Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2013, Seiten: 736, Übersetzt: Carina von Enzenberg
  • Paris: Editions de Fallois, 2012, Originalsprache

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Kora Kutschbach
Liebe und Leid eines Autors

Buch-Rezension von Kora Kutschbach Okt 2013

Er ist jung, charismatisch, zielstrebig. Er ist der Fabelhafte. Er ist Marcus Goldman. Doch gerade als seine Karriere nach einem kometenhaften Aufstieg in die höchste Liga der Autoren nicht nur zu stagnieren, sondern ins bodenlose zu fallen droht, rüttelt ein Skandal die USA wach, der Marcus' Krise ein Ende bereiten könnte: Im Garten seines ehemaligen Mentors, dem großen Harry Quebert, wurde die Leiche der seit über dreißig Jahren vermissten Nola Kellergan - mit dem Originalmanuskript von Harrys Jahrhundertbestseller bei sich - entdeckt. Ein gefundenes Fressen für die Presse und für Marcus' Verleger, der in der Geschichte eine Goldader entdeckt zu haben glaubt. Marcus, der von Harrys Unschuld überzeugt ist und eigenmächtig zu ermitteln beginnt, findet sich selbst schnell in einem wirren Netz aus Geheimnissen und Absurditäten der Vergangenheit wieder, die ihn an die Grenzen des Erträglichen bringen. Bald schon verbrennt er sich im wahrsten Sinne des Worte die Finger an der unglaublichen Wahrheit.

Joël Dicker ist gebürtiger Genfer und studierter Jurist. Die Liebe zu Worten von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen, veröffentlichte Dicker bereits 2005 sein erstes Stück. Mit seinem Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, der in Frankreich 2012 für einen riesigen Überraschungserfolg sorgte und seither weltweit die Bestsellerlisten erobert, hat er Leser und Kritiker nun endgültig überzeugt. Sein preisgekröntes Werk repräsentiert nicht nur einen bis ins Detail ausgefeilten Spannungsbogen, sondern ebenso authentisches amerikanisches Flair, welches Dicker während Aufenthalte in Nordamerika selbst erlebte und somit mittels seiner im Buch geschaffenen Kulisse Leben einhaucht. Er hätte einen starken Roman schreiben wollen, der trotz hoher Seitenzahl für qualitative und vor allem kurzweilige Unterhaltung sorgt, so der Autor über seine Ambitionen. Ebendies ist Joël Dicker gelungen.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert fordert nicht nur die leidenschaftlichen Krimileser heraus, sondern rührt gleichermaßen durch eine dramatische Liebesgeschichte und verleiht im nächsten Atemzug der Passion für das Schreiben eine Stimme, die über die Fiktion hinaus bedeutende Denkanstöße wie "Bücher zu schreiben ist nämlich kein Kinderspiel: Schreiben kann jeder, aber nicht jeder ist ein Schriftsteller", gibt.

Die Ebenen auf denen Dicker seinen Roman erzählt sind vielfältig gestrickt: Zeitsprünge von über dreißig Jahren werden scheinbar spielerisch und dabei höchst gewieft übersprungen. Dem Autor gelingt es ebenfalls eine unerschöpfliche Bandbreite an Charakteren, deren Makel manchmal menschlich, manchmal schlichtweg erschütternd sind, in den Fall zu involvieren. Dabei warten die Figuren jeweils durch eigene undurchsichtige Schicksale auf:

 

"Das Hauptproblem bestand darin, dass unsere Spuren in alle möglichen Richtungen führten. Mehrere dringliche Fragen waren nach wie vor ungelöst."

 

Die Hauptfigur Marcus Goldman wächst im Verlaufe der Handlung unter der Rückendeckung seines sich in einer absolut aussichtslosen Situation befindlichen Fürsprechers Harry Quebert nicht nur von einem Möchtegern zu einem wahrlich großen Schriftsteller heran und findet dabei durch kritische Selbstreflektion zu sich selbst. Er wagt sich auch auf das sehr dünne Eis einer brenzligen Mordermittlung vor:

 

"Ich hatte die Wahl, ob ich mich der Sache stellen oder mich verkriechen wollte. Ich entschied mich für die Konfrontation."

 

Joël Dicker weiß, wie man die Fäden einer Geschichte zu einem schier überwältigenden Knäuel an Undurchdringlichkeit verwebt, um anschließend eine Explosion heraufzubeschwören, die das gesamte Konstrukt wieder zerreißt und für Verblüffung sorgt. Jene emotional aufreibende Achterbahnfahrt (für die Protagonisten und den Leser selbst) transportiert er mittels eines Erzählstils, der durchweg fesselt. Denn sowohl die Kapitel an sich als auch in den vorangestellten Lebensweisheiten à la Quebert bieten hohes Identifikationspotential über das reine Werk hinaus:

 

"Manchmal wird Sie Mutlosigkeit überkommen […] Lassen Sie sich nie von Erschöpfung oder Angst abhalten. Im Gegenteil, setzen Sie sie ein, um voranzukommen."

 

Alles in allem ein beeindruckender Roman, der es in sich hat und mehr als alles andere dazu einlädt, ja, gar auffordert, zwischen den Zeilen zu lesen. Eine Hommage an die Liebe zum Leben und die alles überdauernde Verbundenheit zum Schreiben.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

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Letzte Kommentare:
17.07.2016 15:32:28
Andrea R.

Wunderbar zu lesen, ohne jemals Langeweile auf kommen zu lassen. Sehr beindruckend, die verschiedenen Ebenen, Zeitsprünge, ohne den Faden zu verlieren...
Leider bin ich fast am Ende des Buches angekommen und würde am liebsten immer weiter lesen.
Als Vielleser ist es im Krimibereich das grandioseste was ich bisher gelesen habe.
Unbedingt empfehlenswert.