrer Damen und Herren darstellt, in die sie sich auch sehr gut selbst einreihen könnte.

Belletristik-Couch.de:
Liebe Frau Peters, ich freue mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Vielen Dank für das Gespräch!

Veronika Peters:
Sehr gerne!

Das Interview führte Lea Gerstenberger im November 2019.
Foto: © Peter von Felbert