Parallelgeschichten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Pécs: Jelenkor, 2005, Titel: 'Párhuzamos történetek ', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 1728, Übersetzt: Christina Viragh

Couch-Wertung:

70
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Romy Fölck
Schonungslos

Buch-Rezension von Romy Fölck Mär 2012

Um dies gleich vorweg zu nehmen: Nádas arbeitete 18 Jahre an diesem Roman. Fürwahr ein Mammutprojekt! Ebenso für den Leser. Denn nicht nur die über 1700 Seiten müssen erst einmal bewältigt werden, auch die Nähe des Autors zu den Körpern seiner Protagonisten ist keine geringe Herausforderung. Das zur Schau stellen der Individuen, das Verschmelzen mit ihren Trieben, Gelüsten und ihren körperlichen Reaktionen, Ausscheidungen oder Ausdünstungen hat es in der Literatur in dieser Form noch nicht gegeben.

Ist er deshalb ein Jahrhundertroman, wie einige Stimmen des Feuilleton meinen und dieses Werk in den Olymp der Literatur erheben, in dem es mit Werken von Mann, Proust oder Joyce in einem Atemzug genannt wird?

Eines ist der Roman definitiv: eine unerhörte Fülle an Geschichten; ein Verschlingen und voneinander Abprallen von Schicksalen, die abrupt ineinander übergehen, obwohl sie oft rein gar nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie von Nádas in diesem Buch vereint wurden. Häufig wird der Leser, ohne eine Szene gedanklich beendet zu haben, schon in die Nächste gestürzt, nicht selten mitten im Absatz, in dem Sprünge der Zeit- und Handlungsebenen ganz selbstverständlich vollzogen werden und Verwirrung stiften.

Die parallel laufenden Geschichten beginnen mit einem Studenten im Berliner Tiergarten, der 1989 in einen Kriminalfall stolpert, setzen sich in Budapest, am Nationalfeiertag des Jahres 1961 fort, um den Leser kurz darauf in einem brennenden Konzentrationslager in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges auszuspucken und wieder zurück ins Budapest des Maiaufstands 1956 zu katapultieren. Mal scheint man sich in einem Kriminalroman zu befinden, dann wieder in einem historischen Roman, Liebesroman oder einer Familiengeschichte. Nádas legt sich nicht fest. Weder auf eine Struktur der Zeit- und Handlungsebenen, noch auf ein Genre. Es ist viel Konzentration erforderlich, um die Orientierung zu behalten, wodurch die Lesefreude leidet. Die auktoriale Erzählweise wird ab und an durch einen Ich-Erzähler in Person des Kristóf gewechselt und aufgelockert, bei dem man meinen könnte, dies sei das Alter Ego von Nádas. Denn der ängstliche Kristóf, der in einem gewichtigen Erzählstrang in einer Budapester Familie ohne Vater und Mutter aufwächst, scheint dem Autor, der mit 16 selbst zur Vollwaise wurde, überaus nah zu sein. In einem Interview darauf angesprochen, dementiert Nádas. Alle Figuren wären sein Alter Ego. "Ich bin alle!", sagt er und man kauft ihm dies ab. Denn Nádas seziert die Figuren bis ins Kleinste. Jeder ihrer Gedanken, jede ihrer Regungen oder Verfehlungen wird von ihm grell ausgeleuchtet. Schwach erscheinen sie, manchmal lebensfremd oder sogar depressiv. Nach einem starken führenden Charakter suchen wir hier umsonst.  Aber vielleicht wirkt ein jeder Mensch schwach, wenn man nur allzu lange in seinem tiefsten Inneren und den Ausscheidungen seines Geschlechts und seiner Gedärme wühlt?

Nádas kennt sie in- und auswendig, schildert über Seiten ihre Lebenssituation, bis hin zu allen menschlichen Bedürfnissen – ohne jegliches Tabu. Ob hetero- oder homosexuelle Akte, lesbische Träumereien, Sex mit Natursekt, die Produkte menschlicher Ausscheidungen und ihre Geräusche, Menstruationsausflüsse - er ist deutlich und schonungslos. Darauf angesprochen reagierte Nádas kürzlich gelassen. Er verstehe nicht, warum die Literatur diese menschlichen Verhaltensweisen bisher ausgeklammert habe. Sie gehörten ganz selbstverständlich zum Menschsein dazu. Warum nicht auch in der Literatur? Er wollte sich von diesen äußeren Zwängen freimachen.

Keine Frage, ein berechtigter Einwand. Aber will man diese bislang nur angedeuteten oder gänzlich ausgeblendeten Szenen des körperlichen Daseins wirklich lesen? Möchte man seinen Figuren quasi bis aufs Klosett folgen und daneben stehen bleiben? Will man beispielsweise als heterosexuelles Individuum Voyeur eines homosexuellen Aktes dreier Männer sein oder die bis zum Höhepunkt getriebene Selbstbefriedigung eines Mannes erleben, als letzten Akt seiner Sexualtriebe, bevor er im Krieg grausam erschlagen wird?

Diese Frage wird beim Lesen aufkommen und die Tabulosigkeit des ungarischen Autors wird polarisieren. Die einen mögen das Werk schon aufgrund dieser Nähe, dieser "Geschichten der Körper" zum Jahrhundertroman erheben. Die anderen werden wohl kopfschüttelnd Seiten überspringen, weil sie diese bis auf die Spitze getriebene Intimität anwidert. Die längste Sexszene nimmt immerhin einen Raum von über 100 Seiten ein. Aber wer dies nun erwartet - all diese Szenen geschlechtlicher Ertüchtigung sind keineswegs pornografischer Natur. Die körperlichen und ekstatischen Handlungen werden von Nádas so detailliert, fast in wissenschaftlicher Genauigkeit geschildert und schließlich psychologisch zerrieben, dass man staunt, wie wenig Erotik dabei übrig bleibt.

Nádas folgt mit seinem klassischen Schreibstil, wie er selbst anführt, der großen literarischen Tradition Tolstois, Gorkis und Dostojewskis. Von wunderbaren herausragenden Sätzen, die sich vom Papier erheben und zutiefst berühren bis hin zur Langatmigkeit wird man in den "Parallelgeschichten" alles finden. Die Geschichte entwickelt recht spät einen Sog, ermüdet über eine lange Strecke und wird neu entzündet, bis sie schließlich abrupt endet, ohne den Zusammenhang der Geschichten zu offenbaren, nach dem man lange Zeit sucht. Wahrscheinlich hätte es weitere 1000 Seiten so weitergehen können. Man fühlt sich letztendlich im Stich gelassen, weil das Ende keines ist.

Peter Nádas –Sohn jüdischer Kommunisten, Erzähler, Fotograf und Journalist, der aufgrund politischer Zensur lange Jahre keinen Verlag für seine Werke fand – wurde für seinen Roman "Buch der Erinnerung" mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Diesen erhielt in diesem Jahr in der Kategorie "Übersetzung" auch Christina Viragh für die "Leichtigkeit" und "Eleganz im Ton" bei der Übersetzung dieses Romans, der bereits 2005 in seiner Muttersprache in Ungarn erschien.

Ob der Leser das Werk nach der Lektüre zu "Buddenbrooks" und "Ulysses" stellt, mag jedem selbst überlassen sein. Aber lesen sollte man diesen Roman, schon um sich selbst ein Bild zu machen, bevor man ihm euphorisch oder ablehnend gegenübersteht. Denn er läutet ohne Frage ein neues Zeitalter ein, das Zeitalter der Körper, der "Lebenswirklichkeit der Personen" in der Literatur.

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