Virginia

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Mislaid

- aus dem Englischen von Michael Kellner

- TB, 320 Seiten

Couch-Wertung:

73
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Monika Wenger
Konventionen und Überleben

Buch-Rezension von Monika Wenger Dez 2020

Amerika in den 60er Jahren: Peggy ist siebzehn Jahre jung, möchte gerne Theaterautorin werden, fühlt sich zu Mädchen hingezogen und hat sich deshalb für das Stillwater College, eine reine Frauenuniversität, entschieden. Sie gibt sich jungenhaft, lässt sich aber auf eine Affäre mit ihrem schwulen Literaturprofessor, Lee Fleming, ein. Eine Schwangerschaft beendet ihre Karriere als Studentin.

«Als Mann ging er nicht davon aus, dass unangenehme Pflichten auf ihn zukämen.»

Man mag über Lee Fleming denken, was man will, doch so anständig ist er und heiratet Peggy. Diese Einstellung zeigt mit großer Deutlichkeit seine Überheblichkeit und lässt Peggy während zehn Ehejahren schier verzweifeln. Mittlerweile ist sie Mutter zweier Kinder - ein Sohn und eine Tochter. Sie verkümmert körperlich und auch sonst erfüllt das Leben an Lees Seite keinen ihrer Wünsche, von Träumen ganz zu schweigen. Sie dümpelt, wie der Stillwater Lake vor dem Haus, vor sich hin.

«Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam.»

Als sie ihren Ehemann beim Liebesspiel mit einem Jungen im eigenen Haus erwischt, läuft das Fass über: Sie packt ihre vierjährige Tochter, lässt den Sohn ungern, aber der Not gehorchend, beim Vater, legt sich eine schwarze Identität zu und taucht unter.

Der Roman zeigt eindringlich die Widersprüchlichkeiten und die Doppelmoral in der amerikanischen Gesellschaft der 60er Jahre: Wie ist es möglich, dass eine weiße Frau verschwinden und sich eine schwarze Identität zulegen kann?

Für Peggy, welche sich nun Meg nennt, ist es die einzigartige Gelegenheit, unterzutauchen, ohne dass sie ihr Ehemann finden kann. Dieser nimmt zwar die Suche auf, lässt es aber bald wieder sein. Er lebt mit seinem Sohn weiterhin im Haus am See - aus dem Vollen schöpfend, immer knapp bei Kasse und auf sich bezogen. Erstaunlicherweise ist der Sohn, trotz der schwierigen Lebensumstände, wohlgeraten.

Mit angemessener, aber auch dringend benötigter Distanz, ermöglicht die Autorin dem Leser die Betrachtung der Figuren und spielt mit vielen Klischees und Metaphern. Sie zeichnet Bilder von einem armseligen Leben der Schwarzen und ihrer offensichtlichen Diskriminierung. Aber auch die weiße Oberschicht und deren doppelbödige Moral kriegt ihren Teil ab.

Nur mit gut platziertem Humor und einer gewissen Ironie erträgt der Betrachter das Verhalten der sogenannten besseren Gesellschaft und deren Ignoranz. Deutlicher als Lees Vater dies in Bezug auf dessen Sexualität tut, kann man nicht Stellung beziehen:

«Sein Vater legte ihm nahe, an einen entlegenen Ort zu ziehen. Auf vor Zutritt geschütztem Eigentum kann man schwul wie ein Rudel Friseure sein. Lees Vater war Pessimist.»

Bis zum Schluss hält Nell Zink die Spannung, ob und wie die Deckung von Meg und ihrer Tochter auffliegen könnte. Geschickt, mit unerwarteten Wendungen, verbindet sie verschiedenen Stränge zum etwas zurechtgebogenen Ende.

Fazit

Die Lektüre ist voller Ironie, Doppeldeutigkeiten und zeigt die gesellschaftlichen Widersprüche Amerikas gnadenlos auf. Der Roman erzählt von außergewöhnlichen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Freundschaften, gesellschaftlichen Zwängen und Überlebenskämpfen - alles mit einem Augenzwinkern. Manchmal plätschert die Story träge dahin, um dann wieder Fahrt aufzunehmen. Kein einfacher Roman, dennoch unterhaltsam, mit satirischen Einlagen und einem gelungenen Schluss.

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