Bertolt Brecht

von Julian Hienstorfer (02.2023)

Utopie und Umstände: 125 Jahre Brecht

Bertolt Brecht wurde kurz vor der letzten Jahrhundertwende geboren. Er lebte in der Weimarer Republik, flüchtete vor dem Regime des Nationalsozialismus und setzte sich danach kritisch mit der DDR auseinander. Der Autor und Regisseur polarisierte als Literat und Person auch über seinen Tod hinaus. Trotz aller Reibungspunkte gilt er als ein literarischer Gigant des 20. Jahrhunderts und ist noch immer der Inbegriff linksbürgerlicher Intellektualität schlechthin. Am 10. Februar 2023 jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal – und dennoch wirkt er aktueller denn je.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Bertolt Brecht war zeitlebens einer, der der Gesellschaft den Spiegel vorhielt, der an die Wandelbarkeit der Verhältnisse glaubt und unbequeme Fragen stellte. Man denke beispielsweise an die Fragen eines lesenden Arbeiters oder die Darstellung der verkommenden Moral in der berühmten Dreigroschenoper.

Im Leben des Galilei, einem Drama über den bekannten italienischen Astronomen, der den Heliozentrismus wissenschaftlich nachwies, setzte Brecht der Ethik der Wissenschaft ein Denkmal. Der Gelehrte kann sich in diesem Stück trotz stichhaltiger Beweise nicht gegen die Übermacht der Kirche und der hohen Tiere behaupten. Brechts Dramen hatten ihn immer, diesen Bezug zur eigenen Gegenwart. Brecht schrieb das Drama, das ursprünglich 1939 veröffentlicht wurde, in der amerikanischen Fassung von 1945 nochmals um und münzte es nun besonders auf den Bau der Atombombe unter Mitwirken des Physikers Robert Oppenheimer. So verstärkte und konkretisierte er den zeitgenössischen Gegenwartsbezug seines Geschichtsdramas und kritisierte die Instrumentalisierung der Wissenschaft durch die Politik. Diese Technik der Historisierung, der Vergeschichtlichung zeitgenössischer Fragen und Probleme, war Teil einer innovativen Theaterkonzeption, die Auswirkungen bis in die Filmindustrie unserer Tage hat.

Das Epische Theater

Brechts Theater war eines für mündige Zuschauer. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Gegenwart und Gesellschaft als veränderbar zu zeigen. Dafür wollte der Autor zeitgenössische gesellschaftliche Strukturen in einer historisierten Spiegelung auf der Theaterbühne aufdecken. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Geschehen sollte das passive Mitgefühl und Mitfiebern des Publikums mit den Figuren ersetzen. Zur Durchbrechung der Theaterillusion nutzte er sogenannte Verfremdungseffekte, beispielsweise Lieder und Moritate. Texttafeln ordnen in seinen Stücken das Geschehen bereits im Voraus ein, kommentieren es ironisch, bieten Interpretationsmöglichkeiten und durchbrechen die 4. Wand zum Publikum sowie die Dramaturgie der Handlung damit bewusst. Das Publikum wird Betrachter und Beurteilender der abgebildeten Gesellschaft und damit auch seiner selbst.

Wer sich dies nicht vorstellen kann, dem sei der großartige, 2018 erschiene Film Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm mit Lars Eidinger und Hannah Herzsprung empfohlen, in dem die Konzeption Brechts wirkmächtig veranschaulicht wurde. Es ist ein großes Vergnügen, Brechts Stück, dessen Verfilmung damals lediglich an Differenzen bezüglich der Machart scheiterte, in ungebrochener Aktualität endlich über die Leinwand flimmern zu sehen.

Auch Brechts Dramen finden sich nach wie vor auf zahlreichen Spielplänen deutscher Theater. Und wenn sich in einer aktuellen Serie oder einem Hollywood-Film ein Schauspieler direkt ans Publikum wendet, die sogenannte 4. Wand des Filmraums durchbricht, die Illusion der Handlung dadurch aufhebt und die Zuschauenden direkt anspricht, dann lächelt Brecht irgendwo süffisant und zieht genüsslich in dem Wissen an seiner Zigarre: Das geht auf meine Drameninnovation zurück. Die Bedeutung des epischen Theaters für die Filmgeschichte ist enorm.

Politik, Polemik, Partei

Brecht war und blieb zeitlebens ein Dramatiker, der sich für Gerechtigkeit einsetzte, in Werken wie Der aufhaltsame Aufstieg des ArturoUi gegen Hitler und das Nazi-Regime rebellierte, in Die heilige Johanna der Schlachthöfe das unmenschliche System des Kapitalismus und in Mutter Courage und ihre Kinder Krieg und Militarismus anprangerte.

Bertolt Brecht war ein Mann der Widersprüche. Er war ein Sympathisant der sozialistischen Idee und gleichzeitig ein Querulant in der realsozialistischen DDR.

Einer, der zeitlebens unbequem blieb, wie er in seinem Gedicht Die Lösung mit bitterbösem Humor bewies. Als Reaktion auf die Demonstrationen im Jahr 1953 veröffentlichte er die zynischen Zeilen „Nach dem Aufstand des 17. Junis ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes in der Stalinallee Flugblätter verteilen auf denen zu lesen war, daß das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe und es nur durch doppelte Arbeit zurückerobern könne. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Wie ein roter Faden zog sich die Erkenntnis durch Brechts Werk, dass ein Mensch in einer schlechten Welt, nicht gut sein kann. Die Umstände und Verhältnisse verhindern das bessere (Zusammen-)Leben. Am greifbarsten ist diese Idee vielleicht in den Dramen Der gute Mensch von Sezuan und der Dreigroschenoper.

Brechts Dramen, die unter anderem vom Literaturkritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki als beste der deutschen Sprache gewürdigt wurden, sind einzigartig. Nicht minder berühmt sind aber seine Gedichte. Sie zeugen von betroffener Zeitzeugenschaft (An die Nachgeborenen), politischer Agitation (Einheitsfrontlied) und großem poetischen Können (Erinnerung an die Marie A.).

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen

In einem Zeitalter der Krise vermisst man ihn schmerzlich, Bertolt Brecht, den unbedingten Visionär einer besseren Welt, der die Fragen lieber stellte, als sie zu beantworten. Gewürdigt wird sein Jubiläum passenderweise in Form einer Sonderbriefmarke der Deutschen Post, mit dem Aufdruck: „Ändere die Welt, sie braucht es!“ 

Leben

  • Geboren 1898 in Augsburg
  • Ab 1917: Studium in München, knüpfen erster Kontakte unter anderem zu Frank Wedekind und Lion Feuchtwanger
  • 1922: Uraufführung des ersten Theaterstücks in München (Trommeln in der Nacht); Erhalt des Kleist-Preis; Anstellung als Dramaturg und Regisseur bei den Münchener Kammerspielen
  • 1923: Beginn des Verhältnisses mit Helene Weigel
  • 1924: Umzug nach Berlin
  • Ab 1926 entwickelt Brecht das Konzept des epischen Theaters
  • Ab 1930 arbeitet er mit den Komponisten Kurt Weill und Hanns Eisler zusammen
  • Ab 1930 beginnen Nationalsozialisten Brechts Stücke militant zu boykottieren
  • Exil des Autors und seiner Familie ab der Machtübernahme der NSDAP 1933; seine Werke sind Teil der Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten
  • 1948: Rückkehr nach Ost-Deutschland
  • Eigenes Theaterensemble in Berlin ab 1949
  • Brecht stirbt 1956 in Ost-Berlin

Werke

  • Dramen

  • 1918 Baal
  • 1919 Trommeln in der Nacht
  • 1921 Im Dickicht der Städte
  • 1923 Leben Eduards des Zweiten von England
  • 1926 Mann ist Mann
  • 1928 Die Dreigroschenoper
  • Gedichte

  • 1922 Legende vom toten Soldaten
  • 1927 Erinnerung an die Marie A.
  • 1936 Fragen eines lesenden Arbeiters
  • 1937 Einheitsfrontlied
  • 1939 An die Nachgeborenen
  • 1959 Die Lösung
  • Prosa

  • 1926-1956 Geschichten vom Herrn Keuner

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von Julian Hienstorfer (02.2023)
 

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