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Julian Hübecker
Zwei Schicksale packend erzählt – ein Pageturner

Buch-Rezension von Julian Hübecker Jun 2019

„So viel Selbstbewusstsein bei einer jungen Frau? Sie ließ ihn tatsächlich stehen. Eine unerhörte Geste. Und genau das reizte ihn.“

Anna und Charlotte – zwei junge Frauen, beide 1899 geboren, doch ihre Leben könnten unterschiedlicher nicht verlaufen. Charlotte ist Gutsherrentochter, kommt aus gutem Hause, leidet jedoch unter ihrem cholerischen Vater. Ihr Leben spielt sich auf dem Land ab, wo sie als einziges Kind den landwirtschaftlichen Betrieb des Vaters übernehmen soll. Obwohl sie als Frau noch immer gegen Vorurteile zu kämpfen hat, beeindruckt sie durch ihr Wissen und ihren Biss. Doch eines ist ihr fremd: Das Leben in der Gesellschaft, zwischen Cocktailpartys und sündhaft teuren Kleidern, exotischen Früchten und mondänen Festen. Hier soll sie eingeführt werden und sich einen Namen machen.

Anna dagegen kommt aus einer ärmlichen Familie – kleines Haus, viele Geschwister, wenig Platz. Obwohl kaum Geld da ist, besteht die Mutter darauf, ihre Kinder eine Lehre machen zu lassen (damals musste dafür noch Lehrgeld bezahlt werden). Nach ihrer Lehrzeit zieht es sie ins desillusionierte Berlin, wo die Menschen nach dem Ersten Weltkrieg auf ein besseres Leben hoffen, schlussendlich jedoch in barackenartigen Wohnhäusern unterkommen und dort ihr Dasein fristen. Doch Anna hat Glück: Dank ihrer Fähigkeit als Näherin ergattert sie eine begehrte Stelle im Kaufhaus KaDeWe.

So verschieden sie ihre Leben meistern, so ähnlich sind doch die Schicksale, denen sich die beiden stellen müssen. Vor allem die Liebe ist in diesen unsicheren Zeiten selten eine Herzensangelegenheit: Oftmals sind Pflichtgefühl gegenüber der Familie und eine sichere Zukunftsplanung wichtiger, die wahren Gefühle bleiben auf der Strecke. Welche Entscheidungen sind sie gezwungen zu treffen? Schließlich bleibt die Frage: Zu welcher Schlussfolgerung kommen die beiden Frauen, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg aufeinandertreffen?

Eine Geschichte mit enormer Sogwirkung

Anna und Charlotte – wie beeindruckend sie ihre Leben gemeistert haben. Noch fesselnder wird die Geschichte, wenn man weiß, dass diese beiden Frauen die Großmütter der Autorin sind. Diese Familiengeschichte zieht einen in den Bann – zwei Leben, die gelebt wurden, zwischen den Weltkriegen gefangen, von Inflation, Armut und Nationalsozialismus durchgerüttelt, und trotzdem voller Stolz und Würde.

Wer sich den Text auf dem Buchrücken vor Beginn des Buches anschaut, wird bereits wissen, dass sich die beiden irgendwann begegnen werden. Nach mehreren hundert Seiten kommt jedoch die Irritation, dass sie sich noch immer nicht kennengelernt haben. Tatsächlich treffen Anna und Charlotte erst im letzten Kapitel aufeinander – doch diese letzte Schlusserzählung hat es in sich!

Was bleibt zu erzählen, wenn so viel hinter ihnen liegt? Wie sollen sie herausfinden, was sie verbindet, obwohl sie doch aus unterschiedlichen Leben kommen? Doch sie ziehen ein ganz eigenes Fazit, das einem Gänsehaut beschert und das Gefühl gibt, ein Epos beendet zu haben. So bleibt schließlich nur der letzte Satz, der hier nicht zurückgehalten werden soll: „Nichts haben wir verschwendet. Wir haben doch so viel mehr als nur zwei Handvoll Leben.“

Fazit:

Zwei Handvoll Leben zeugt von großer Erzählkunst. Anna und Charlotte sind einem so nah, wie es literarische (historische) Figuren selten vermögen. So intensiv kann Geschichte sein – emotional, einzigartig und beeindruckend. Eine absolute Leseempfehlung!

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Letzte Kommentare:
15.07.2019 15:31:48
dorli

In ihrem Roman „Zwei Handvoll Leben“ erzählt Katharina Fuchs aus den Leben ihrer Großmütter Anna Tannenberg und Charlotte Feltin, beide geboren im Oktober 1899. Anna und Charlotte wachsen in ganz unterschiedlichen Verhältnissen auf - Anna mit fünf Geschwistern in einem ärmlichen Haushalt inmitten des Spreewalds; Charlotte als einziges Kind eines Gutbesitzers auf einem Gut in der Nähe von Chemnitz.

Schon nach wenigen Seiten zeigt sich, dass Katharina Fuchs nicht nur intensiv in ihrer Familiengeschichte recherchiert hat, sondern auch in der Lage ist, ihr gesammeltes Wissen mitreißend an den Leser weiterzugeben. Die Autorin schildert die Erlebnisse ihrer beiden Protagonistinnen so echt und wie aus dem Leben gegriffen, dass ich beim Lesen oft die Stimmen meiner eigenen Großmütter im Ohr hatte, die damals zwar andere, aber doch irgendwie ähnliche Dinge erlebt haben.

Im stetigen Wechsel begleitet man Anna und Charlotte zu den wichtigen Stationen in ihrem Leben und erfährt in den zahlreichen Episoden, wie sie ihren Alltag meistern. Anna, die zunächst eine Schneiderlehre macht und dann in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten das große Glück hat, eine Stelle als Verkäuferin im Berliner Kaufhaus KaDeWe zu ergattern; und Charlotte, die sich darauf vorbereitet, einmal das väterliche Gut zu übernehmen und in die Leipziger Gesellschaft eingeführt wird. Unzählige Details sorgen nicht nur für Authentizität, sondern vor allen Dingen für eine lebhafte Handlung und lassen damit ein sehr vielschichtiges Bild der damaligen Zeit vor den Augen des Lesers entstehen.

Im Verlauf der Handlung erfährt man, wie die beiden Frauen Weltkriege, Wirtschaftskrise und Inflation überstanden haben. Was sie erreicht haben. Welche Fehler sie gemacht haben. Welches Leid sie erdulden mussten. Wie sie mit Veränderungen umgegangen und an Herausforderungen gewachsen sind. Und wie sie ihre große Liebe verloren und dennoch ihr persönliches Glück gefunden haben.

Anna und Charlotte begegnen sich am Ende des Buches im Nachkriegs-Berlin anlässlich der Hochzeit ihrer Kinder zum ersten Mal – zwei ungleiche Frauen, die so viel Unterschiedliches erlebt haben und doch durch ein ähnliches Schicksal miteinander verbunden sind.

„Zwei Handvoll Leben“ hat mich durchweg begeistert. Es war interessant und mitreißend, Anna und Charlotte kennenzulernen, sie auf ihren Wegen durch eine ereignisreiche, aufwühlende Zeit zu begleiten und Kummer und Furcht, aber auch Glück und Freude mit ihnen zu teilen.