Lebenssekunden

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 416 Seiten

Couch-Wertung:

86
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Julian Hübecker
Kraftvoll erzählt

Buch-Rezension von Julian Hübecker Mär 2021

1956 sind Ost- und Westdeutschland bereits einige Jahre geteilt, doch die Spannungen nehmen immer weiter zu. Zwei Frauen, aufgewachsen im jeweils anderen Land, haben mit unterschiedlichen Widrigkeiten zu kämpfen, um ihre Träume zu erkämpfen. Während sich für die eine langsam der Traum erfüllt, muss sich die andere fragen, ob es zeitlebens wirklich ihr Traum gewesen ist …

„Wenn sich die Mitteltöne aus dem braunen Film schälen, man eine Ahnung bekommt, ob es gelungen ist, ob es was Besonderes ist oder Durchschnitt, ob man eine Lebenssekunde festgehalten oder man nur Material verwendet hat …“

Im westdeutschen Kassel wächst Angelika Stein mit ihren Geschwistern und ihren Eltern auf. Sie war stets eine gute Schülerin, doch seitdem das Mädchengymnasium mit dem der Jungen zusammengelegt wurde, kommt sie mit den neuen Lehrern nicht mehr klar. Insbesondere der Schulleiter will die Mädchen eher auf ein Leben für den Haushalt vorbereiten. Doch Angelika hat andere Pläne: Sie will Fotografin werden und teilt die Leidenschaft mit ihrem Vater. Eine neue Chance bietet sich, als sie der Schule verwiesen wird. Doch dann passiert etwas Schreckliches: Ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg detoniert in ihrer alten Schule. Ihre beste Freundin Irmgard stirbt, ihr Lieblingsbruder wird schwer verletzt. Von Schuldgefühlen zerfressen, findet sie erst nicht die Kraft, weiterzumachen. Insbesondere ein Pressefoto von einem einzelnen Schuh und dem Rucksack Irmgards verstört zutiefst. Soll so ihre berufliche Zukunft aussehen?

Währenddessen steht Christine Magold in Ostberlin unter großem Druck: Als Leistungsturnerin soll sie die Möglichkeit bekommen, für die DDR in einigen Jahren an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Dafür ist jedoch knallhartes Training vonnöten – Verletzungen inklusive. Durch seine Leistungssportler will die noch junge DDR auch international zeigen, dass ihr sozialistisches Regime Anerkennung wert ist. Christine jedoch hat immer mehr darunter zu leiden. Als sie sich bei einem Wettkampf in einen westdeutschen Sportler verliebt, fühlt sie sich angenommen. Doch Sympathien mit Westdeutschland sind nicht erwünscht; Christine wird wiederholt damit unter Druck gesetzt, dass ihr Versagen und ein Verrat auch für die Familie unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen können.

„Denn eines weißt du jetzt schon besser als die meisten Menschen: Jeder Moment ist Ewigkeit.“

Bekannt wurde die Autorin mit ihrer eigenen Familiengeschichte, die sie in den Romanen Zwei Handvoll Leben und Neuleben verwirklich hat. Dieses Buch spielt außerhalb dessen, verwebt aber wieder einmal geschickt deutsche Historie und Familiengeschichten mit starken weiblichen Figuren im Vordergrund. Historisch ist das Buch vor dem Mauerbau verortet - eine Zeit der vermehrten Konflikte, die auch an den beiden Protagonistinnen nicht vorbeigehen. Insbesondere Christine bekommt das am eigenen Leib zu spüren, da ihr Elternhaus an der berühmten Bernauer Straße liegt.

Obwohl der Mauerbau erst 1961 begann, fängt die Geschichte bereits 5 Jahre früher an. Beide etwa gleichaltrigen Mädchen leben noch ohne von der anderen zu wissen, werden sich aber später im Leben kreuzen. Ihre jeweiligen Handlungen, die abwechselnd erzählt werden, verlaufen unterschiedlich, auf ihre eigenen Weisen jedoch sehr spannend und ansprechend. Katharina Fuchs versteht es, kleine und große Tragödien mit einzubauen, ohne den Fluss und auch die realen Geschehnisse aus dem Blick zu verlieren. Dass sie schreiben kann, merkt man in jedem ihrer Bücher.

Das einzige Manko hier ist doch die Unausgeglichenheit der zeitlichen Abfolge: Zu plötzlich passieren Dinge, die dann im Raum stehen, ehe einige Jahre weitergesprungen wird. Dieser Sprung hat eine Lücke hinterlassen, die man doch hinterfragt und nicht einfach so stehen lassen kann. Womöglich wurde hier zu sehr versucht, den Zeitpunkt des Mauerbaus mit einzubinden - der, zugegeben, einen dramatischen Wendepunkt auch in dieser Geschichte bewirkt hat.

Fazit

Katharina Fuchs hat mittlerweile mit ihren Romanen einen festen Platz in vielen Bücherregalen. Ihre Art zu schreiben und historische Fakten mit Familiendramen zu verknüpfen, ist unvergleichlich. Trotz des Mankos ist es immer noch ein sehr empfehlenswertes Buch!

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