10.2016 Bisher ist Catharina Junk als Romanautorin noch relativ unbekannt, doch als Drehbuchautorin war sie schon an vielen bekannten Produktionen wie beispielsweise "Neues vom Bülowbogen“ oder "Die Pfefferkörner“ beteiligt. Im August erschien ihr erster Roman, für welchen sie in einer früheren Fassung den Förderpreis für Literatur erhielt. In Auf Null erzählt sie die autobiographisch gefärbte Geschichte von Nina, die mit 20 Jahren an Leukämie erkrankt und nach ihrer Genesung große Probleme hat, sich wieder im "normalen“ Leben zurechtzufinden.

Das ist so ein haltloses Dazwischen, in dem man sich erst einmal zurechtfinden muss.

Belletristik-Couch:
Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu verfassen?

Catharina Junk:
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig es sein kann, nach einer schweren Erkrankung wieder zurück ins neue alte Leben zu stolpern. So eine Krankheit verändert alles: Familie, Freundschaften und natürlich auch das Vertrauen in den eigenen Körper. Wenn man das unglaubliche Glück hat, medizinisch als geheilt zu gelten, sitzt einem trotzdem ständig die Angst vor einem Rückfall im Nacken. Das ist so ein haltloses Dazwischen, in dem man sich erst einmal zurechtfinden muss und das hat mich als Thema für einen Roman sehr interessiert.

Belletristik-Couch:
Wie viel von Ihrer eigenen Geschichte steckt in Ihrem Roman?

Catharina Junk:
Wie meine Hauptfigur Nina bin auch ich mit Anfang zwanzig kurz nach Beginn meines Studiums an akuter myeloischer Leukämie erkrankt. Außerdem bin ich wie sie in Niedersachsen aufgewachsen, habe ebenfalls einen jüngeren Bruder und auch in meinem Krankenhauszimmer hingen Kunstdrucke von Van Gogh. Einzelne Situationen aus dem Roman habe ich so oder sehr ähnlich erlebt, aber alle auftretenden Figuren und die gesamte Handlung sind frei erfunden. Trotzdem kann man aber wohl sagen, dass der Roman autobiographisch gefärbt ist.

Belletristik-Couch:
Fiel es Ihnen schwer, über die Zeit ihrer Krankheit zu schreiben?

Catharina Junk:
Nein, schwer fiel es mir nicht. Aber es gab natürlich sehr emotionale Schreib-Tage, die mich stärker mitgenommen haben als andere. Doch dabei ging es immer eher um die Figuren in der Geschichte als um mich. Ich glaube, es hat einen Grund, weswegen ich über zwanzig Jahre gewartet habe, bis ich mit dem Schreiben dieses Romans beginnen konnte. Ich brauchte wohl einen emotionalen Sicherheitsabstand zu meiner eigenen Krankheit, um mich im Namen meiner Hauptfigur gewissen Emotionen und Momenten wieder anzunähern. Die Ich-Erzählerin in der Geschichte bin ja nicht ich selbst, sondern eine fiktive Figur namens Nina, in deren Rolle ich beim Schreiben gehandelt, gesprochen und die Geschehnisse gedanklich kommentiert habe. Das klingt jetzt distanzierter als es sich beim Schreiben anfühlt. Auf Null ist ein sehr persönliches Buch und da ich alle Figuren darin ins Herz geschlossen habe, hatte ich mit ihnen sehr viel Spaß, habe aber auch mit ihnen gelitten.

Belletristik-Couch:
Was hoffen Sie, mit Ihrem Roman bei Ihren Lesern zu erreichen?

Catharina Junk:
Ich möchte mit der Geschichte vor allem unterhalten. Ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie beim Lesen meines Romans sowohl laut gelacht als auch geweint haben. Darüber freue ich mich natürlich sehr, denn es zeigt, dass Ninas Geschichte sie berührt. So banal es vielleicht klingt, aber wenn die Leserinnen und Leser am Ende der Geschichte das Buch schließen und still für sich lächeln, dann ist das das größte Kompliment für mich.

Belletristik-Couch:
Hat die Arbeit an dem Roman ihre Sicht auf die Krankheit verändert?

Catharina Junk:
Nein. Das mag aber auch mit dem Alter und dem Charakter meiner Hauptfigur zusammenhängen. Nina ist sehr jung und auch ihr Blick auf das Leben beinhaltet nicht, dass sie die Krankheit als Weckruf sieht. Im Sinne von: Das Leben kann so schnell vorbei sein und deswegen gilt ab jetzt nur noch carpe diem. So ist Nina nicht und das macht es ja auch so schwierig für sie, sich wieder aufs Leben einzulassen. Aber ich finde, nach so einem Schicksalsschlag darf man zögern und hadern. Die Angst kann in einigen Moment größer sein als die Dankbarkeit, überlebt zu haben. Man sollte sich nicht von der Aufforderung "Jetzt genieß doch mal dein Leben und sei glücklich!“ unter Druck setzen lassen. Nina macht sehr kleine Schritte in Richtung Glück und muss lernen, dass das so sein darf. Glück ist schließlich kein Dauerzustand, den man erreicht, wenn man sich nur stark genug anstrengt, sondern ein Gefühl für besondere Momente.

Belletristik-Couch:
Wollen Sie mit dem Buch eine bestimmte Gruppe von Personen ansprechen?

Catharina Junk:
Anders als bei meiner Arbeit als Drehbuchautorin, in der ich ja meistens für eine bestimmte Zielgruppe schreibe, habe ich mich bei "Auf Null“ von dieser Frage gelöst und einfach eine Geschichte erzählt, die ich schon sehr lange im Hinterkopf hatte. Dass nun Frauen und Männer ganz unterschiedlichen Alters auf mich zukommen und mir sagen, dass sie das Buch sehr mochten, ist für mich eine schöne Überraschung. Hinzu kommt, dass ich häufiger von Leserinnen und Lesern angesprochen werde, die entweder selbst eine schwere Krankheit überstanden oder ähnliches im Familien- oder Freundeskreis erlebt haben. Sie erzählen mir, dass sie sich mit vielen Situationen in der Geschichte identifizieren können, sowohl mit den traurigen als auch mit den komischen.

Belletristik-Couch:
Arbeiten Sie zur Zeit an einem neuen Buch?

Catharina Junk:
Im Moment bin ich noch mit einigen Drehbuchprojekten beschäftigt, aber ich habe ich recherchiere bereits für einen neuen Roman und freue mich schon darauf, sehr bald mit dem Schreiben anzufangen.

Belletristik-Couch:
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Junk.

  

Das Interview führte Kathrin Plett im September 2016.

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