Das Dritte Reich

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Vintage Español, 2010, Titel: 'El tercer Reich', Seiten: 360, Originalsprache
  • München: Hanser, 2011, Übersetzt: Christian Hansen

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Britta Höhne
Das Dritte Reich in Plastiktüte überreicht

Buch-Rezension von Britta Höhne Aug 2011

An Roberto Bolaños Roman Das Dritte Reich ist alles verstörend: Protagonisten, Sprache, Thematik und auch, dass das Werk erst 14 Jahre nach dem Tod des chilenischen Autors erschienen ist. Dabei, schreibt der Übersetzer Christian Hansen in seinem Nachwort, hat Bolano sein druckfertiges Buch 1989 in einer Schublade verstaut, ohne je erklärt zu haben, das Buch überhaupt der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen.

So sonderbar das Erscheinen des Dritten Reiches ist (nicht das erste posthum veröffentlichte Werk aus Bolaños Werkstatt - und nicht das letzte), so sonderbar muten auch die Personen an, die diese verschachtelte Geschichte mit Leben füllen. An erster Stelle ist Udo Berger zu nennen. Mitte 20, arbeitet im Elektrizitätswerk in Stuttgart, fanatischer "Wargame"-Spieler, Deutscher Meister gar. Gemeinsam mit Spiel und Freundin Ingeborg verbringt er seine Ferien an der spanischen Costa Brava. Während Ingeborg die Tage am Strand verbringt und enge Bande mit dem deutschen Paar Hanna und Charly knüpft, sitzt Berger vor seinem Brett und spielt Krieg. Den Zweiten Weltkrieg. Berger ist Deutschland, nicht Nazi, wie er sagt, und versucht mit aller Macht, die Kapitulation seines Heimatlandes vom Mai 1945 abzuwenden.

Während Berger sich zunehmend zurückzieht, geschehen seltsame Dinge: Charly verunglückt tödlich. Hanna und Ingeborg reisen ab. Udo Berger verliebt sich in die Hotelbetreiberin Frau Else und steigt schließlich mit dem Zimmermädchen ins Bett – und er führt Krieg. Diesmal hat der Gegner ein Gesicht: Ein entsetzlich durch Brandnarben entstelltes. Der "Verbrannte", wohl Lateinamerikaner, eigentlich Betreiber einer kleinen Tretbootflotte ohne festem Dach über den Kopf, mausert sich zum Kriegstreiber und treibt Udo Berger trotz seines enormen Wissens um Strategie und Historie in die Enge. Der "Verbrannte" siegt und erhält als Preis das Dritte Reich - eben in Form eines Würfelspiels – zum Abschied in einer Plastiktüte überreicht.

Roberto Bolaños Roman löst ganz unterschiedliche Gefühle aus. Ganz viele dazu. Was schon beim Titel des Buches beginnt. Das Dritte Reich ist keine Erfindung des Autors, sondern basiert auf dem erstmals 1974 vom Verlag "Avalon Hill" veröffentlichtem Rise and Decline of the Third Reich. Dabei teilen sich zwei oder mehrere Spieler die Länder der Achsenmächte und Alliierten auf. Gespielt wird auf einer Landkarte, deren hexagonale Gitterstruktur (wie auf dem Buchcover), Bolano dazu veranlassten, seine Leser ganz genau wissen zu lassen, wer sich gerade wo befindet. Auch die einst sehr realen Generäle und Kriegstreiber finden in aller Ausführlichkeit Eingang ins virtuelle Geschehen.

Bolaño scheint Udo zu sein. Oder umgekehrt. Zumindest ist bekannt, dass der Autor selbst Spieler und großer Kenner der Kriegsspiele war. Ein Grund vielleicht, warum das umfassende Buch in Ich-Form geschrieben ist. Als Tagebuch.

Das macht das Lesen durchaus interessant, lässt die Geschichte aber allzu oft abschweifen, wenn Udos Gedanken-Wirrwarr selbst auf Reisen geht. Dann, wenn er präzise Beobachtungen anstellt, über sein Umfeld, das Aussehen der Menschen und deren Verhalten. Dann liest sich Das Dritte Reich geradewegs wie eine Satire auf mit Touristen überflutete Urlaubsorte. Doch es bleibt nie lange satirisch. Nie lange schön. Bolaños Vorsatz schien zu lauten: Im Grundsatz böse. Und das bleibt er auch. Durchgehend. 

Als sich der junge Udo Berger zunehmend in sein Spiel mit dem "Verbrannten" vertieft, wird sein körperlicher und später auch geistiger Verfall nahezu greifbar. Spielsucht wird Thema. Die Außenwelt ausgeblendet. Was Ingeborg oder Freund Conrad in Deutschland machen, wird zur Randnotiz in seinem Kopf. Berger spielt nicht mehr Krieg, er befindet sich mittendrin.

Das Dritte Reich steckt voller kleiner, feiner Anspielungen. Nicht nur im Bezug auf das Spiel, sondern das Leben mit all seinen Irrungen und Wirrungen betreffend. Bolaños sprunghafter Stil mit seinen nahezu unverständlichen Schachtelsätzen, gestützt von gestelzter Schreibe, unterstreichen den Irrsinn der Idee, den Zweiten Weltkrieg nachstellen zu wollen. Zumal es laut Spielregel möglich ist, auch über 1945 hinaus zu gehen – oder gar den Ausgang des Krieges in völlig andere Richtungen zu lenken.

Unterm Strich ist Roberto Bolaños Roman lesenswert. Nicht nur für all jene, die vom Spielen - welcher Art auch immer – angetan, gar besessen sind. Bolano, der 2003 in Barcelona verstarb, war ein präziser Beobachter. Mit Argusaugen beschreibt er sein Umfeld, lässt Situationen entstehen, die dem Leser selbst nicht fremd sind. Zeigt schöne Dinge auf, Landschaft etwa, oder hässliche. Dann, wenn er die vernarbte Fratze des "Verbrannten" betrachtet. Oft, etwas zu oft allerdings, mischt er Geschichten unter die Geschichte(n). Und das lässt zuweilen ermüden, zumal die Grundidee des Romans großartig ist. 

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