Unternehmer

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014, Seiten: 144, Originalsprache

Couch-Wertung:

83
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Sebastian Riemann
Kinder für den Erfolg und alles für das Geschäft

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2014

Wer etwas erreichen will, muss dafür arbeiten. Und am besten fängt er nicht zu spät damit an. Denn immer gibt es Konkurrenz und nur wer bereit ist Opfer zu bringen und sein ganzes Herz in die Sache legt, der wird am Ende sein Ziel erreichen und erfolgreich sein. In seinem neuen Roman hat Matthias Nawrat ein Bild gezeichnet vom Streben nach finanziellem Erfolg und dem, was wir bereit sind dafür aufzugeben.

Lipa ist ein junges Mädchen, welches im Schwarzwald aufwächst, nicht zur Schule geht und meistens die Mitarbeiterin des Monats im Unternehmen ist. Das Unternehmen besteht aus ihrem Vater, ihrem Bruder und ihr. Ein Familienbetrieb, während die Mutter daheim die Mahlzeiten zubereitet. Gearbeitet wird im Bereich Elektrokomponenten, solche die man nachts aus alten Fabriken holen, separieren und später verkaufen kann. Zum besten Preis, wie der Vater sagt. Außerdem ist man dabei Herr seiner selbst, nicht ein Arbeitssklave, wie all die Anderen, die nicht über ihr eigenes Schicksal entscheiden. Und natürlich ist man besser als die faulen Arbeitslosen, die den Tag mit Nichtstun verbringen. Überhaupt ist das Dasein des Unternehmers die einzige Existenzform, die erstrebenswert und sinnvoll ist. So sieht es der Vater und so sehen es auch die Kinder, die mit viel Stolz die Ideale des Vaters vertreten und mit viel Eifer im Unternehmen arbeiten. Sie sind junge Unternehmer, keine Kinder, auch wenn sie noch im Kindesalter sind. Doch das wissen sie nicht, da es in ihrer Welt keine Kinder und Erwachsenen gibt, sondern nur Unternehmer, Arbeitssklaven und Arbeitslose.

Die Geschichte vom Familienunternehmen ist in vielerlei Hinsicht erschreckend und alarmierend. Sie greift zwei Ideale an, die man gerne vor den Mechanismen des Kapitalismus geschützt glauben will – die Einheit der Familie und das Recht auf eine Kindheit. Beides wird dem Unternehmertum geopfert, weil die Familie als wirtschaftliche Einheit verstanden wird und Kindheit letztlich doch nur eine Form von nutzlosem Zeitvertreib und Arbeitslosigkeit ist. Deshalb fällt es der Tochter später auch so schwer mit anderen Kindern in der Schule zu spielen. Denn spielen ist nicht arbeiten und somit völlig ohne Zweck und nicht reizvoll für sie, die sie stets die kluge Assistentin ihres Vaters war, mehrfach als Mitarbeiterin des Monats ausgezeichnet.

Eigentlich wollte sie nie zur Schule. Reine Zeitverschwendung. Aber das Unternehmen geht in die Brüche und zwar in Form ihres Bruders, den sie verspottet und liebt. Berti ist die Seele und der Antrieb des Unternehmens, sein Einsatz ist mehr als vorbildlich, er scheut kein Risiko, ist immer gewillt zu arbeiten, sich aufzuopfern. Einen Arm hat er bei der Arbeit verloren, aber nicht den Mut und den Unternehmergeist. Berti will nämlich auch Mitarbeiter des Monats werden und seinen Vater beeindrucken. Außerdem kennt er nichts anderes als arbeiten. Nach dem Verlust seines Armes will er sich noch mehr beweisen und alle Zweifel an seiner Einsatzbereitschaft aus dem Weg räumen. Dabei bringt er sich in noch größere Gefahr.

Die Welt im Roman weist leichte Verschiebungen auf. Etwas scheint nicht zu stimmen. Es gibt viele leere Fabriken, verlassene Dörfer und sogar eine Weltraumfabrik im Schwarzwald, auch sie verlassen. Da sich die Familie am Rande der Gesellschaft bewegt, wenig mit Anderen zu tun hat und immer bei Nacht und Nebel kostbaren Elektroschrott aus den Eingeweiden alter Anlagen reißt, kann man eine nahe Zukunft vermuten, die durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch gezeichnet wurde. Die Zeiten des Wohlstands sind vorüber und ein jeder muss sehen, wie er und seine Familie über die Runden kommt. Ein mutiger Unternehmer ist da klar im Vorteil. Bei fehlenden Jobs lebt derjenige besser, der hier und da ein wenig Schrott verkaufen kann. Dass Bruder Berti den Arm verloren hat wird akzeptabel, wenn es um das Überleben der Familie geht. Wenn jedoch diese düstere Sicht auf den Schwarzwald und seine Bewohner lediglich das Resultat der unternehmerischen Predigten des Vaters ist, dann sind die Kinder gefangen in einer Außenseiterwelt, die nichts duldet außer Arbeit und Geld.

Die Atmosphäre im Buch ist intensiv, immer wieder spürt man den Druck, den die Ideale des Vaters ausüben, aber auch die Distanz, die sich zwischen der Familie und ihrer Umgebung aufbaut. Matthias Nawrat gelingt es dadurch den Leser beständig im Zweifel zu lassen, wie er die Welt im Buch verstehen soll. Gleichzeitig dienen die Verschiebungen der Rechtfertigung des aggressiven Kapitalismus, der die Familie bestimmt. Weil es eine andere Welt ist, ist auch das Unternehmertum anders. Es ist den Bedürfnissen angepasst.

Da das Buch jedoch nur eine geringfügig veränderte Welt vorstellt, bleibt die Frage, wie weit wir von einer derartigen Form der Unternehmer entfernt sind. Die Familie im Roman wird dominiert von den Idealen des Vaters, von der Arbeit und dem Verlangen nach Geld. Es ist eine klare Kritik am Kapitalismus. Das Streben nach Geld und die Dominanz der Wirtschaft sind allgegenwärtig, Nawrat lässt sie auch noch die Kindheit und die Familie erobern, um Unbehagen auszulösen. Dabei verfällt er nicht in Schwarzweißmalerei, bleibt immer kritisch und unterhaltsam. Ein gutes Buch, dessen schwere Atmosphäre sich über die leichte Lektüre hinaus im Kopf des Lesers festsetzt und ihn so schnell nicht mehr loslässt.

Matthias Nawrat hat mit Unternehmer seinen zweiten Roman vorgelegt und wurde mit einem Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2014 belohnt. Zuvor konnte er den Kelag-Preis für den Text gewinnen.

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