Carmen Korn

10.2020 Sandra Dickhaus im Gespräch mit Carmen Korn, Autorin von "Und die Welt war jung".

"Ich mag die meisten meiner Figuren sehr und verbringe viel Zeit mit ihnen. Darum liegt mir daran, liebenswerte und vielschichtige Charaktere um mich zu haben."

Belletristik-Couch.de:
Was macht den Reiz aus, sich in unterschiedlichen Genres wie dem Krimi, der Kurzgeschichte, aber auch dem Gesellschaftsroman zu bewegen?

Carmen Korn:
Jedes Genre war Lehrstoff und hatte seinen eigenen Reiz. Angefangen habe ich mit den Kurzgeschichten, die schienen mir überschaubar. Doch bald wurde mir klar, dass gerade diese kurze Erzählform große Anforderungen stellt. Ich las die Texte von Wolfgang Borchert und Heinrich Böll, später kam William Somerset Maugham dazu, aber auch der Amerikaner O‘Henry mit seinen klugen, sehr menschlichen short stories. Immer hoffte ich, von ihren Texten zu lernen. In die Kriminalerzählungen bin ich eher zufällig geraten. Die stellen ja noch einmal ganz andere Forderungen an Aufbau und Spannungsbogen. Ich war keine leidenschaftliche Plotterin, der psychologische Hintergrund von Täter und Opfer haben mich mehr interessiert. Heute scheint es mir, als hätten mich all diese schreiberischen Versuche zu dem Genre geführt, in dem ich heute schreibe: Gesellschaftsroman. Familienroman. Historischer Roman. Alle drei Namen treffen zu, und ich fühle mich angekommen.

Belletristik-Couch.de:
Ist es Ihnen wichtig, die Historie in Ihren Romanen korrekt wiederzugeben? Und wie recherchieren Sie diese?

Carmen Korn:
O ja. Das ist mir sehr wichtig. Schließlich bin ich eine gelernte Journalistin. Ich lese viel. Autobiografien. Biografien. Auch die Bücher der Soziologen über Kriegskinder und Nachkriegskinder. Die oft nicht wussten, warum sie so talentlos fürs Glück waren und das selten auf ihre frühkindlichen Kriegserlebnisse zurückführten. Ich schaue mir Dokumentarfilme an, Wochenschauen, blättere mich durch Bildbände. Beim neuen Buch, das in den fünfziger Jahren spielt, konnte ich noch auf Zeitzeugen zurückgreifen. Aber auch den Spiegel, den Stern, die Wochenzeitung Die Zeit hatte es bereits gegeben, und diese Medien waren Chronisten, bei denen ich mir sicher war, dass ich ihrer Darstellung vertrauen durfte.

Belletristik-Couch.de:
Ihre Kindheit in Köln wurde durch die Trümmerlandschaften geprägt; den Zweiten Weltkrieg haben Sie nicht mehr miterlebt, aber seine unmittelbaren Folgen. Gibt es eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Ort, der sich Ihnen negativ oder auch positiv regelrecht ins Gedächtnis gebrannt hat?

Carmen Korn:
Ich bin Ende 1952 geboren, kontinuierliche Erinnerungen haben erst 1956 eingesetzt, da waren die Trümmer schon weggeräumt. Doch ich erinnere mich an leere Fassaden, die in der Dunkelheit noch bedrohlicher wirkten. Wildes Grün, das in ihnen wuchs, aber manchmal waren auch noch die Tapeten an der Wand zu sehen, die Kacheln in der Küche. Spuren von dem, was einmal ein Zuhause gewesen war. Diese Bilder haben sich in meinen Albträumen wiedergefunden, oft verbunden mit der Angst, dass auch unser Zuhause verlorengehen könnte. Positiv berührt hat mich die neuerrichtete Kapelle Madonna in den Trümmern, die neben der Ruine der großen Kolumbakirche entstanden war. Ein moderner Bau zu Ehren der Marienfigur, die die Vernichtung der Kolumba nahezu wundersam „überlebt“ hatte. Die Kapelle war und ist eine beliebte Hochzeitskirche bei den Kölnern.

Belletristik-Couch.de:
Mit welchem Ihrer Protagonisten aus dem Zweiteiler Und die Welt war jung würden Sie gerne befreundet sein und warum?

Carmen Korn:
Mit einigen. Nina in Hamburg, die versucht, ihrem Mann Jockel die Treue zu halten, obwohl er seit dem März 1945 in Russland vermisst wird und sie kein Lebenszeichen von ihm hat. Die sich einer neuen Liebe verwehren will, weil sie doch ohne Jockel nicht glücklich sein darf. Ihr Vater Kurt gefällt mir auch sehr, sein ironisch liebevoller Blick auf die Menschen und das Leben. In Köln ist es die lebenskluge Gerda mit ihrer großen Toleranz. Aber auch ihr gradliniger Mann Heinrich, der sich das Leben oft schwer macht und doch fähig ist, über den eigenen Schatten zu treten. In San Remo sind es Margarethe und ihr Sohn Gianni, mit ihnen würde ich gern am Tisch sitzen und essen, was Margarethe wunderbar gekocht hat.

Belletristik-Couch.de:
Wie gelingt es Ihnen, so vielschichtige und überwiegend sympathische Charaktere zu zeichnen? Das gilt nicht nur für Ihren neuen Roman, sondern auch den vorher erschienen Dreiteiler, in dem man eine ganze Generation quasi bis zum Ende begleitet ...

Carmen Korn:
Ich mag die meisten meiner Figuren sehr und verbringe viel Zeit mit ihnen. Darum liegt mir daran, liebenswerte und vielschichtige Charaktere um mich zu haben. Ich schreibe ihnen Gewohnheiten, die ich aus meinem eigenen Leben kenne, aber es kann auch sein, dass ich von ihnen gewisse Abläufe übernehme. In der Trilogie haben Henny und Theo das abendliche Ritual, das Kaminfeuer anzuzünden und über den Tag zu sprechen. Wir haben keinen Kamin, aber einen kleinen spiegelnden Tisch, auf dem ein gutes Dutzend Teelichter stehen. Das ist fast so gut wie ein Kaminfeuer.

Belletristik-Couch.de:
Gibt es Momente, in denen Sie beim Schreiben eines neuen Romans bewusst versuchen, sich von Ihren Figuren zu entfernen, um mehr Weitblick oder auch mal „Erholung“ zu haben, Sie aber dennoch merken, dass Ihnen die Figuren so sehr ans Herz gewachsen sind, dass Sie trotzdem Ihren Alltag begleiten?

Carmen Korn:
Während des Schreibens hüte ich mich eher davor, Abstand von ihnen zu finden. Das geht gar nicht anders, ich lebe ihre Leben mit. Eher verwischen manchmal die Grenzen zwischen Fiktion und wirklichem Leben. Da ist eine hohe Identifikation mit den Figuren. Bei mir und auch bei den Lesern.

Belletristik-Couch.de:
Lesen Ihre Kinder eigentlich Ihre Bücher?

Carmen Korn:
Mein Sohn weigerte sich, meine Kriminalromane zu lesen. Von diesen Abgründen seiner Mutter wollte er nichts wissen. Meine Tochter liest beinah alles von mir. Die Trilogie und auch den neuen Roman haben sie beide gelesen. Sohn und Tochter.

Das Interview führte Sandra Dickhaus im Oktober 2020.
Foto: © Charlotte Schreiber

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