Mörderische Huren

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München : Carl Hanser, 2014, Seiten: 224, Übersetzt: Christian Hansen
  • Barcelona: Anagrama, 2001, Titel: 'Putas asesinas', Originalsprache

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Sebastian Riemann
Gewalt und Sex, ohne Auswege

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Okt 2014

Eine bunte Mischung aus alt bekannten Elementen präsentiert sich in einem neuen Buch des verstorbenen Autors Roberto Bolaño. Dreizehn Erzählungen sind versammelt und bieten dem Publikum entweder einen kurzen Einblick in die Welt jenes Ausnahmeautors oder eine wenig überraschende Ergänzung des bekannten Werkes. Wer Bolaño noch nicht für sich entdeckt hat, kann bei den Mörderischen Huren ein wenig entdecken und erleben, wer ihn bereits gelesen hat wird das finden, was er ohnehin schon kennt. Es gibt keine großen Überraschungen, aber einige Enttäuschungen.

Bolaño ist in den letzten Jahren immer erfolgreicher geworden, seine Bücher konnten ein größer werdendes Publikum für sich einnehmen und eine beachtliche Gemeinde an Bewunderern aufbauen, welche den chilenischen Autoren in den Olymp der Weltliteratur hebt. Die Verehrung basiert dabei auf den Romanen, die ins Deutsche übertragen wurden, Erzählungen von Bolaño sind hingegen weniger bekannt. Auch wenn beide Formen sich mit gleichen Inhalten befassen, bleibt die kürzere Form doch eindeutig hinter der größeren zurück und kann nicht in dem Maße überzeugen, wie man es von diesem außergewöhnlichen Schriftsteller gewöhnt ist.

Die mörderische Hure ,die dem Band den Namen gibt, ist eine Frau, die einen gut aussehenden Mann entführt, nachdem sie ihn zuvor im Fernsehen bewundert hat. Er ist ein Tänzer oder Sänger, dem die Frauen zu Füßen liegen und nur allzu willig sich auf ein sexuelles Abenteuer einzulassen. Sie weiß ihn gekonnt um den kleinen Finger zu wickeln und in ihre Wohnung zu locken, wo sie ihn außer Gefecht setzt und fesselt. Nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt hat, erklärt sie ihm wie alles zustande kam, ihr Leben mit seinen dunklen Seiten und die Geschehnisse des Abends, die dazu führten, dass er, der Tänzer oder Sänger, nun gefesselt vor ihr sitzt und keinen Einfluss mehr über sein Leben hat. Sie wird ihn töten, vielleicht foltern. Er ist ihr Prinz, erklärt sie ihm, und sie die Prinzessin. Es geht nicht um Rache, er habe ja nichts falsch gemacht. Vielmehr handelt die Geschichte von dem Gefühl ausgeliefert zu sein und der Gewalt nicht entfliehen zu können.

In Die Wiederkehr kommt der Tod unverhofft und plötzlich, mitten auf der Tanzfläche einer großen Diskothek. Der Ahnungslose vergnügt sich in einem Moment und findet sich im nächsten schon als Geist wieder, der über dem reglosen Körper schwebt, unbeachtet von den Lebenden. Er folgt seinem Leib in die Leichenhalle, wo er in schwermütiges Sinnieren verfällt. Wie soll es nun weitergehen?, fragt er sich und wird sogleich aus seiner Grübelei geworfen, denn zu seiner großen Überraschung wird seine Leiche von zwei Männern in einen Wagen verladen und durch die Stadt gefahren. Im Haus eines berühmten Modedesigners wird der Leib abgeladen, die Männer verschwinden wieder, lassen den Modedesigner, den leblosen Körper und den dazugehörigen Geist zurück. Es folgt ein nekrophiler Akt, harmlos, aber doch Grund zur Verwirrung für den Verstorbenen, der sich der Welt der Lebenden und ihren Begierden enthoben glaubte. Er weiß nicht, was er von der Sache halten soll, fühlt sich missbraucht aber auch geehrt. Letztlich entweicht ihm ein Wort aus seinem Geistermund und zur allgemeinen Überraschung wird dieses Wort vom Modedesigner gehört. Der Geist des Verstorbenen kann nicht nur zuhören, sondern auch an einer Unterhaltung teilnehmen und dies wird ihm fortan das größte Vergnügen. Er verehrt die Arbeit und bald auch die Gedanken des Designers, die beiden werden schnell Freunde. Mit einem Geist zu reden erweist sich als Segen für den sonst so schüchternen Modemacher, er blüht auf und will sich unentwegt mit seinem neuen Freund unterhalten. Natürlich endet das Einvernehmen zwischen den beiden auf seltsame Art, ebenso wie es zustande kam. Unterhaltsam und komisch ist diese Erzählung, die eine schwierige und doch entspannte Beziehung zwischen Leben und Tod knüpft, sich jenseitiger und diesseitiger Probleme annimmt.

Die Erzählungen im vorliegenden Band tragen zweifellos das Zeichen Bolaños, man erkennt seinen Stil auch in ungewöhnlichen Zusammenhängen, die sich seinem eigentlichen Feld entziehen. Meist verbleiben die Geschichten jedoch in dem bekannten Bereich, den man aus seinen Romanen kennt. Auch die Figuren verhalten sich, wie man es von ihnen erwartet, manche von ihnen mag man wiedererkennen. Alles scheint die Literatur zu sein, die man vom Autor gewöhnt ist, und doch stellt sich nicht die gleiche Faszination ein. Das Format schneidet die Themen und Charaktere, die mehr Platz bedürften und vieles in diesen Erzählungen hat den Anstrich übertriebener Geschwindigkeit. Wie Ausschnitte aus den Romanen wirken viele der Texte, die doch eigenständig sein sollen. Für Anhänger Bolaños bietet die Zusammenstellung eine interessante Ergänzung zum bereits Bekannten, für alle anderen ist sie ein nicht gelungener Einstieg in die beeindruckende literarische Ausnahmewelt, die jener Autor zu erschaffen weiß.

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