Bleeding Edge

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Penguin, 2013, Titel: 'Bleeding Edge', Seiten: 608, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014, Seiten: 608, Übersetzt: Dirk van Gunsteren

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Sebastian Riemann
Nerds und Terroristen und eine mit allen Wassern gewaschene Ermittlerin

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2014

Lara Croft war vollbusig, schlagfertig und gefährlich, eine Frau mit Kanonen und sehr enger Kleidung. Sie war die frühe Ikone der Computerspielszene und die Traumfrau zahlreicher junger Männer, die viel Zeit vor ihren Computern verbrachten. Sexy und selbstbewusst kämpfte sie für das Gute auf unzähligen Bildschirmen weltweit, fand später ihren Weg in das Filmgeschäft und nun auch in das neueste Buch von Thomas Pynchon. Nicht als die reine Actionfigur aus dem Computerspiel, sondern als gerissene New Yorker Steuerbetrugsermittlerin, die den Namen Maxine trägt und aufgrund ihrer Ermittlungen in Angelegenheiten verwickelt wird, die ihr über den Kopf wachsen.

Maxine Tarnow wurde ihre Lizenz entzogen, doch das hält sie nicht von der Arbeit ab. Auf Anregung eines Freundes beginnt sie sich für ein Unternehmen zu interessieren, welches mit dem Internet viel Geld verdient, auch nachdem die Dotcom-Blase explodierte und die Branche in den Abgrund riss. Schnell stößt sie auf Ungereimtheiten und unsympathische Charaktere. Gelder werden veruntreut, über verschiedene Kanäle und nicht mehr existente Unternehmen umgeleitet. Bevor Maxine herausfindet in welch brisante Region die großen Dollarbeträge fließen, wird sie mit vielen Geeks, Nerds, Hackern und auch Agenten bekannt. Alle haben ein Interesse an diesem mysteriösen Konzern, welcher sich nicht nur mit Homepages, sondern vor allem mit staatlicher Sicherheit befasst. Geheime Regierungsaufträge führen sie aus und haben gefährliche Kontakte. Wer ihnen zu nahe kommt oder seine Nase zu tief in ihre Angelegenheiten steckt, kann dabei auch das Leben verlieren. Es geht um die ganz große Geopolitik.

Da Maxine aber unglaublich gut und unerschrocken ist, deckt sie immer mehr auf, kommt dem Boss der Firma auf die Spuren, auch wenn die Luft zunehmend dicker wird. Dieser Boss hört auf den Namen Gabriel Ice, ist legendär in der Szene, wird bewundert und gefürchtet. Aber eigentlich weiß man wenig über ihn und daran ändert sich im Verlaufe des Buches wenig, er bleibt eine unheimliche Gestalt im Halbdunkel, jemand über dessen Macht und Wissen man nur spekulieren kann. Er verkörpert die dunkle Seite des Internets, die sich der ganzen Daten bedienen kann und sie für ihre Zwecke einsetzt, dabei agiert er ohne Gewissen, ohne Kontrolle von außen und ohne das Wissen der Bevölkerung. Er verkörpert die schlimmsten Befürchtungen, die man in Bezug auf das Internet und seine Freiheit hatte. Der ungehemmte Missbrauch seiner Möglichkeiten erinnert an die Erkenntnisse, die Edward Snowdens Enthüllungen ans Tageslicht brachten und eine Debatte über (digitale) Freiheit und Sicherheit auslösten.

Daneben lässt es sich der Autor nicht nehmen auf das abfallende Niveau des Internets aufmerksam zu machen:

 

"Sieh es dir doch an: Jeden Tag mehr Loser als User, Tastaturen und Bildschirme verwandeln sich in Portale für Websites, wo man lauter Zeug kriegt, nach dem laut Beschluss des Managements alle süchtig werden sollen: Shoppen, Daddeln, Abspritzen, endloses Streamen von Müll..."

 

Verschwörungstheorien werden im Buch bedient, aber nicht bestätigt. In ihren Ermittlungen stößt Maxine auf verschiedene kriminelle Strukturen, unter anderem erhält sie ein Video, das Terroristen zeigt, wie sie für den Abschuss eines Flugzeuges üben. Mitten in Manhattan. Der elfte September lässt nicht lange auf sich warten und sofort entwickeln sich die Ideen, die Terroristen mit der Internetfirma und der US-Regierung, vielleicht noch ausländischen Interessen, in Verbindung bringt. Jedoch kommt es in Folge der Spekulationen zu keinen großen Enthüllungen, die Machenschaften der Mächtigen bleiben im Dunkel verborgen und übrig bleiben Befürchtungen, Ahnungen.

Bleeding Edge ist überaus zeitgemäß, die Themen Internet, Sicherheit, Wirtschaftskrise und Terrorismus machen einen Großteil der aktuellen Nachrichten aus und sind jedem geläufig. Für den Roman besteht ein großer Rahmen, der durch unseren medialen Alltag geprägt wurde. Darin bewegt sich die Geschichte. Allerdings kommt sie kaum von der Stelle. Da vieles im Bereich der Spekulation verbleibt, wollen die Untersuchungen Maxines nicht zu richtigen Enthüllungen führen, ihre Gegner sind mächtig und wissen ihre Spuren zu verwischen. Man könnte gelangweilt sein, wenn der Autor nicht so gut schreiben könnte und nicht verstünde die Geschichte mit viel New Yorker Leben zu füllen und somit für Unterhaltung zu sorgen. Viel Abwechslung und schrille Charaktere werden geboten, dazu der thematische Mix – den fehlenden Fortschritt der Handlung bemerkt man kaum.

Anders verhält es sich mit der Protagonistin Maxine, die immer ihre Baretta dabei hat und nicht nur knallhart und abenteuerlustig wie Lara Croft durch die feindliche Welt zieht, sondern auch genauso sexy daherkommt. Sie tanzt in einem Striptease Club, um an Informationen zu gelangen, und ist Männern jeder Art hilflos ausgeliefert, wenn es um Sex geht. Selbstverständlich lässt sie sich benutzen für die gewünschte Spielart und verwandelt sich in ein willenloses Objekt der Lust. Merkwürdig erscheint dieser Teil ihrer Persönlichkeit, der sich nicht recht vertragen will mit dem Rest dieser selbstbewussten und energischen Frau. Doch wenn man wieder das Bild Lara Crofts bemüht und den Sexappeal als Element ihres Erfolges betrachtet, dann ist man geneigt auch Maxine als eine Figur für die Computerspielszene zu sehen. Sex sells, hört man es im Hintergrund rufen, und besonders gut verkauft er sich in Verbindung mit dem Internet.

Natürlich ist Maxine kein bloßer Abklatsch von Lara Croft, sie ist eine kaltschnäuzige, gewiefte New Yorkerin, eine gute Ehefrau und Mutter dazu. Sie ist eine kluge und harte Ermittlerin und somit eine Nachfolgerin der bekannten Comicfigur Dick Tracy, der auch namentlich im Buch erwähnt wird. Er war Inspektor der Polizei in Chicago und ein sehr erfolgreicher Bekämpfer der organisierten Kriminalität. Auch er zeichnete sich durch sein überlegtes und zugleich robustes Vorgehen aus. Von ihm hat Maxine auch die Souveränität geerbt, mit der sie oft über den Dingen zu stehen scheint.

Thomas Pynchon ist ein Star der amerikanischen und globalen Literaturszene und unter den Stars ein ganz besonderer. Pynchon ist nicht nur durch seine Romane bekannt geworden, sondern auch durch seine Person, die durch Abwesenheit und Mythos glänzt. Er ist ein Unbekannter, über den gern spekuliert wird, anhand eines alten Fotos, welches ihn als jungen Marinerekruten zeigt, oder anhand der New Yorker Lokalitäten, die er in seinen Büchern beschreibt. Sein Debütroman V sorgte sogleich für Aufsehen und brachte ihm viel Aufmerksamkeit ein. Seit den Sechzigern ist er ein Exponent der US Literatur, Anfang 2015 kommt mit Inherent Vice endlich die erste Verfilmung eines Romans von Pynchon in die Kinos.

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