Alle Namen

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Lissabon: Caminho, 1997, Titel: 'Todos os nomes', Seiten: 279, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1999, Seiten: 313, Übersetzt: Ray-Güde Mertin
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2001, Seiten: 313, Übersetzt: Ray-Güde Mertin
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, Seiten: 313, Übersetzt: Ray-Güde Mertin , Bemerkung: Einmalige Sonderausgabe

Couch-Wertung:

79
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Peter Kümmel
Der Mensch in der Schublade

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2011

Eigentlich wollte José Saramago eine Autobiographie schreiben, um seine Kindheit für sich selber festzuhalten. Dazu musste er Nachforschungen über seinen Bruder anstellen, der 1920 geboren wurde und vier Jahre später verstarb. Doch die Nachricht seines Todes wurde nie an das Standesamt weitergegeben. Also ist sein Bruder statistisch gesehen noch gar nicht tot. Und so entstand die Idee zu "Alle Namen".

Die Faszination des Schicksals

Sr. José ist einer der Amtsschreiber des zentralen Personenstandsregisters seiner Stadt. Er ist ein pflichtbewusster, gewissenhafter Beamter, der unter der strengen Aufsicht seiner Vorgesetzten von morgens bis abends nichts anderes tut, als Karteikarten zu beschriften und einzusortieren. Privat ist Sr. José ein alleinstehender einsamer Mann um die 50. Sein Hobby ist es, Zeitungsausschnitte von wichtigen Persönlichkeiten zu sammeln und Akten über sie anzulegen. Da ihm aber wichtige Daten dieser Persönlichkeiten fehlen wie Namen der Eltern und der Taufpaten, Hochzeitsdatum, Tag der Scheidung oder ähnliches, stellt er über die Karteikarten im Amt Nachforschungen an. Dies macht er jedoch nicht offiziell, sondern er besucht nachts die Amtsräume, die er durch eine Verbindungstür von seiner Wohnung aus betreten kann und nimmt die Karteikarten verbotenerweise mit nach Hause.
Eines Tages entdeckt er dabei, dass an einer der entliehenen Karteikarten eine weitere Karte heftet, die überhaupt nichts mit der gesuchten zu tun hat. Darauf steht der Name einer ihm gänzlich unbekannten Frau. Sr. José erliegt nun der Faszination des Schicksals, das ihm durch Zufall die Karte in die Hände gespielt hat, und es wird ihm zum zwingenden Bedürfnis, mehr über die Unbekannte in Erfahrung zu bringen.

Da er dies in aller Heimlichkeit macht, verstrickt er sich immer mehr in Ungesetzlichkeiten. Er fälscht Papiere, die er aus dem Amt mitnimmt und bricht sogar in die Schule ein, die die unbekannte Frau früher besucht hat, um dort weitere Unterlagen zu suchen.

Fließender Übergang zwischen Realität und Fiktion

Reihen von ganz in grün gehaltenen Karteischubladen auf Vorder- und Rückseite des Buches lassen die doch recht trockene Materie des Romans schon erahnen.

Der Schreibstil José Saramagos ist ohne Zweifel sehr eigenwillig und gewöhnungsbedürftig. Er erzählt in langen Sätzen mit vielen Aufzählungen ohne erkennbaren Einschnitt. Einzelne Absätze ziehen sich oft über fünf oder mehr Seiten hin. Dabei wirkt zudem noch störend, dass die erste Zeile eines Absatzes nicht wie üblich nach rechts eingerückt, sondern nach links ausgerückt ist. Das ungewöhnlichste bei Saramagos Schreibstil ist jedoch, dass er gänzlich ohne direkte Rede auskommt. Unterhaltungen werden im Erzählstil geschildert, mit vielen Kommas zwischen den einzelnen Dialogen, so dass man schon genau aufpassen muss, um zu erkennen, wer was gesagt hat. Doch mit seiner Wortwahl, seinen Metaphern, seinen Übertreibungen und seinen manchmal ins Groteske gehenden Beschreibungen gelingt es Saramago ganz hervorragend, die jeweilige Stimmung und den Zustand der Personen zu vermitteln.

Psychologisch meisterhaft beschreibt Saramago in "Alle Namen", wie ein ängstlicher Amtsschreiber zum ersten Mal in seinem Leben Sehnsucht und Leidenschaft kennenlernt, wenn auch nach einer Unbekannten. Wie er von seiner selbst auferlegten Mission besessen ist, seine Pflichten vernachlässigt und wie er seine Ängste und Schwächen überwindet. Wie er erkennt, dass es nicht darauf ankommt, Berühmtheit zu erlangen, sondern dass jede Person den gleichen Wert hat.

Die Erzählung begleitet durchgehend den Protagonisten, den Amtsschreiber Sr. José, dabei mischt der Autor immer wieder Realität und Imagination. Sehr oft wird fließend vom Geschehen aus weitererzählt, was sich Sr. José in seinen Ängsten ausmalt, und man braucht immer einen Augenblick, um zu erkennen, dass wieder Realität in Fiktion übergegangen ist.

Die Geschichte beginnt mit sehr viel hintergründigem Humor. Sehr trocken, fast so verstaubt wie die Ablagen im Amt, aber nicht ohne Ironie beschreibt der Autor das tägliche Einerlei in der Amtsstube:

"Die Anordnung der Plätze in diesem Saal berücksichtigt selbstverständlich die vorgegebene Hierarchie, da sie sich jedoch, wie zu erwarten, in dieser Hinsicht harmonisch fügt, tut sie dies auch hinsichtlich der Geometrie, was dem Beweis dient, dass kein unüberbrückbarer Widerspruch zwischen Ästhetik und Autorität besteht. Die erste Tischreihe, parallel zur Theke, wird von acht Amtsschreibern eingenommen, die für den Publikumsverkehr zuständig sind. Dahinter, ebenfalls um die mittlere Achse angeordnet, die von der Tür ausgehend sich weit hinten in den dunklen Räumen des Gebäudes verliert, steht eine Reihe von vier Tischen. Dies sind die Tische der Amtssekretäre. Dann folgen die der Stellvertretenden Amtsvorsteher, und das sind zwei. Schließlich, isoliert und allein, wie es sich gehört, der Amtsvorsteher, den sie im täglichen Umgang Chef nennen."

Danach weicht der Humor ein wenig der Handlung, die der Erzählung nach der doch recht trockenen Einleitung sehr gut tut. Das Beeindruckendste an diesem Werk ist, dass es dem Autor gelingt, eine vollkommen unbedeutende Handlung dann ohne große Effekte doch recht spannend zu gestalten. Als so nach etwa zwei Dritteln des Buches der Verbleib der gesuchten Person geklärt ist, kommt zunächst ein recht zäher Teil, bevor die Begegnung von Sr. José mit dem Schäfer auf dem Friedhof dem Werk wieder etwas Farbe verleiht. Das Buch schließt mit einer Überraschung, aber dennoch in dem eher leisen Stil, der das gesamte Werk durchzieht.

Wenn es auch nicht der ganz große Knaller ist, so ist "Alle Namen" dennoch ein von einem großen Sprachkünstler geschriebenes Buch, das einigen Unterhaltungswert besitzt und auch leicht lesbar ist, sofern man erst mal den Einstieg geschafft hat und den Roman nicht nach 50 Seiten schon beiseite gelegt hat. Ein Buch, dessen tieferer Sinn zwar nicht unergründlich ist, über den es sich aber dennoch lohnt, einige Gedanken zu verschwenden.

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