Das Antiquariat am alten Friedhof

  • Knaur
  • Erschienen: November 2025
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Das Antiquariat am alten Friedhof
Das Antiquariat am alten Friedhof
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Carola Krauße-Reim
921001

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2026

Ein okkultes Buch bringt Probleme.

Kai Meyer setzt seine lose Reihe rund um Geschehnisse im Graphischen Viertel von Leipzig fort. Auch dieses Mal steht ein Buch im Mittelpunkt, doch dieses bringt keine Lesefreude, sondern Ärger und sogar den Tod.

Vier Freunde und ein Buch

Das Antiquariat am Alten Johannisfriedhof im Graphischen Viertel gehört Vadim. Hier trifft er sich mit seinen drei Freunden, Eddie, Felix und Julius. Alle kommen sie aus reichen Verhältnissen und fachsimpeln lieber über Literatur, statt zu studieren. Ihre Abenteuerlust befriedigen sie mit dem Diebstahl von Büchern, die Vadim verkauft, um sein Geschäft über Wasser zu halten – der „Club Casaubon“ ist geboren. 1930 stehlen sie ein Buch, das sie sehr bald in große Schwierigkeiten bringt, sie sogar zur Flucht aus Leipzig zwingt.

Fünfzehn Jahre später, im Sommer 1945, arbeitet Felix als Bibliothekar für die Amerikaner. Er wird nach Leipzig gerufen um einen besonderen Auftrag auszuführen. Die Rückkehr in die völlig zerstörte Stadt lässt Erinnerungen an seine langjährigen Freunde und eine große Liebe aufkommen. Während Leipzig sich für die Übernahme durch die Sowjetunion rüstet, gerät Felix immer tiefer in den Bann der Vergangenheit, in ein Netz aus Lügen, Hinterhalten und tödliche Mysterien.

Ein begnadeter Fabulierer erzählt

Kai Meyer hat schon mit den drei Vorgängerbänden der losen Graphische-Viertel-Reihe bewiesen, dass er ein einnehmender Erzähler ist, der für seine Geschichten exzellent recherchiert und gekonnt Fantasie mit Tatsachen zu verbinden weiß. Das beweist er auch im vorliegenden Buch. Doch manchmal scheinen die Beschreibungen fast schon ein wenig zu akribisch ausgefallen zu sein. Dadurch leiden die Spannung und die Bindung an die Geschichte. Doch diese Tiefpunkte dauern nie lange an, denn die Mischung aus Dramatik, Okkultismus und realer Geschichte ist extrem fesselnd. Was im Roman auf Realität und was auf Fantasie beruht, erklärt der Autor in einem Nachwort – und manches dürfte dabei überraschend sein.

Alte Bekannte und neue Protagonisten

Manchmal fühlt man sich an die Romane des spanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón erinnert. Was bei ihm Barcelona und die Buchhandlung Sempere & Söhne ist, ist bei Kai Meyer Leipzig und das Graphische Viertel. Und wie bei Zafón kommen immer wieder Figuren vor, die man aus vorhergehenden Romanen der Reihe kennt. Im vorliegenden Buch wird die Buchbinderei Steinfeld erwähnt und man begegnet abermals Cornelius Frey und dem unverwüstlichen Grigori. Doch eine Kenntnis der vorhergehenden Romane ist zum Verständnis nicht unbedingt notwendig. Natürlich werden auch neue Figuren eingeführt – Vadim, seine Freunde und Eva, die Schwester von Eddie. Es ist nicht auszuschließen, dass man auch von ihnen in kommenden Geschichten aus dem Graphischen Viertel Neues erfährt oder ihnen zumindest wieder begegnet.

Eine faszinierende Mischung

Wieder einmal ist es nicht nur die gut recherchierte Geschichte, die Spannung bringt, sondern vor allem auch die gewohnte Mischung aus Mystik, Okkultismus und Realität, verbunden mit einer tragischen Liebesgeschichte. Wieder einmal begegnen wir Menschen, die Abstruses versuchen und dafür, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen gehen. Auf der ersten Erzählebene, 1930, ist das Erstarken der Nazis zu spüren und gleichzeitig das alte Leipzig noch zu finden. Dann werden wir in den ersten Nachkriegssommer in Leipzig versetzt. Die Schilderung der Not, der Zerstörung und der Angst vor der Sowjetischen Besatzung ist Meyer perfekt gelungen. Ebenso die fast unterschwellig wirkende Liebesgeschichte zwischen Felix und Eva, die mit einem Bereich des Krieges zu tun hat, den man eventuell noch gar nicht kennt.

Fazit

Ein Roman von Kai Meyer, der abermals durch seine Verbindung von Geschichte, Mystik, Literatur, Liebesgeschichte spannend fasziniert. Bleibt zu hoffen, dass das Graphische Viertel von Leipzig weiterhin viele solche Geschichten zu bieten hat und die lose Reihe noch lange nicht zu Ende sein wird.

Das Antiquariat am alten Friedhof

Kai Meyer, Knaur

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