Das smaragdene Licht in der Luft

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • -: Granta Books, 2014, Titel: 'The Emerald Light in the Air', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2015, Seiten: 224, Übersetzt: Nikolaus Stingl

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Sebastian Riemann
Dramatik und Mitmenschlichkeit

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Feb 2016

Mit großer Zielstrebigkeit und präziser Wortwahl schreibt Donald Antrim über menschliche Nähe. Seine Erzählungen sind voller Liebe und Leid, Angst und Fürsorge, und besitzen keinerlei Kostüm, um zu verkleiden oder zu verschleiern. Direkt und unumwunden bringt der Autor seine Figuren dem Leser dar, breiten ihre Leidenschaften aus und lässt in ihre Herzen blicken. Ein mitunter erschreckendes Erlebnis, aber auch immer mit viel Hoffnung und Zuversicht verbunden. Selten sind solch emotionale Darstellungen, weil es schwer ist nicht dem Kitsch oder in kalte Beschreibungen zu verfallen, die dem Thema nicht gerecht werden können. Donald Antrim jedoch vollbringt den Spagat und erzielt damit viel Wirkung beim Leser, der sich hin und her geworfen fühlt bei dieser packenden Lektüre.

In sieben Erzählungen – Storys – erzählt Antrim von sehr unterschiedlichen Menschen. Sie haben wenige Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick. Schaut man jedoch genauer hin, kann man erkennen, dass sie auf der Suche nach Halt sind, dass sie stets eine hintergründige Gefahr spüren, eine Möglichkeit aus der gegebenen Welt zu fallen und allein und schutzlos zu sein. Um dieses Unheil abzuwenden, klammern sie sich an Menschen, die ihnen wichtig sind oder im richtigen Moment zur Verfügung stehen und Objekt ihrer Emotionen werden können. Sie bemühen sich um nichts Geringeres als ihr eigenes Wohlsein, ihr Leben. Und sie kümmern sich um andere Personen. Es ist das Miteinander, welches Antrim in vielschichtiger Weise thematisiert und eindrucksvoll darzustellen weiß. Dabei lässt er den Leser am Leid teilhaben, ohne die Hoffnung auf ein Happy End zu kassieren. Konsequenterweise gibt es kein Happy End, sondern nur die Aussicht auf einen glücklichen Ausgang der Geschichten, was um so lobenswerter ist, da es den gewünschten Effekt hat, den Leser auch nach dem Lesen der Geschichte noch zu binden und zu bewegen.

Die erste Story handelt von einem Professor, der für die Aufführung des Mittsommernachtstraums an seiner Lehranstalt verantwortlich ist. Mit seinen lethargischen Schülern steht er Tag für Tag auf der Bühne und übt das Stück, begeistert sich für seine jungen Darsteller, die ihm wichtig und schön sind. Die Mädchen schaut er sich gern an, hält sie gern umschlungen und fühlt sich in ihrer Mitte außerordentlich wohl. Er ist ein Lebemann, verweigert sich einer dauerhaften, festen Beziehung, wie der Leser in kleinen Einschüben erfährt, und genießt sein Junggesellendasein. Insofern passt er gut in das Stück und in die Umarmungen und Liebkosungen. Als Leser ist man geneigt, ihn misstrauisch zu betrachten, da er sich ohne Probleme in der Jugendlichkeit und Unbeschwertheit seiner Schüler verliert. Man ahnt eine gewisse Art der Verantwortungslosigkeit. Doch dieses Gefühl verschwindet schnell, da man seine Fürsorge für einen Jungen bemerkt, der sich nicht so einfach den Liebesszenen ergeben kann und außen vor bleibt. Der Junge ist bemitleidenswert und scheint im ersten Moment schon aus der Geschichte auszuscheiden, da er ein Verlierer ist und nicht in den lustvollen Theaterkontext passt. Aber der Professor nimmt sich dann doch seiner an und wird mit einem Mal zur freundschaftlichen Vaterfigur. Die Proben laufen unbeirrt fort, ebenso der Aufbau der spektakulären Bühne. Am Ende droht alles unterzugehen und der Leser weiß nicht genau, was geschehen wird. Der Professor bleibt eine zweideutige Figur, ungewöhnlich bis dubios und sympathisch. Die Aufführung des Shakespeare Stücks endet abrupt und lässt vielerlei offen. Dem Leser wird kein Ende suggeriert, keine abschließende Interpretation der Figuren an die Hand gegeben und so muss sich jeder selbst entscheiden, wie er zu diesen Personen steht, die so widersprüchlich erscheinen, vom Autor aber so lebendig und überzeugend dargestellt werden, dass sie mehr als glaubwürdig werden und auch über das Lesen der Geschichte hinaus Bestand haben.

In der letzten Geschichte – sie gibt dem Band seinen Namen – begleitet der Leser einen Mann in seinem Wagen auf dem Weg zur Müllhalde. Dort will er Bilder seiner ehemaligen Lebenspartnerin entsorgen. Er will sein Leben ein wenig in Ordnung bringen, vorwärts schauen und die problematische Zeit der Trennung vergessen. Ein Unwetter überrascht ihn jedoch auf dem Weg und alles kommt anders als erwartet. Sein alter Mercedes rutscht einen Hang hinunter in ein Flussbett. Umgeben ist der Mann von Natur, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Also wirft er sich ein paar Tabletten ein und raucht einen Joint. Aus dem Nichts erscheint ein Junge, der ihn zu seinem Haus führt, da er glaubt, der Mann im Mercedes sei der Arzt für seine kranke Mutter. Ein verlorener vermeintlicher Landarzt. Am Ende versucht der Mann zu helfen, auch wenn er kein Arzt ist. Die Szene ist verstörend, mitunter surreal. Verloren wirken die Personen allesamt, auch wenn sie nicht viel gemein haben. Die Frage nach der Gestaltung des eigenen Lebens wird letztlich wieder verbunden mit den Mitmenschen und das gibt dem Ganzen seinen besonderen Glanz.

Antrim ist ein Meister der Mitmenschlichkeit und Dramatik. Seine Figuren leiden authentisch und schockieren den Leser mit ihrem Tablettenkonsum und ihrer Härte im Umgang miteinander. Die sieben Geschichten vermögen Emotionen zu zeigen und hervorzurufen. Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern dem Leser überlassen, damit dieser die Vielfältigkeit der Mitmenschlichkeit erkennt und sie in sich aufnimmt. Packende Lektüre ist der neue Antrim Band, an dem kein Wort zu viel ist und den man auch immer wieder aus der Hand legen muss, um durchzuatmen.

Das smaragdene Licht in der Luft

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