12.2011 Die in Meran geborene, sich als Europäerin mit italienischem Pass bezeichnende Autorin Sabine Gruber sprach mit Daniela Loisl über ihren neuen Roman "Stillbach oder Die Sehnsucht", über Preisgeben und Geheimhalten, weibliche Erinnerungskultur und was erfundene Figuren auf Spaziergängen so erzählen.

Schreiben ist Spracharbeit

Belletristik-Couch:
Frau Gruber, mit "Stillbach oder Die Sehnsucht” haben Sie sich eines eher selten zur Sprache kommenden Themas, nämlich die Nachkriegszeit Südtirols, angenommen. Was hat Sie dazu bewogen dies zum Kernpunkt Ihres Buches zu machen?

Sabine Gruber:
Ich bin u.a. ausgebildete Historikerin und hab mich schon seit Jahren mit dem Nationalsozialismus und Faschismus befasst, mit den Auswirkungen dieser politischen Systeme bis in unsere Gegenwart. Südtirol als Grenzland hat beide Faschismen durchlebt, Geschichte fand hier in konzentrierter Form statt, daher war es naheliegend, mich früher oder später mit der Vergangenheit meines Herkunftslandes auseinanderzusetzen.

Belletristik-Couch:
Die eigentliche Protagonistin des Buches ist ja Emma. Durch Emmas Geschichte wird man in die Vergangenheit entführt. Mit wie vielen Frauen haben Sie über diese Zeit gesprochen und was genau an ihren Erzählungen hat Sie so beeindruckt, dass Sie auch alles aus der Perspektive von Frauen geschrieben haben?

Sabine Gruber:
Ausgangspunkt waren Erzählungen meiner Großmutter, die als Dienstmagd in Bozen gearbeitet hat. Recherchen haben ergeben, dass sehr viele Südtiroler Frauen zwischen 1920 bis rauf in die 60er Jahre als Dienstpersonal in italienischen Städten gearbeitet haben. Die Repressalien unter dem Faschismus haben die ökonomische Lage in Südtirol verschärft, die Italianisierungspolitik sah die Schaffung von Arbeitsplätzen für die zugezogenen Italiener vor, die deutschsprachige Bevölkerung verarmte zusehens. Viele Frauen sind aus ihren Dörfern weggezogen und haben Geld in Turin, Bologna, Rom usw. verdient und damit ihre Familien unterstützt. Mich interessierte diese Art von weiblicher Erinnerungskultur, die mit dem faktischen, historischen Wissen, das in den Geschichtsbüchern tradiert wird, nicht zu vergleichen ist. Das war die eigentliche Herausforderung, Alltagsgeschichte aus dem Blickwinkel von Frauen zu vermitteln und diese Erzählungen durch die Rahmenhandlung, in der auch ein Historiker zu Wort kommt, zu konterkarieren.

Belletristik-Couch:
Man bekommt beim Lesen das Gefühl, sehr viel Persönliches von Ihnen zwischen den Zeilen zu finden. Wie viel Sabine Gruber steckt in diesem Buch?

Sabine Gruber:
Das Buch spielt mit der Frage, was ist wahr und was ist erfunden. Die historischen Figuren, wie die des ehemaligen Obersturmbannführers Erich Priebke, sind wirklich und wahrhaftig, alle geschichtlichen Ereignisse sind minutiös recherchiert, aber die Frauenfiguren sind ebenso fiktiv wie der Ort Stillbach, der irgendwo im Westen Südtirols liegt. Auch von meinen Großmüttern sind nur mehr zwei Anekdoten in den Roman eingeflossen. Ich gehöre zu jenen Autorinnen, die großen Abstand von persönlichen Lebenserfahrungen nehmen. Das Schreiben empfinde ich wie Herta Müller als Gratwanderung zwischen dem Preisgeben und Geheimhalten. Im Preisgeben, sagt Müller, biegt sich das Wirkliche ins Erfundene, und im Erfundenen schimmert das Wirkliche durch, gerade weil es nicht formuliert ist. Mehr als einen Schimmer von Sabine Gruber werden Sie in dem Roman nicht finden.

Belletristik-Couch:
Sie sind in Meran geboren, studierten in Wien und Innsbruck, waren 4 Jahre Universitätslektorin in Venedig und leben nun in Wien. Wie verbunden fühlen Sie sich Italien und Österreich oder haben Sie vielleicht auch manchmal das Gefühl, zwischen den beiden Ländern zu stehen?

Sabine Gruber:
Ich habe im Gegensatz zu den Romanfiguren Emma und der jungen Ines nicht das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Ich lebe schon lange in Österreich, fühle mich der Sprache und dem Land verbunden und habe den großen Vorteil, in Südtirol aufgewachsen zu sein, das mich von klein auf mit einer anderen, zweiten Sprache und Kultur vertraut gemacht hat. Selbstverständlich beobachte ich die politischen Entwicklungen in Italien aufmerksamer als die in anderen Ländern, weil ich italienische Staatsbürgerin bin. Aber ich sehe mich in erster Linie als Europäerin deutscher Muttersprache mit einem italienischen Pass – damit kann ich gut leben.

Belletristik-Couch:
Handlungsorte sind ja stets Städte beider Länder in Ihren Geschichten. Was genau unterscheidet für Sie Österreich und Italien im täglichen Leben? Gibt es überhaupt Unterschiede?

Sabine Gruber:
Ich bin in einer Zeit in Südtirol großgeworden, als die herrschenden Politiker sehr auf die Trennung der verschiedenen Ethnien bedacht waren. Vielleicht sind meine Romane ein Versuch, diese Trennung aufzuheben, die klischeehaften Zuschreibungen zu durchkreuzen. Ich vergleiche die Länder ungern, man fällt sehr schnell in Stereotypien. Es gibt klimatische Unterschiede, die sich auch auf das Gemüt der Menschen auswirken, und es gibt verschiedene politische Entwicklungen. In Italien existiert das Wort "Vergangenheitsbewältigung" nicht, der Faschismus  wird vielerorts verharmlost, in Österreich ist durch die Waldheim-Affäre einiges an Diskussion in Gang gekommen.

Belletristik-Couch:
Ihre Sprache und Ihr Erzählstil sind nicht nur atmosphärisch dicht, sondern wirken sehr ausgereift, aber vor allem sind Ihre Figuren sehr empathisch dargestellt. Wie erreicht man so eine komplexe Kraft oder besser: Wie haben Sie diese Reife erreicht oder wurde Sie Ihnen in die Wiege gelegt?

Sabine Gruber:
Schreiben ist in erster Linie Spracharbeit, aber auch Recherche und Einfühlungsvermögen. Es gibt sicherlich auch individuelle Lebenserfahrungen, die das Empathievermögen fördern. Wer nie krank war, kann sich in einen Kranken nur schwer hineindenken. Ich habe einige solcher Erfahrungen durchleben müssen, sie waren meinem Schreiben während der Krankheit nicht zuträglich, aber nach überstandener Krise, haben sie mich bereichert, meinen Erfahrungsschatz vergrößert. Im Übrigen ist Lesen eine wichtige Voraussetzung für das Schreiben. Man merkt manchen Büchern an, dass deren Autoren wenig oder gar nichts lesen.

Belletristik-Couch:
"Stillbach oder Die Sehnsucht" ist ja gerade erst erschienen. Aber darf man trotzdem fragen, ob Sie schon an einem neuen Buch arbeiten und wenn ja, würden Sie uns ein Kleinwenig darüber verraten? 

Sabine Gruber:
Ich habe noch sehr viele Lesungen vor mir, das ist einerseits erfreulich, andererseits hindern mich die vielen Reisen am Schreiben. Ich sitze im Augenblick an kurzen Texten, an Vorträgen über Franz Tumler zum Beispiel und habe noch nicht am neuen Roman zu schreiben begonnen. Aber soviel kann ich verraten: Ich gehe bereits mit neuen Figuren spazieren, das heißt, sie sind schon da und fordern ihren Platz ein, was sie mir auf den Spaziergängen erzählen, gebe ich nicht preis.

Belletristik-Couch:
Frau Gruber, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.

  

Das Interview führte Daniela Loisl im November 2011.

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