Stan

Erschienen: Dezember 2019

Bibliographische Angaben

- OT: He

- aus dem Englischen von Gottfried Röckelein

- TB, 528 Seiten

Couch-Wertung:

85

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Michael Drewniok
Der Mann, der niemals „Doof“ war

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2020

Zu ihren Lebzeiten gehörten sie zu den berühmtesten Komikern der Filmwelt, und in den Jahrzehnten nach ihrem Tod ist ihr Ruhm eher noch gewachsen: Stan Laurel und Oliver Hardy, hierzulande lange dümmlich als „Dick & Doof“ verramscht, haben eine ganz besondere Art des Witzes entwickelt und zur Vollendung gebracht. Es ist selten, dass man uralte Schwarzweiß-Filme genießen kann, ohne eine Art Schranke überwinden zu müssen, weil die dargestellte Welt längst verschwunden ist. Doch wenige Minuten Laurel & Hardy reichen aus, um die Zeitlosigkeit ihres Humors unter Beweis zu stellen.

Dabei war es in erster Linie Stan Laurel (1890-1965), der das Duo formte, während Oliver „Baby“ Hardy (1892-1957) den Vorgaben seines Partners willig und unter Einsatz seines beachtlichen Talents folgte. Während er vor der Kamera stand, aber nach der Schlussklappe rasch auf den nächsten Golfplatz eilte, begann für Laurel die eigentliche Arbeit. Nachdem er bereits das ohnehin nur als grobe Vorlage dienende Drehbuch mit Gags gespickt hatte, kümmerte er sich nun um den Schnitt: Laurel wusste, dass Humor einen Rhythmus besitzt, der beachtet werden sollte, wenn man ihn zur vollen Geltung bringen möchte.

Obwohl er sich stets ausgenutzt und unterbezahlt fühlte, genoss Laurel die weitgehende Handlungsfreiheit, die ihm sein langjähriger Arbeitgeber Hal Roach (1892-1992) in seinem Studio bot. Hier entstanden jene Laurel-&-Hardy-Filme, die den Ruhm des Duos begründeten und zementierten. Als sie in den 1930er Jahren zu MGM wechselten, gab es für Laurel keinen Freiraum mehr; er und Hardy wurden in einer Reihe minderwertiger Filme verheizt. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten sie ihre Karrieren noch einmal auf diversen Theaterbühnen in Schwung. 1957 starb Hardy. Laurel trat nie wieder vor die Kamera; mit Hardy war auch er zumindest als Künstler gestorben, obwohl er noch acht Jahre lebte und keineswegs menschenscheu war.

Doppel-Leben mit verzögerter Unsterblichkeit

Sowohl über Stan Laurel als auch über Oliver Hardy wurde (film-)historisch ausgiebig geforscht. John Connolly - der als Autor der Mystery-Thriller-Serie um den Privatdetektiv Charlie „Bird“ Parker bekannt wurde und auch sonst eher das Phantastik-Genre bedient - stellte dies vor ein Dilemma. Als lebenslanger Laurel-&-Hardy-Verehrer hatte er sich über Jahre mit Leben und Werk seiner Idole beschäftigt, musste aber feststellen, dass ihm noch tiefer schürfende Biografen zuvorgekommen waren. Deshalb beschloss er seine Sicht auf Laurel und Hardy als Roman darzustellen, was ihm zudem die Freiheit gewährte, dort fiktiv zu werden, wo die Quellen dürftig blieben.

Dies betraf vor allem Laurels turbulentes Privatleben: Der auf der Leinwand so ‚unschuldig‘ wirkende Stan war Zeit seines Lebens in oft gleichzeitige Liebschaften mit mehreren Frauen verstrickt, die in der Regel katastrophal endeten. Auch Hardy war kein Unschuldsengel, wurde aber von seinem Partner und Freund diesbezüglich tief in den Schatten gestellt. Für Connolly bot die Romanform eine Möglichkeit, Laurels Eskapaden in den Dienst seiner Sicht dieses Mannes zu stellen. Laurel wird für ihn zum unglücklich-untauglichen Lebensgefährten, der einfach nicht allein sein kann, während seine wahre Liebe platonisch bleibt - die zu „Babe“ Hardy, der ihm bietet, was Laurels eigentliches Lebensglück darstellt: die Erschaffung einer Komik, die keine Einzelperson, sondern ein Paar ins Zentrum stellt. Seine Arbeit bedeutete Laurel alles; er schrieb neue Laurel-&-Hardy-Gags, nachdem Hardy längst tot war.

Connolly beschreibt Laurel als Mann, der zwar begabt war, aber nicht über die notwendige Rücksichtslosigkeit verfügte, die ihm künstlerische oder finanzielle Unabhängigkeit beschert hätte. Als Leitstern und düsteren Schatten gleichzeitig schildert Connolly Laurels Zeitgenossen Charles Chaplin (1889-1977); die beiden waren nicht nur Landsleute, sondern hatten in den 1910er Jahren sogar miteinander gearbeitet. Während Chaplin entschlossen seinen Weg und dabei notfalls über Leichen ging, blieb Laurel stets der abhängige, unterbezahlte Handwerker, der nicht mehr erlebte, wie sein Stern ebenso hell wie der Chaplins zu leuchten begann. Heute wird Stan Laurel von Filmhistorikern ebenso hoch wie Chaplin, Buster Keaton oder Harold Lloyd geschätzt.

Realität als Spielplatz

Stan ist ein Roman, der auf einem faktendicht recherchierten Fundament ruht. Dies ist nicht unbedingt erforderlich, aber primär dem Ehrgeiz des Verfassers geschuldet, wie Connolly in einem Nachwort zugibt. Stan Laurel wurde Zeitzeuge eines kulturellen Umbruchs, der ihn von seinen Anfängen in den englischen „music halls“ über den ‚kurzen‘ Stummfilm zum klassischen Hollywood-Langfilm führte. Er begriff die Veränderung als Chance und überlebte den Untergang des Varieté-Theaters, wurde ein erfolgreicher Gag-Produzent und meisterte die Herausforderung des dialoggestützten Humors. Wäre Hardy nicht gestorben, hätte das Duo wohl im gerade aufsteigenden Fernsehen seine Wiedergeburt erlebt.

Connolly geht seine Roman-Biografie recht wehmütig an. Der alte Stan Laurel erinnert sich an sein Leben, durch das sich - so Connollys Interpretation, die sich u. a. aus Laurels zahlreichen Briefen speist - ein roter Faden aus Versagen und Enttäuschung zieht: Als Künstler fühlt sich Laurel nie wirklich ‚gut‘ oder ernstgenommen, als Vater und vor allem als Ehemann scheint er sich bestrafen zu wollen, indem er sich willig in immer neue Beziehungshöllen stürzt, die Connolly wortgewaltig beschreibt. Der Stil ist gewollt karg; die Sätze bleiben kurz, auffällig ist die ständige Wiederholung von Namen. Über den ‚literarischen Wert‘ lässt sich wie so oft streiten, doch die Geschichte wird so spannend dargeboten, dass man sich rasch eingelesen hat.

Dabei hilft die Verknüpfung mit der Frühgeschichte des Films, die zwar stumm, aber keineswegs lautlos ablief. Connolly erinnert an die Skandale um Roscoe „Fatty“ Arbuckle oder Thelma Todd, an die in sämtlichen Studios selbstverständlichen „casting couches“, an Alkohol- oder Drogensucht, die den ewigen Arbeits- und Erfolgsdruck dämpfen sollte. Funktionieren oder fliegen - zwischen den Schneiden dieser Schere sah sich auch Laurel gefangen. Die Folgen blieben lange unterdrückt; die Wahrheit hatte keine echte Daseinsberechtigung in Hollywood, wenn sie dem Geschäft in die Quere zu kommen drohte.

Stan ist John Connollys Blick auf diese bunte, böse, faszinierende Welt, und Connolly ist es, der selbst den Erfolgen und glücklichen Lebensphasen von Laurel und Hardy einen düsteren Unterton verleiht, der manchmal ein wenig zu dick aufgetragen wirkt. Man muss sich selbst daran erinnern, dass zwar sämtliche Figuren tatsächlich gelebt haben, wir aber trotzdem einen Roman lesen, dem alle Freiheiten gestattet sind!

Fazit

Sorgfältig recherchierte, intensive Roman-Biografie, die Realität und Fiktion einfallsreich mischt, wobei die Fakten unglaublich = erstaunlich genug sind. Gewöhnungsbedürftig ist der Stil, den man aufgrund der spannenden Lektüre eher verdrängt als zu schätzen lernt.

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