Wach

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rowohlt, 2011, Seiten: 252, Originalsprache

Couch-Wertung:

85
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Kathrin Plett
Wachsam

Buch-Rezension von Kathrin Plett Sep 2011

Mit Wach liefert Albrecht Selge einen gelungen Debütroman. Dem Berliner Autor gelingt es, dem Leser eine völlig neue Sichtweise auf den alltäglichen Wahnsinn zu vermitteln, indem er ihn an den Gedanken seines Protagonisten, August Kreutzer, teilhaben lässt. Aufmerksam, bis aufs kleinste Detail durchdacht, zeichnet sich auf diese Weise ein gesellschaftliches Bild ab, das zum Nachdenken anregt, keine direkten Fragen stellt, aber Fragen eröffnet.

August Kreutzer, der erfolgreich und ehrgeizig in einer großen Mall in Berlin arbeitet, ist kaum noch in der Lage zu schlafen. Weder Schlafmittel, noch diverse Einschlafrituale, wie etwa Musikhören, lassen ihn in den Schlaf finden. Um der Schlaflosigkeit zu entfliehen und mit der Hoffnung auf diese Weise zur Ruhe zu kommen, geht er nachts durch die Straßen spazieren. Seine Spaziergänge werden mit der Zeit immer länger, die Phasen, in denen er in der Lage ist, zu schlafen umso kürzer.

Bei seinen Runden durchquert er Straßen, Wohnviertel, Friedhöfe, betritt Hinterhöfe und Ecken, die die meisten Menschen nicht aufsuchen würden. Mit der Zeit beginnen sich die Spaziergänge auch auf den Tag auszudehnen, Kreutzer fällt die Arbeit schwerer, bis er kaum noch hingeht. Der Alltag beginnt ihn zu überfordern.  Tagesstrukturen beginnen keine Rolle mehr zu spielen, Tag und Nacht haben kaum Bedeutung. Draußen zu sein, im Freien, ist für ihn die Freiheit, weg von Zwängen und Pflichten. Erinnerungen mischen sich mit der Gegenwart, Realität mit Fantasie. Dennoch: Je näher Kreutzer der letzten, der vierzigsten Nacht kommt, desto mehr Beobachtungen scheint er zu machen.

Gerade die vielen kleinen Details sind es, die dem Buch die Tiefe geben und dem Leser die Möglichkeit bieten, in alltäglichen Beobachtungen, die er unbewusst selbst vielleicht auch gemacht hat, das Besondere zu entdecken. Trotz seiner Schlaflosigkeit scheint der Protagonist oft wacher als die meisten Menschen zu sein, denen er auf seinen Runden begegnet.

Selge ermöglicht seinen Lesern den "Wach"-Effekt Kreutzers am Ende des Romans selbst zu erfahren. Ein Punkt, der für die geschickt durchdachte und raffiniert konzipierte Story sprechen kann, andererseits aber auch verwirrend wirken kann.

August Kreutzers Schlaflosigkeit bringt ihn an seine geistigen und körperlichen Grenzen. Die Gedanken und Gefühle seines menschlichen Ausnahmezustands beugen einer starken Identifikation des Lesers mit der Figur vor. Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf das Beobachten, er bleibt "wach" genug, um sich selbst mit den Gedankengängen und Ideen Kreutzers auseinanderzusetzen und sein Bild der gegenwärtigen Gesellschaft zu ergänzen oder gegebenenfalls zu verändern.

Der Sprachstil des Autors spielt eine Schlüsselrolle im Roman. Die Sätze sind komplex gebaut, ein überlesenes Komma kann den Sinn eines Satzes verdrehen. Selge spielt mit Absätzen, Leerzeilen und Kapiteln, die die Story untergliedern, unterbrechen und den Leser innehalten lassen. Teilweise werden Passagen zwischengeschoben, deren Bedeutung erst später klar werden, kurze Texte, die sich als Formulierungen herausstellen, die August Kreutzer für seine Arbeit verfasst.

Albrecht Selges Roman Wach bietet dem Leser die Möglichkeit, ein Buch nicht nur zu lesen, sondern sich selbst mit den in der Story dargestellten Beobachtungen und Gedankengängen auseinanderzusetzen, um ein eigenes Bild der Gesellschaft zu entwickeln. Dadurch, dass der Protagonist durch seine Schlaflosigkeit an lokale und gedankliche Orte gelangt, bekommt der Roman eine ganz andere Art von Tiefe, die sich durch ihre eigentlich einfache Story zieht. Der Roman macht "wach". Wer ein Buch lesen möchte, welches  nicht nur klare Antworten liefert, sondern vielmehr dazu anregt, gemachte Beobachtungen und Gedankengänge weiterzudenken und für sich selbst zu beantworten, bekommt mit diesem Roman die Gelegenheit dazu.

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