Roman Markus

07.2020 Yannic Niehr im Gespräch mit Roman Markus, Autor von "Dings, oder: Morgen zerfallen wir zu Staub".

"Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war ja sogar vom Ende der Geschichte die Rede. Man sah eine rosige Zeit vor sich und schuf positive Zukunftsvisionen, das fehlt heute, wir träumen nicht mehr, sondern versuchen bloß noch, das Schlimmste zu verhindern."

Belletristik-Couch.de:
Sie haben Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und vor diesem Romandebut eher kleinere Texte in Literaturzeitschriften veröffentlicht – so verrät es zumindest der Klappentext. Können Sie Ihren Werdegang für uns ein wenig ausschmücken?

Roman Markus:
Junge wächst am Land auf, Junge verliebt sich, Junge zieht in die Stadt. Klingt unspektakulär und war es auch. Eigentlich hätte ich ja etwas ganz anderes machen wollen, mein Geld mit Maschinen und Computern verdienen. Ich war dann aber enttäuscht, sobald ich verstanden habe, wie die Dinge funktionieren. Gleichzeitig habe ich einen Zugang zu Sprache und Literatur entdeckt, der mich nicht mehr losgelassen hat. Eine Zeit lang habe ich als Journalist gearbeitet, ehe ich später die Seiten gewechselt und Texte vorrangig für mich geschrieben habe. Irgendwann wurden die Texte länger und die Ideen intensiver, und ehe ich mich versah, habe ich jede freie Minute darauf verwendet, um vor dem Laptop zu sitzen und manchmal sogar zu schreiben. Vielleicht müsste man aber noch viel früher ansetzen, etwa damals, als ich in den Sommerferien zwischen den Schuljahren elendslange Star Trek-Romane geschrieben, ausgedruckt und gebunden habe.

Belletristik-Couch.de:
Dings scheint kurz nach der Wende angesiedelt – möglicherweise sogar in Ihrem Geburtsjahr. Warum haben Sie sich für dieses Setting entschieden, das Sie selber ja kaum miterleben konnten? Welchen Bezug haben Sie – gerade aus österreichischer Sicht – zu dem damaligen Zeitgefühl, und welche Relevanz hat es Ihrer Meinung nach für die Leser von heute?

Roman Markus:
So etwas wie Zeitgeist verschwindet ja nicht und läuft auch nicht mit dem Kalender ab. Man lebt und wächst trotzdem in dem Umfeld, in der Zeit auf, die einen prägt: sei es durch die Gesellschaft, durch die Erziehung oder schlichtweg Gegenstände und Popkultur. Manches sieht man später auf Fotos und denkt sich: Ja, stimmt, ich erinnere mich, und dann hat man das ganz klar vor Augen.

Ich mag die 90er, immerhin habe ich fast ein ganzes Jahrzehnt dort verbracht. Aus heutiger Sicht eine herrlich abstruse Zeit, die unwahrscheinlich viele Möglichkeiten eröffnet hat - aus heutiger Sicht kann man sich das ja gar nicht mehr vorstellen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war ja sogar vom Ende der Geschichte die Rede. Man sah eine rosige Zeit vor sich und schuf positive Zukunftsvisionen, das fehlt heute, wir träumen nicht mehr, sondern versuchen bloß noch, das Schlimmste zu verhindern.

Belletristik-Couch.de:
Urbanes Flair ist für die Erzeugung von Atmosphäre in Ihrem Roman von entscheidender Bedeutung; so verschlägt es den Protagonisten zwischenzeitlich von der einen Großstadt – Wien – in eine andere – Berlin. Inwiefern haben diese beiden Metropolen Sie persönlich geprägt?

Roman Markus:
Ich komme aus einer Stadt, die jahrelang darauf hingezittert hat, endlich die 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner mit Ach und Krach zu erreichen. Das hat dann auch keinen Unterschied gemacht, einzig der Punkt auf der Landkarte wurde halt größer. Trotzdem reden wir von einer Stadt, die anderswo nicht mal ein Bezirk wäre.

Erst durch meinen Umzug nach Wien habe ich richtig verstanden, was Stadt und Stadtleben bedeuten, und dass Großstadt das Versprechen von Möglichkeiten ist. In Wien fühle ich mich zu Hause, bin ein echter „Zuagraster“, was mich die gebürtigen Wienerinnen und Wiener Tag für Tag wissen lassen. Ich bin gerne grantig und manchmal morbid, mit so einer Veranlagung gibt es keine bessere Stadt zum Leben. Und wer einmal in der Großstadt träumt, der will natürlich immer tun. Berlin lässt mich bei jedem Besuch sehnsüchtig werden und weiter träumen, von der großen Stadt und den vielen Möglichkeiten, in denen man sich verlieren kann.

Belletristik-Couch.de:
Bei einem Buch wie diesem darf die Frage zu den autobiographischen Anteilen nicht ausbleiben: wieviel Roman Markus steckt in „Dings“, und umgekehrt?

Roman Markus:
Zwei Buchstaben, nämlich das s und das n, die kommen in beiden Namen vor, danach wird’s eng. Auch sonst habe ich die Theorie, dass jede Autorin bzw. jeder Autor im entferntesten Sinne autobiographisch schreibt, und wenn man nur ein Thema behandelt, das einem am Herzen liegt. Bei mir sind das Themen und Gedanken, die mich auch im Alltag bewegen: Welche Möglichkeiten bietet das Leben, wie damit umgehen? Abstraktion ist mir schon wichtig, mir geht es weniger um konkrete Ereignisse oder reale Vorbilder. Wobei, als kleine Beichte: Das Erbrechen in der U-Bahn, gleich zu Beginn des Buches, ist mir so oder so ähnlich einmal selbst passiert. Tut mir leid, liebe Verkehrsbetriebe.

Belletristik-Couch.de:
Zu guter Letzt: Sind schon Ideen für weitere Romane – oder andere Projekte – am Start? Haben Sie Pläne für die Zukunft, oder planen Sie nicht gern?

Roman Markus:
Als Kind wollte ich immer der große Stratege sein, das hat aber nie funktioniert, weil es dann doch immer anders gekommen ist. Auch zu diesem Jahreswechsel habe mir das kommende Jahr deutlich anders vorgestellt, aber da geht es uns wohl allen gleich.

Es gibt einen Text, der schon ziemlich weit fortgeschritten ist und aus meiner Sicht ganz gut zwischen zwei Buchdeckel passen würde. Und dann sind da noch andere Ideen im Kopf, aber die müssen noch greifbarer werden. Ich ärgere mich oft beim und übers Schreiben, aber ich kann es einfach nicht lassen. Es wird schon irgendetwas werden.

Das Interview führte Yannic Niehr im Juli2020.
Foto: © Jennifer Fetz

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