Trag das Feuer weiter

Trag das Feuer weiter
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Carola Krauße-Reim
901001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2026

Bewegendes Ende der Trilogie.

Im November 2021 verliert die Schriftstellerin Mia in Paris den Geschmacks- und Geruchssinn. Ihre Ärzte raten ihr nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, zurückzukehren, um wieder zu sich zu finden. So lebt Mia nach über 20 Jahre erneut auf der, inzwischen verlassenen, Plantage ihrer verstorbenen Großeltern. Dort denkt sie über ihr Leben und die Geschichte ihrer Familie nach.

Am Ende angekommen

Leïla Slimani schickt Mia und uns zurück in das Jahr 1980, als Vater Mehdi eine Bank übernimmt und diese erfolgreich saniert. Das ist der Beginn der Rückblicke in das Leben von Mia, ihrer Schwester Inès und dem Rest der Familien Daoud und Belhaj. Gleichzeitig ist es das Ende der Trilogie, die mit „Das Land der Anderen“ begann und mit „Schaut, wir tanzen“ fortgesetzt wurde. Wieder nimmt die marokkanisch-französische Slimani ihre eigene Familiengeschichte als Hintergrund, lässt aber noch genügend Platz für Fiktion.

Zerrissen zwischen den Welten

Mia und Inès wachsen in der wohlhabenden, marokkanischen Bourgeoisie auf. Diese ist geprägt von europäischen Werten und Vorbildern und spricht hauptsächlich Französisch. Im Gegensatz zu den indigenen Berbern, die arabisch sprechen, meist nur eine sehr rudimentäre Schulbildung haben und dadurch oft weder schreiben noch lesen können. Das führt im Staat und in den Familien Daoud und Belhaj zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Mia und Inès sind zerrissen zwischen den Kulturen und geraten mehr als einmal in eine Identitätskrise. Damit thematisiert Slimani ein Problem vieler Mehrstaatlicher, die sich in keiner Kultur wirklich heimisch und angekommen fühlen. Doch auch die berberstämmigen Angestellten haben ihre Probleme mit der Bourgeoisie, die ebenfalls Marokkaner, aber dennoch so fremd sind:

„Aber manchmal stieß ihr Verhalten sie ab, ihre Art zu leben, ihre Freiheit, die sie sich wegen des Geldes herausnehmen konnten. Sie verurteilte ihre Sitten, und je länger sie im Radio oder im Fernsehen den Predigern zuhörte, die Juden, Abendländer und Homosexuelle anprangerten, desto mehr begann sie sie zu verabscheuen.“

Gleichzeitig lässt Slimani die politischen Machtkämpfe in Marokko im Hintergrund ablaufen. Korruption, Vetternwirtschaft und ein allmächtiger König bestimmen die Gesellschaft und Wirtschaft. Schnell kann man in Ungnade und damit im Abseits oder gar, wie Mehdi, im Gefängnis landen.

Emotional und fesselnd

Auch wenn die beiden Vorgänger-Bände unbekannt sind, versteht man den Inhalt von „Trag das Feuer weiter“ problemlos, nicht zuletzt wegen des Personenverzeichnisses am Anfang des Buches. Sehr einfühlsam beschreibt Slimani das Leben der Familien. Mit jeder neuen Entwicklung wird dieses fesselnder und die Zerrissenheit deutlicher. Die gesellschaftliche und politische Entwicklung Marokkos ist dabei genauso interessant, wie die der Daouds. Sie geraten in die Mühlen der Vetternwirtschaft und müssen um ihren Status bangen, während Mia und Inès nach Frankreich gehen, um eine Ausbildung zu machen. Mia lebt ihre Homosexualität aus und Inès ihre Freiheit. Dabei entfremden sie sich ihrer Familie und Marokko immer mehr. Frauenrechte, der Kampf um sie und die aus den Siegen resultierenden Freiheiten werden damit ebenfalls thematisiert. Doch dass man die gemachten Erfahrungen nicht so einfach loswird, zeigt die Weigerung von Mias Körper wie gewohnt weiterzumachen. Er hindert die gefeierte Schriftstellerin am Arbeiten und erzwingt einen Rückzug und eine Konfrontation mit den unbewussten Problemen, was uns wiederum einen überaus lesenswerten Roman beschert.

Fazit

„Trag das Feuer weiter“ ist ein emotionaler und fesselnde Roman und gleichzeitig Abschluss der Trilogie rund um die Familien Daoud und Belhaj. Wer die beiden ersten Teile nicht kennt, kommt dennoch gut zurecht, ist aber mit Sicherheit versucht, das Versäumte nachzuholen. Laïla Slimani ist eine unbedingt lesenswerte Familiengeschichte gelungen, die abermals zeigt, dass die Autorin mit Recht zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart gehört.

Trag das Feuer weiter

Leïla Slimani, Luchterhand

Trag das Feuer weiter

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