Das Land der anderen

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Le Pays des Autres

- aus dem Französischen von Amelie Thoma

- HC, 384 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Monika Wenger
Andere Länder – andere Sitten

Buch-Rezension von Monika Wenger Aug 2021

Die junge Elsässerin Mathilde verliebt sich im Zweiten Weltkrieg in den in französischen Diensten stehenden Marokkaner Amine Belhaj. Sie heiraten in Mathildes Heimatdorf Mühlhausen, reisen aber schon bald in Amines Heimatdorf Meknès in Marokko. Schneller als gedacht muss Mathilde der Tatsache ins Auge sehen, dass sie sich strikten moralischen Vorgaben und gesellschaftlichen Zwängen beugen muss ...  

Eine Welt voller Grenzen

Amine hat von seinem Vater eine kleine Landwirtschaft geerbt. Als Ältester ist er für die Familie verantwortlich. Doch die Mühen, dem kargen Land einen Ertrag abzutrotzen, sind endlos und bleiben ohne Erfolg. Zurück in seiner Heimat, nimmt Mathildes Ehemann sein Leben als Patriarch wieder wahr. Vergessen sind die Abende am Rhein mit interessanten Gesprächen und Diskussionen, wie weggepustet der Charme dieses schönen Marokkaners.

     «Wie hätte sie zugeben können, dass der Mann, den sie im Krieg kennengelernt hatte, nicht mehr derselbe war? Unter der Last der Sorgen und Erniedrigungen hatte Amine sich verändert und verdüstert.»

Mathilde lernt, dass der Stellenwert der Frau in der marokkanischen Gesellschaft gleich Null ist. Die Frauen leben in einer Welt voller unüberwindbaren Grenzen. 

     « ‘So ist das hier.’ Diesen Satz würde sie noch oft hören. Und genau in dem Moment begriff sie, dass sie eine Fremde war, eine Frau, eine Ehefrau, ein Mensch, der der Gnade der anderen ausgeliefert war. Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der hier die Regeln erklärte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog. »

Frust und Gewalt

Der Frust, als Einheimischer nicht zu genügen, nichts auf die Reihe zu bringen, zu scheitern, mündet für Amine in Gewaltausbrüchen gegen seine Frau. Gewalt herrscht in den 50er Jahren auch in Marokkos Städten: Das Ringen um Unabhängigkeit fordert seinen Tribut; Bombenanschläge und Morde auf offener Straße sind an der Tagesordnung. Landbesitzer werden getötet, Felder in Brand gesetzt – alles dient als Ventil für politische oder persönliche Vergeltung; Angst herrscht überall.

Als Mathildes Vater stirbt, reist sie nach vielen Jahren wieder in ihre Heimat. Dort kann sie sich von ihrem harten Arbeitsalltag in Marokko erholen, kann sich frei bewegen und sich unbeschwert als Frau fühlen. Der Kontrast zu ihrem Leben in Marokko könnte größer nicht sein, und Mathilde beginnt, über ihren Verbleib im Elsass nachzudenken und eine Rückkehr nach Marokko mehr und mehr auszuschließen.

     « [.. ]dachte sie, dass es der Zweifel war, der einem zum Verhängnis wurde, dass eine Wahl zu haben Leid verursachte und die Seele zerfraß.»

Leïla Slimani nimmt das Leben ihrer Großmutter, einer Elsässerin, als Romanvorlage. Ihre Erzählungen bilden die Grundlage für diese beeindruckende Geschichte. Der Autorin gelingt eine fesselnde und bildhafte Darstellung eines Marokkos im Umbruch. Sie beschreibt eindrücklich die harte Arbeit auf kargen Böden, das steinige und staubige Land, dem nur unter größten Mühen der kleinstmögliche Ertrag abgerungen werden kann. Sie berichtet von der großen blonden Elsässerin, die mit viel jugendlichem Enthusiasmus in ein Land mit komplett anderen Moralvorstellungen und viel Traditionalismus reist, um dort zu leben - eine Frau, die kämpft, hart arbeitet und niemals aufgibt.

Leïla Slimani gelingt es, die Liebes- und Lebensgeschichte von Mathilde vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Marokko während der Ablösung von Frankreich auf dem Weg zur konstitutionellen Monarchie spannend zu erzählen, und sie zeigt immer wieder die Grenzen und Unterschiede zwischen der arabischen und europäischen Mentalität auf.

Fazit

Ein ergreifender und ausdrucksstarker Roman über eine Zeit der politischen Veränderung in Marokko und die Rolle der Frau in einer von strengen Moralvorstellungen und Traditionen geprägten, patriarchalischen Gesellschaft. Eindrücklich, nachhaltig und bildhaft erzählt, bleibt diese Lektüre noch eine Weile präsent.

Das Land der anderen

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