Every

- OT: The Every

- aus dem Englischen von Klaus Timmermann & Ulrike Wasel

- HC, 560 Seiten

Every
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Yannic Niehr
84

Belletristik-Couch Rezension von Yannic Niehr Nov 2021

BIG BROTHER sind wir

Der Circle ist alles, alles ist der Circle – deshalb nennt sich der Tech-Gigant, zwischenzeitlich mit dem bedeutsamsten aller Online-Warenhäuser fusioniert, nunmehr „Every“. Damit ist einer der umtriebigsten und mächtigsten Großkonzerne aller Zeiten entstanden; keine Social-Media-App, keine Kaufentscheidung, kein Bereich des öffentlichen Lebens, über den „Every“ nicht zumindest teilweise die Kontrolle besäße. Und das Unternehmen expandiert fleißig weiter – fest in der Hand von CEO Mae Holland, die das radikal transparente Leben propagiert …

Kalifornien in der nicht allzu fernen Zukunft: Delaney und ihr Freund Wes leben in einer Trog-Behausung – eine Kommune, die sich bewusst für ein Leben abseits der fortschreitenden Digitalisierung (und damit des uneingeschränkten Einflusses von Every) entschieden hat. Mit wachsender Sorge beobachtet Delaney die Machenschaften Everys. Nun hat sie, inspiriert von den kritischen Schriften ihrer ehemaligen College-Dozentin Agarwal, einen kühnen Plan gefasst: Sie will einen Job bei Every ergattern, sich dort einschleusen, um die Firma von innen heraus zu zerschlagen. Alles ist minutiös vorbereitet worden: Delaney hat sich eine gefakte Online-Persönlichkeit ihrer selbst angelegt, die Every durchleuchten kann, ohne Verdacht zu schöpfen, und sämtliche heiklen Absprachen werden komplett analog getroffen.

Und tatsächlich schafft sie es dank einer gemeinsam mit Wes entwickelten App-Idee zu einer Festanstellung. Fortan lernt sie auf dem Every-Campus (genannt „Everywhere“) im Rotationsprinzip die verschiedensten Abteilungen kennen. Ihr Ziel ist es, Every mit Ideen für neue Entwicklungen zu füttern, die einen derart krassen Eingriff in die Privatsphäre darstellen, dass die öffentliche Meinung sich gegen das Unternehmen wendet und dieses schließlich zusammenbricht. Doch Delaney hat den Wunsch der Menschen nach Sicherheit durch Zahlen, Ordnung durch Überwachung und Lifestyle-Fremdsteuerung durch Algorithmen unterschätzt: Jede ihrer Ideen ist abstruser, grotesker und erschreckender als die vorherige, und jede davon wird von der breiten Masse gefeiert, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Ist es vielleicht schon zu spät, die Welt noch aus den Klauen des Multimedia-Giganten zu befreien ..?

„Der Homo sapiens wird zum Homo numerus werden“

Dave Eggers, mehrfacher Preisträger sowie Mitbegründer des Schreibnetzwerkes für Jugendliche „826 National“als auch der Reihe „Voice of Witness“, in welcher Zeitzeugen von Menschenrechtsverletzungen zu Wort kommen, hat bereits zahlreiche Bücher und Erzählungen verfasst. Sein 2013 erschienener Roman Der Circle avancierte zum vieldiskutierten Weltbestseller. Nun setzt Eggers mit Every fort, was mit dem Circle begann.

„Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen“

Im Grunde bietet die Fortsetzung über weite Strecken mehr oder weniger dieselbe Kost wie der Vorgänger: Eine Person von außen stößt zum Unternehmen und lernt es kennen, wird zum Avatar (oder zumindest zu den Augen) der Leserschaft, während ihr (und uns) eine wilde Neuerung nach der nächsten präsentiert wird. ‚Doppelagentin‘ Delaney, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Everyzu vernichten, ist dabei eine erfrischende Abwechslung zu Mae, Protagonistin von Der Circle, die nur allzu leichtgläubig und enthusiastisch alles schluckte, was der Konzern ihr vorsetzte (und nach dem Finale des ersten Romans offensichtlich noch eine steile Karriere hingelegt hat). Dennoch kann man von einem richtigen Plot kaum sprechen, vielmehr stellt auch dieses Buch eine Aneinanderreihung von Ideen dar.

Die schriftstellerische Umsetzung dieser Ideen-Parade ist stellenweise durchaus so spannend gelungen wie ein Thriller. Der Autor versteht sich darauf, falsche Fährten, aber auch interessante Wendungen einzustreuen, die sich zum Teil erst auf den letzten Seiten ins Gesamtbild einfügen. Kommt das Ende zwar dann doch etwas vorhersehbar und – selbst für ein derart unsubtiles Buch wie dieses – dick aufgetragen daher, lesen sich die 578 Seiten (weiter hätte Eggers das Spiel nicht treiben dürfen) flott und flüssig. Die Argumente werden mit dem Holzhammer vorgebracht, das überhebliche Geschwurbel der ‚Everyones‘ in überzeugendes Tech-Jargon gehüllt, das sich z.B. in immer bizarreren App-Bezeichnungen (aus „Stop and Look“ wird „Stop+Lük“) niederschlägt.

„Eine Zeit lang beäugten die User ihre SmartSpeaker misstrauisch und fragten sich, ob der Deal sich wirklich lohnte. Einerseits wurden ihre Privatgespräche mitgeschnitten und von einem Milliarden Dollar schweren Privatunternehmen mit einer endlos langen Liste von Verstößen gegen den Schutz der Privatsphäre für eine unbekannte zukünftige Nutzung extern gespeichert. Andererseits konnten sie erfahren, wie das Wetter war, ohne aus dem Fenster schauen zu müssen“

Wie schon in Der Circle werden also auch in Every der Handlungsfluss und die Figurenentwicklung den Einfällen untergeordnet. Häufig werden Charaktere von (scheinbarem) Gewicht eingeführt, nur um genauso schnell wieder ‚entsorgt‘ zu werden. In den Händen eines weniger guten Autors würde dieses beinahe geschmacklose Vorgehen womöglich nicht ausreichen, um einen Roman zu tragen. Doch Eggers entwickelt daraus eine weitere, vor bitterböser Ironie und zynischem Humor triefende Dystopie, anhand derer die drängenden gesellschaftlichen Themenkomplexe der Gegenwart wie Terrorismusbekämpfung, Konsumverhalten, Fake News, Selbstoptimierung oder Cancel Culture abgearbeitet werden. Du möchtest, den Lehren einer japanischen Ikone folgend, deinen Vorrat an Dingen ausdünnen? Bei „Thoughts Not Things“werden dreidimensionale digitale Scans sämtlicher Gegenstände erstellt, sodass diese bei Bedarf von einem 3D-Drucker wieder ausgespuckt werden können - die Originale wandern in die Verbrennungsanlage (was für eine psychische Entlastung!). Du stößt dich an problematischen Passagen eines bereits etwas in die Jahre gekommenen fiktiven Werkes? „FictFix“wandelt die Qualität von Gemälden, Filmen und Literatur in leicht auszuwertende Zahlen und Daten um und bereinigt diese nebenbei auch noch von unerwünschtem Content, der in irgendeiner Form Unbehagen verursachen könnte. Du sorgst dich um deinen CO²-Fußabdruck? „StayStïl“ rechnet dir gerne aus, wie und auf welche Weise du dich von zuhause fortbewegen solltest (am besten gar nicht). Das chinesische Social-Credits-System (vor wenigen Jahren noch selbst bloße Zukunftsvision in einer Black Mirror-Episode) ist ein Witz gegen die Welt, die hier heraufbeschworen wird. Eggers lotet die globalen Vorzüge der Every-Maschinerie aus, nur um sich im nächsten Moment genüsslich in den immer verstörenderen Schattenseiten zu ergehen. Der Weg zur totalen Entmündigung, zur totalen Konformität, zur totalen Entmenschlichung wird unter dem Deckmantel des Wohlwollens geebnet – und freiwillig von der gesamten Menschheit mitgetragen.  

Fazit

Every ergänzt Der Circle um einige zeitgenössische Ideen. Dabei erfindet Eggers das Rad allerdings nicht neu: Die Fortsetzung ist ähnlich polemisch geraten wie das Original (das Coverdesign fällt hingegen im Vergleich etwas ab). Wer zu diesem Buch greift, sollte also wissen, worauf er sich einlässt. Die satirischen Spitzen (die sich auf recht einfach zu identifizierende Ziele unserer Wirklichkeit richten) machen es jedoch nicht nur zu einer unterhaltsamen Lektüre, sondern regen auch zum Nachdenken darüber an, wieviel von unserem Leben wir wirklich in die Hände der Social-Media-Monopole abgeben wollen. 

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