Annäherung

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2015, Seiten: 192, Originalsprache

Couch-Wertung:

50
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Sebastian Riemann
Praktisches Nörgelhandbuch für unterwegs

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2014

Eugen Ruge, viel gelobter Autor von In Zeiten des abnehmenden Lichts, veröffentlicht seine Reisenotizen aus der Zeit, da er seinen Erfolgsroman in aller Welt vorstellte. Darin finden sich Recherchearbeiten und persönliches Erleben, Meinungen und gutbürgerliches Genörgel, das den Leser durchaus erheitern und bezaubernd kann. Vierzehn Länder bereist der Autor in diesem schmalen Buch, beschreibt und erklärt sie, vergleicht sie mit dem gewohnten Leben in Westeuropa, der Sauberkeit und dem Wohlstand, die er kennt. Wenig positives weiß er zu berichten, die Welt scheint ihm oft ein unzumutbarer Platz, besonders wenn er bei einem der "südlichen Völker" wieder Pampe essen muss, im typischen Lärm ertrinkt, zu kurze Röcke sieht und von Armut umzingelt ist. Viel Verständnis oder Neugier zeigt er nicht bei seinen Reisen, gleicht dies aber durch Einblicke in seine Arbeit und kleine Anekdoten aus. Ein mitunter verwirrendes Buch, welches zweierlei will und dadurch weniger erreicht. Die bereisten Länder bleiben auf der Strecke, weil es nur kurze Stationen sind für den Autor, der nicht zu viele Gedanken an sie verschwenden will und bald wieder weiterreist. Die erzählerisch starken Passagen resultieren aus den persönlichen Bezügen, aus dem Leben des Autors, nicht aber aus seinen Reflexionen.

Worin steckt die Annäherung in Annäherung? Eine Distanz zu reduzieren, sich auf etwas zubewegen, ihm näher kommen: Wie soll man den Titel des Buches verstehen? Ist der Reisende Ruge den Ländern seiner Reisen nahegekommen, einfach indem er dort war, sich in die Anwesenheitsliste einschrieb? Wohl kaum. In den meisten Fällen sind die Besuche kurz und oberflächlich, die Notizen dementsprechend, und man ahnt die Schwierigkeiten, die so einfacher und nachvollziehbarer Natur sind. Sprachprobleme gab es sicherlich, in manchen Ländern mehr als in anderen. In den USA kommt der eingeladene Gast schneller ins Gespräch, hört die Meinungen der Leute, denen er begegnet, und der Leser kann sich ein besseres Bild des Aufenthaltes machen. Andere Länder hingegen erwecken den Eindruck menschenleer zu sein, da Ruge niemanden erwähnt, mit dem er in Kontakt trat. Er beschreibt die Häuser und Autos, Löcher in den Straßen und die meist zu laute Musik, aber Menschen fehlen, ebenso ihre Ansichten und Ideen. Die vermeintliche Annäherung besteht in solchen Fällen aus der Betrachtung des Subjekts Eugen Ruge und seinem Objekt. Nahekommen ist das nicht, der Betrachter hätte gleichwohl Fotos anschauen und kommentieren können. Es sind meist nur Betrachtungen, die den Leser dort absetzen, wo sie ihn zuvor abholten. Den Ländern sind Leserschaft und Ruge gleichermaßen fern, den dort lebenden Menschen noch ferner als vor der Lektüre.

Symptomatisch für die verfehlte Annäherung ist der letzte Abschnitt im Kuba Kapitel. Dieser beginnt mit der Frage: "Wie soll man Kuba nun beurteilen?" Und sogleich horcht man als Leser auf, vielleicht mit Augen, die vor lauter Neugier wachsen, vielleicht mit Augenbrauen, die sich Gewitterwolken gleich, misstrauisch zusammenziehen. Die Antwort auf diese Frage nimmt gut eine Seite ein, rekurriert auf Batista, die Revolution, die USA, das Handelsembargo, das Bildungswesen, stellt einen Vergleich mit ganz Lateinamerika an, klärt in wenigen Worten darüber auf, dass Kubas Klima günstig ist, es trotzdem Hunger gab und Armut gibt, und endet mit der Frage nach dem neuen Glück. All dies auf einer Seite, der letzten des Kapitels. Wie glücklich der Leser mit dieser abschließenden Aufklärung wohl ist? Wie nahe kann man einem Land und seinen Menschen auf diese Art kommen?

Das große Talent des Autors bahnt sich in einzelnen Passagen seinen Weg, dort wo es keine Erklärungen, Bewertungen und Vergleiche anstellen muss. Es sind kleine Momentaufnahmen oder Stimmungsbilder, die überzeugen können und Lust auf mehr machen. Skizzenhaft ist das kleinste Kapitel, das charmanteste zugleich, mit seinem Verdruss über den Aufenthalt in Paris, welcher nicht gut verläuft und einen kleinen Seufzer zwischen die Zeilen schiebt, der so vieles bedeuten kann.

 

"Drei Tage Paris. Regen, kühl. Die Stadt vor allem aus dem Taxi gesehen. Der Verlag hat unendlich viele Interviews und Essen mit Journalisten organisiert, die er für einflussreich hält. Das Essen ist, natürlich, immer gut. Was mir zum ersten Mal wirklich auffiel: wie eng Paris ist. Und wie klein alles! Die Straßen sind klein, die Hotelzimmer sind klein, die Restaurants, Tische und sogar die Stühle."

 

Schwer zu ertragen sind das Reisen und die Umstände in anderen Ländern, um diese Einsicht kommen Ruge und sein Publikum nicht herum. Ob man darüber lachen will oder sich der Nörgelei anschließt, ist dem Leser überlassen, vorzugsweise kann er zwischen beiden Reaktionen hin und her springen, um sich bei Laune zu halten.

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