Eroberung

  • Rowohlt
  • Erschienen: Juni 2022

- OT: Civilizations

- übersetzt von Kristian Wachinger

- TB, 384 Seiten

Eroberung
Eroberung
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Yannic Niehr
79

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2022

Was wäre, wenn …?

11. Jahrhundert: Auf der Suche nach Ruhm und Ehre und von unstillbarem Abenteuerdrang getrieben, verschlägt es die furchtlose Wikingerprinzessin Freydis Eriksdottir und ihre wackeren Mannen weit fort von Zuhause bis nach Mexiko und Panama, wohin sie ihre Sitten, Gebräuche und Götter mitbringen. Ihre Fahrt endet mit ihrem Tod, doch lassen sie ein nicht unwichtiges Mitbringsel zurück: eine trächtige Stute …

1492: Auf der Suche nach einem Seeweg Richtung Indien landet Christoph Kolumbus, ohne es zu wissen, in der „Neuen Welt“. Er hofft, dort viele Entdeckungen zu machen, die Europa bereichern können, und die Einheimischen, die fleißig seine Sprache aufschnappen, zum christlichen Glauben zu bekehren. Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass ihm seine Schiffe abtrünnig gemacht werden und er keine Möglichkeit hat, in seine Heimat zurückzukehren …

Frühes 16. Jahrhundert: Der Inkakönig Atahualpa befindet sich im Krieg mit seinem Bruder Huascar. Um diesem zu entkommen, sieht er letztlich nur einen Ausweg: Die Schiffe der damaligen Besucher zu nutzen und dorthin zu segeln, woher diese gekommen waren. So landen er, die kubanische Prinzessin Higuenamota, seine treusten Generäle und Vertrauten sowie sein äußerst überschaubares Gefolge in Lissabon. Die Ankunft der Fremdlinge schlägt in Europa große Wellen und wird von manchen als göttliche Offenbarung, von anderen als böses Omen betrachtet. Zum Selbstschutz nimmt Atahualpa König Karl V. als Geisel. Schon bald jedoch findet er subtilere und effizientere Methoden, seine Position zu verbessern. Er installiert zahlreiche, tiefgreifende Reformen und schafft eine wertvolle Handelsroute zu seinem alten Reich Tahuantinsuyo. So wird diese Welt, in der er nun gelandet ist, zum Fünften Reichsteil, und der „Sohn der Sonne“ schwingt sich höher und höher empor – womit er Europa auf den Kopf stellt …

„Uns, die wir aus großem Abstand zurückblicken, wenn die Weltgeschichte längst ihr Urteil gesprochen hat, erscheinen die Vorzeichen von unerbittlicher Klarheit. Doch die Gegenwart – egal wie brennend, brüllend, lebensprall sie sich darbietet – ist oft verworrener als die Vergangenheit, ja manchmal sogar als die Zukunft“

Der französische Schriftsteller Laurent Binet studierte zunächst in Paris, hielt sich aber – bedingt durch seinen Wehrdienst – auch zeitweise in Prag und in der Slowakei auf. Heute arbeitet er im Schul- und Universitätswesen. Bereits in der frühen 2000er Jahren veröffentlichte er darüber hinaus erste, häufig historisch und/oder surrealistisch geprägte Romane. Sein aktuellstes Werk Eroberung wurde bereits mit dem Grand Prix du Roman der Académie française ausgezeichnet. Darin kreiert Binet eine alternative Weltgeschichte, in welcher die Inka Europa erobern. Um eine dröge Pseudo-Geschichtsstunde handelt es sich dabei zum Glück jedoch nicht!

„Die Geschichte lehrt uns, dass wenige Ereignisse es der Mühe wert erachten, sich rechtzeitig anzukündigen, darunter manche, die sich jeglicher Vorhersage entziehen, und dass letztendlich die allermeisten sich damit begnügen, einfach einzutreten“

Binet unterteilt sein Werk in mehrere Passagen, die alle einen je eigenen Stil verfolgen, der authentisch vermittelt wird, und auch das Spiel mit Referenzen auf Werke wie z.B. Kolumbus‘ Tagebücher nicht scheuen. Nach eher kurzen Abschnitten mit den Wikingern sowie mit Kolumbus, welche den Weg ebnen, machen den größten Teil des Buches anschließend die „Atahualpa-Chroniken“ aus, in Binets fiktiver Wirklichkeit ein historisches Dokument, welches die Ankunft der Inka in Europa sowie den folgenden Aufstieg Atahualpas zur Macht und die Konsequenzen im komplexen, aber instabilen politischen und (vor allem) religiösen Gefüge des Kontinents nachzeichnet.

Man muss sich schon arg konzentrieren, um dieses zu durchblicken und alle strategisch wichtigen Akteure dieses Schachbretts auf dem Schirm zu behalten, doch macht es auch Spaß, immer mal wieder nachzuforschen, was zu einem gegebenen Zeitpunkt und/oder mit einer bestimmten Persönlichkeit denn tatsächlich geschehen ist – z.B. mit solchen, die bei der tatsächlichen Unterwerfung der Inka zugegen waren, aber in dieser Erzählung natürlich eine gänzlich andere Rolle einnehmen.

Binet spinnt seine Alternativhistorie voller Humor. So nennen die Inka die Einwohner Europas – ähnlich wie Kolumbus die amerikanischen Ureinwohner aufgrund seines eigenen Navigationsfehlers folgerichtig (bzw. folgefalsch) als „Indianer bezeichnete“ – „Orientalen“ und versuchen, deren Kultur zu verstehen und schließlich zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Dieser mit originellen Einfällen gespickte Perspektivwechsel liest sich äußerst amüsant und überrascht immer wieder. Allerdings geht dem Autor zum Ende hin ein wenig die Luft aus, und der Epilog – ein kurzer Lebensbericht über den spanischen Nationaldichter Miguel de Cervantes, der in dieser Welt natürlich ebenfalls anders abläuft als erwartet – fügt sich nur bedingt als Schlusspointe ein. Dass Binet seine Fantasie-Geschichtsschreibung nicht noch viel weitertreibt, ist schade.

Fazit

Eroberung ist ein spannendes und witziges literarisches Gedankenexperiment, welches aufzeigt, wie willkürlich der Lauf der Geschichte sein kann und welche Kleinigkeiten deren rückblickende Wahrnehmung beeinflussen können. Im letzten Drittel lässt das Buch zwar nach und wirkt wie eine verpasste Gelegenheit – das sollte einen aber nicht davon abhalten, sich von diesem einzigartigen Narrativ erobern zu lassen!

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