Was vom Tage übrigblieb

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 1990
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  • London: Econo-Clad, 1988, Titel: 'Remains of the day', Seiten: 245, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990, Seiten: 285, Übersetzt: Hermann Stiehl
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992, Seiten: 285, Übersetzt: Hermann Stiehl
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, Seiten: 295, Übersetzt: Hermann Stiehl, Bemerkung: Sonderausgabe
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, Seiten: 285, Übersetzt: Hermann Stiehl, Bemerkung: Sonderausgabe
  • München: btb, 2005, Seiten: 287, Übersetzt: Hermann Stiehl
  • München: Heyne, 2016, Seiten: 288, Übersetzt: Hermann Stiehl
Was vom Tage übrigblieb
Was vom Tage übrigblieb
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Sebastian Riemann
841001

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2011

Der Arbeit und Würde ergeben

Sich einer Idee verschreiben oder einer wichtigen Persönlichkeit folgen, die viel Einfluss auf das Zeitgeschehen hat und späterhin in Geschichtsbüchern erwähnt werden wird, das hat für den Einzelnen, der meistens doch nicht wichtig und bedeutend ist, einen großen Reiz. Es locken Außergewöhnlichkeit und Herausragendes. Ereignisse, die den Alltag und das öde Dasein übertreffen, in den Schatten stellen. Die Weltbühne lockt und verspricht Bedeutsames. Man vergisst die Kleinigkeiten des täglichen Lebens, die viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen, und widmet sich einer Sache, die die Bedeutung des Einzelnen übersteigt und ihn dadurch gleichzeitig erhöht. Wenn man an etwas Großem teilhat, wird man dabei selbst größer und bedeutender. So zumindest fühlt es sich an. Als helfe man der Geschichte, die noch geschrieben wird. Als wäre man ein kleines Zahnrad, das in der unendlichen Maschinerie des Weltgeschehens einen Beitrag leistet, der sich auf viele auswirken wird. Es ist wirklich reizvoll, sich einer Sache oder einer großen Person zu verschreiben, das kleine Persönliche dem Großen unterzuordnen. Stets in der Hoffnung, dass die Geschichte und mit ihr die Menschheit später einen ähnlichen Blick auf die Geschehnisse haben werden wie man selbst.

Stevens widmet sein Leben ganz der Erfüllung seiner Aufgaben. Er will sie bestmöglich erledigen, zur vollsten Zufriedenheit seines Dienstherrn. Ein großer Butler in einem der großen Häuser Englands sein, das ist sein höchstes Ziel. Darauf richtet sich sein ganzes Streben, seine gesamte Energie. Privatem schenkt er kaum Beachtung. Man könnte meinen, er besäße überhaupt kein Privatleben und ist auch an nichts dergleichen interessiert. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Führung des Haushaltes von Darlington Hall und der vollständigen Zufriedenheit seines Arbeitgebers Lord Darlington, einem der wichtigsten Männer Englands vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Stevens‘ Arbeit ist wichtig, weil Lord Darlington wichtig ist. Im Haus treffen sich Politiker von internationaler Bedeutung und besprechen das Schicksal Europas und der Welt. Stevens als Lenker und Denker der häuslichen Abläufe hat daran Anteil. Indem alles reibungslos funktioniert, die Gäste sich wohl fühlen und sich ganz ihren Angelegenheiten widmen können, leistet der Butler einen kleinen Beitrag zur Weltpolitik. So versteht er sein Handeln. Deshalb muss der Arbeit auch alles Private und Sentimentale untergeordnet werden. Schließlich werden Entscheidungen von globaler Bedeutung in Darlington Hall gefällt. Da dürfen persönliche Befindlichkeiten nicht stören. Viele der Treffen in jenem ehrwürdigen englischen Haus sind geheim. Niemand soll wissen, wer sich dort trifft und über die Belange Europas spricht. Aus gutem Grund. Es befinden sich unter den Gästen nicht selten welche, die von vielen als Feinde Englands bezeichnet werden. Die Zusammenkünfte in Darlington Hall sind heikel. Aber nicht für Stevens, denn er vertraut voll und ganz dem Urteil seines Dienstherrn, einem großen Mann, viel wichtiger als Stevens selbst und geschaffen für die Weltbühne. Auch viele Jahre später, da die vermeintliche Feinde sich bereits in wahre Feinde verwandelt hatten, bleibt Stevens seinem Urteil treu, glaubt noch immer an die guten Absichten von Lord Darlington, auch wenn die Geschichte sich bereits gegen ihn gewendet hat und sein Name verrucht ist.

Was vom Tage übrig blieb erzählt die Geschichte eines Butlers im fortgeschrittenen Alter. Stevens unternimmt eine kleine Reise durch England und wird durch den ungewohnten Urlaub auf ungewohnte Gedanken gebracht. Er blickt zurück auf sein Leben. Die Arbeit in Darlington Hall, das war sein Leben. Im Dienste eines großen Lords. Pflichterfüllung und Würde sind die Faktoren, anhand derer er sein Leben beurteilt. Er ist mit sich selbst zufrieden, weil er alle Anforderungen, die an einen Butler in einem großen Haus gestellt werden, gut und zu allgemeiner Zufriedenheit erfüllt hat. Er ist ein Musterbeispiel seines Berufsstandes. Ein Vorbild für andere Butler. Zweifelhafte Entscheidungen seines Dienstherrn hat er stets mitgetragen und widerstandslos ausgeführt. Auch das rechnet er sich als Verdienst an. Denn ein Butler unterstützt seinen Dienstherrn und kritisiert ihn nicht. Auch nicht im Nachhinein. Auch wenn die Geschichte bereits entschieden hat, dass jener Dienstherrn große Fehler begangen hat.

Mit extrem viel Geschick und Können erzählt der Autor die Geschichte mit den Worten des Butlers. Dabei bedient er sich einer sehr gehobenen und mitunter umständlichen Ausdrucksweise, die auf unterhaltsame und authentische Weise die Gedanken jenes stilbewussten, altbackenen Engländers Stevens wiedergibt. Das feine Verhalten der englischen Aristokratie wird in Worte verwandelt und zieht den Leser in seinen Bann. Besonders in überraschenden Situationen, da die Ruhe und Beherrschtheit Stevens auf die Probe gestellt werden, beeindruckt die Sprache, denn in solchen Momenten muss sie Ordnung und Eleganz bewahren, während sie zugleich das Unvorhergesehene in sich aufnehmen soll. Zu einer ungewohnt kräftigen Aussprache mit seiner Kollegin Miss Kenton meint Stevens: „Jetzt, während ich darüber nachdenke, bin ich mir indes nicht mehr ganz sicher, ob Miss Kenton an jenem Tag wirklich derart dreist gesprochen hat. Es kam im Laufe der sich über Jahre erstreckenden engen Zusammenarbeit zwischen uns gewiss zu manchem freimütigen Meinungsaustausch, doch der Nachmittag, von dem ich spreche, fiel noch in die Anfangsphase unserer Bekanntschaft, und ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sich Miss Kenton schon damals so keck ausdrückte.“

Der Rahmen der Handlung ist gleich der Sprache klassisch gehalten. Die Personen halten sich in jenem großen, ehrwürdigen Haus Darlington Hall auf, verbringen ihre Zeit zwischen Empfangszimmern, Salons und Bibliotheken. Stevens im Hintergrund, sein Dienstherr und die wichtigen Politiker an großen Tafeln, mit Zigarren und Whiskey in den Händen. Anhänger von Jane Austen und Henry James werden sich wohlfühlen in jenen Räumen und Kazuo Ishiguro schnell in ihr Herz schließen. Der Autor ist sich durchaus der Tradition englischer Literatur bewusst und greift sie geschickt für seine Zwecke auf.

Obwohl er es sich nicht eingestehen will, sieht sich Stevens einem zweifelhaften Lebenswerk gegenüber. Der Leser spürt Ungewissheit zwischen den eleganten Worten und Unsicherheit hinter der Fassade des stets gefassten Butlers. Ishiguro gab Stevens große Selbstsicherheit, aber auch eine innere Ignoranz, die keine Zweifel und keine Emotionen zulässt. Daraus zieht der Roman viel Spannung und Energie. Beständig wartet der Leser auf Zeichen der Veränderung und Erkenntnis bei Stevens, will die sture Arbeitseinstellung erschüttert sehen, damit der Mensch hinter dem Butler zutage treten kann. Doch Stevens wehrt sich und kämpft um seine hochgeschätzte, übertriebene Haltung.

Was vom Tage übrigblieb

Kazuo Ishiguro, Rowohlt

Was vom Tage übrigblieb

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