Dreieinhalb Stunden

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 352 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Carola Krauße-Reim
Freiheit oder Heimat?

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Robert Krause ist bisher vor allem durch seine hervorragenden Adaptionen aufgefallen. So hat er mit Florian Puchert die Drehbücher zu den Serien Dignity und Unsere wunderbaren Jahre erarbeitet. Jetzt legt er mit 3 ½ Stunden sein Romandebüt vor, wobei die Geschichte von den Erfahrungen seiner eigenen Familie inspiriert wurde. Für die Verfilmung hat Krause zusammen mit Beate Fraunholz das Drehbuch verfasst, das auf dem Filmfest München mit dem Bernd-Burgemeister-Preis ausgezeichnet wurde.

3 ½ Stunden Zeit für eine entscheidende Entscheidung

Der Interzonenzug D-151 München-Ostberlin braucht 3 ½ Stunden bis zum Grenzübergang Ludwigsstadt. Am 13.August 1961 erreicht die Reisenden die unglaubliche Nachricht, dass die DDR in Berlin eine Mauer errichtet und die Grenzen endgültig dichtgemacht werden. Es bleibt nur wenig Zeit für die wohl wichtigste Entscheidung im Leben: Alles zurücklassen für einen ungewissen Neubeginn oder Rückkehr in die Heimat, die dann eingemauert sein wird ...

Viel Schicksale in einem Zug

Robert Krause lässt sehr unterschiedliche Menschen in diesem Zug fahren: eine Sportlerin und ihre Trainerin; ein Dresdner Ehepaar; eine ostdeutsche Band; Familien mit Kindern; und einen Kommissar aus München. Diese Diversität ist plausibel und gut gewählt, jedoch überfrachtet der Autor die Figuren. Jeder Charakter ist im einzelnen sehr gut gezeichnet und durchaus glaubwürdig, doch die Vielzahl der verborgenen Geheimnisse oder angeschnittenen Themen ist zu viel Drama für die Passagiere eines einzigen Zuges. Man hat den Eindruck, dass Krause unbedingt die ganze Bandbreite von Problemen einbringen wollte. Die reichen von dem unterschiedlichen Umgang mit Homosexualität oder berufstätigen Frauen in Ost- und Westdeutschland über staatsmüde DDR-Bürger bis hin zum Thema Spitzensport und die Machenschaften der Stasi. Und natürlich wird auch der 1961 noch sehr präsente Krieg mit all seinem Grauen und seinen Auswirkungen thematisiert. Im Laufe der wenigen Stunden bis zum Grenzübertritt in die DDR wird ein Geheimnis nach dem anderen offenbart, die Hüllen fallen, das Essentielle kommt zum Vorschein. Jedoch hätte der Autor besser daran getan, sich auf einzelne Themen zu beschränken und nicht wirklich jeder Figur ein verborgenes Problem anzudichten. Wäre es nicht schon dramatisch genug gewesen, sich zwischen Heimat und Freiheit entscheiden zu müssen?

Spannung und Drama bis zum Schluss

In manchmal sehr kurzen Kapiteln springt Krause zwischen seinen Figuren hin und her. So hält er die Spannung bis zum Schluss sehr hoch, denn die Entscheidung fällt natürlich wirklich für Jeden erst ganz am Ende, wenn der Zug die Grenze erreicht. Man kann als Leser sehr gut die große Anspannung, die Fassungslosigkeit über die Schließung der Grenzen und die natürlich herrschende Angst spüren und zum Teil auch mit durchleiden, vor allem, wenn man aus der Generation stammt, die die Teilung Deutschlands miterlebt hat oder sie sogar in der eigenen Familiengeschichte eine Rolle spielte. Mit diesem möglichen Hintergrund tut sich aber auch die Frage auf, warum in dem Interzonenzug ganze Familien sitzen, wenn es doch übliche Praxis war, einen Familienangehörigen als Pfand in der DDR zurückzubehalten. Und warum dürfte ein Ehepaar ausreisen, deren Sohn geflüchtet und die Gesinnung in der Familie scheinbar nicht staatskonform war? Doch selbst diese Unstimmigkeiten schmälern das Lesevergnügen nur minimal, denn die Frage, wie es für die Beteiligten ausgeht, wie sie sich entscheiden ist packend bis zum Schluss und das Ergebnis manchmal tragisch, manchmal unvorhergesehen und manchmal extrem traurig. Die abgebildete Fahrstrecke des Zuges im Cover macht das Ganze noch realistischer, und ein ebenfalls im Cover angebrachtes Zitat aus der berühmten Pressekonferenz mit Walter Ulbricht am 15.Juni 1961 lässt den Umgang mit den Menschen noch perfider erscheinen: „...niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Fazit

Packend und spannend bis zum Schluss! Robert Krause lässt den Leser die Situation zusammen mit den Passagieren des Zuges durchleiden und stellt auch ihm die Frage: Wie würdest du dich entscheiden? Nur die etwas überfrachteten Figuren nehmen der Geschichte etwas an Glaubwürdigkeit, doch die wird durch die dennoch gute Charakterzeichnung wieder wettgemacht.

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