Nur der finnische Tango kann beeindrucken.
Seit 15 Jahren treffen sich Rita und Phil in jedem Sommer für eine Woche in Finnland, um beim Tangofestival in Seinäjoki zu tanzen. Das ehemalige Liebespaar hat für diese Treffen vereinbart, weder über ihre gemeinsame Vergangenheit noch über ihr gegenwärtiges Leben und ihre Familien zu sprechen. Während des restlichen Jahres gibt es keinen Kontakt zwischen den beiden. Doch nach dem Tod seiner Ehefrau bricht Phil, trotz seiner gesundheitlichen Probleme, mit seiner Tochter Johanna und Enkelin Leni nach Finnland auf, um bisher Verschwiegenes zu erklären.
Konstruierte Handlung
Die Beziehung zwischen Phil und Rita begann vor fast 40 Jahren, als der damalige Referendar sich in seine Schülerin verliebte. Nach ihrer späteren Trennung trafen sie sich zufällig vor Jahren in Finnland wieder. Phil hofft nun mit seiner Reise seine große Liebe Rita für eine gemeinsames Leben in Deutschland zu gewinnen. Belastend, aber unumgänglich und drängend ist für ihn die fällige Konfrontation seiner Tochter Johanna mit ihrer wirklichen Mutter. Rita lebt seit Jahrzehnten in Lappland, arbeitet zeitweise als Tangolehrerin für Touristen und liebt ihr zurückgezogenes freies Leben am idyllischen Inarisee. Mit Phils Erscheinen muss sie sich mit der verdrängten Vergangenheit auseinandersetzen und sieht ihren bisherigen Lebensentwurf ins Wanken geraten.
Die arg konstruierte Handlung rutscht spätestens ab etwa Mitte des Buches mehr und mehr ins Triviale ab. Flache Dialoge, eine für mich übertriebene Harmonie angesichts der gravierenden Enthüllungen sowie das vorhersehbare Happy End vervollständigen das Bild.
Überraschend und interessant ist dagegen der Blick auf den finnischen Tango, den die in Lappland lebende Autorin ihren Leserinnen und Lesern gewährt.
Unglaubwürdige Charaktere
Zum Ausgleich seiner Schwächen bräuchte der Roman starke Charaktere. Die Autorin räumt Rita zwar zu Beginn des Romans größeren Raum ein. So schildert sie in mehr oder weniger groben Zügen den für Rita zeitlebens prägenden Unfalltod der kleinen Schwester, das daraus folgende Zerwürfnis mit ihren Eltern sowie ihre Unangepasstheit als Jugendliche. Diese Erfahrungen finden jedoch nur wenig Niederschlag im weiteren Handlungsablauf, viele Aspekte Rita betreffend werden nur ansatzweise gestreift. Die Figur bleibt dadurch künstlich und hält die Lesenden auf Distanz. Die beiden anderen Hauptcharaktere des Buches, Phil und Johanna, wirken leider recht eindimensional. Phil wird zunächst als unter dem Tod seiner Frau leidender Ehemann geschildert, unmittelbar darauf tritt er voller Euphorie die Fahrt zu seiner großen Liebe Rita an. Die Autorin lässt hier zu viele Fragen offen, um diese Figur glaubhaft zu entwickeln. Johanna, freiberufliche Journalistin und alleinerziehende Mutter, wird recht klischeehaft geschildert und fügt sich, um überzeugen zu können, für mich allzu glatt in die neue Situation.
Fazit
Leichte Lektüre, die mit dem finnischen Tango überrascht, ansonsten jedoch bestenfalls Vorfreude auf einen Finnlandurlaub weckt. Vielleicht eignet sich dafür dann aber doch besser ein Reiseführer.



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