Wünsche

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Köln: DuMont, 2013, Seiten: 300, Originalsprache

Couch-Wertung:

87

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Britta Höhne
Möge es sich anfühlen wie Liebe

Buch-Rezension von Britta Höhne Sep 2013

Angenommen - der Akku ist leer. Gespeichertes verschluckt. Solange, bis das Summen des Ladegerätes wieder frei gibt, was ist. Was Leben ist, Kontakte sind. Familie. Vera macht das anders. Sie flieht. Silvester an ihrem 46. Geburtstag. Eine gute Zeit zur Flucht. Zwischen den Jahren wie es heißt. Vermissen wird ein in dieser schwerelosen Zeit keiner. Falsch: Judith Kuckart entlässt in ihrem neun Roman Wünsche ihre Protagonistin Vera Conrad in ein neues Leben, nur, um sie feststellen zu lassen, dass sie nichts anderes kann – als Vera sein. Und zwar nur dort, wo sie hergekommen ist.

Judith Kuckart hat ein kluges und vor allem leises Buch geschrieben: Sofern das geht. Die Gedanken nämlich, die Ängste, Sehnsüchte, Wünsche, springen aus ihm heraus. Da sind zig enttäuschte Menschen. Zig enttäuschte Lieben. Zig enttäuschte alles. Nur um sich am Ende ganz sicher zu sein, dass wohl keiner aus seiner Haut kann.

Vera geht schwimmen an ihrem 46. Geburtstag. Silvester. Eine Frau reicht ihr Duschgel mit Zitronenduft. Am Ende ist Vera Salomé. Nimmt die Tasche der fremden Frau mit und verschwindet nach England. Einfach so, ohne ein Wort zu sagen. Ein Reverend vermittelt sie an eine Pflegestation, kümmert sich um sie. Vera überdenkt ihr Leben. Ihre Zeit mit Karatsch, mit ihm hat sie Jo, Joseph Conrad, und Karatsch, eigentlich Franz-Josef Kreitel, war einst ihr Stiefvater, bevor sie über den Bettvorleger in sein Schlafgemach stolperte.

Karatsch und Suse, seine längst verstorbene Frau, haben die junge Vera aus dem Elend des städtischen Viertels geholt, sie adoptiert, ihr ein Zuhause gegeben. Meret Wünsche, Schwester von Friedrich, später reicher Manager und immer noch verliebt in Vera, war ihre beste Freundin. Klar wird nicht, ob die Mädchen und später jungen Frauen sich geliebt haben. Irgendwie schon. Die Freundschaft, Liebe zerbricht irgendwann, keiner weiß genau warum. Dann geht Vera einfach weg, lässt Karatsch an ihrem Geburtstag mit ihrem Film alleine. Mitgespielt hatte sie als Teenager. Gezeigt wurde er in der Lebensmitte. Mit Mettbrötchen für die Gäste. Irgendwann hat Vera "nein" gesagt und ist gegangen. Ganz leise. Auf Zehenspitzen.

Judith Kuckart beschreibt die Situation einer Frau mittleren Alters ganz unspektakulär. Sie geht mit dem Pass einer Jüngeren und fragt sich, ob sie sich Sommersprossen tätowieren lassen kann. Eben wie die Frau auf dem Passbild. Salomé Schreiner. Sie geht, versucht ein Leben, scheitert, kehrt zurück.

 

"Weg bin ich"

 

, sagt Vera fast am Ende des Romans,

 

"wegen all der Leute hier, die ich schon so lange kenne. Aus dem gleichen Grund bin ich wieder zurückgekommen. Ich dachte immer, das ist schlimm, dass ich bei uns nur die sein kann, die alle kennen. Jetzt weiß ich, genau die kann ich nur sein."

 

Kuckarts Charaktere sind welche: Friedrich, reicher und doch gescheiterter Firmenerbe, seine Schwester Meret, die wohl bunteste Kreatur im Unterfangen, Hannes, ein ebenfalls Gestrauchelter und ehemaliger Schüler der Berufsschullehrerin Vera, Karatsch, der sich nur so nennen lässt und eigentlich ganz anders heißt und ist. Jo, alias Joseph Conrad, wie sein Großvater und der große Schriftsteller auch, will zur See und strebt es auch an. Drumherum: Zahlreiche weitere Köpfe, die bunter kaum sein könnten. Und verrückter, also der Norm entrückt.

Der 1959 im westfälischen Schwelm geborenen Autorin und Regisseurin ist ein ganz außergewöhnlicher Roman gelungen, der lediglich an mancher Stelle zu Straucheln beginnt. Dann etwa, als zum zigsten Mal die Figur Meret erklärt wird oder dann, als auf Karatsch Vergangenheit herum geritten wird, weil gleich Mehrfach Erwähnung findet, dass er sich mit dem Jazz in der ehemaligen DDR befasst hat. Sicher, alles ist nur ein Spiel der Autorin. Ein Spiel der Wiederkehr und des Darstellens der Langeweile, alles allerdings kann auch überspannt werden.

Sonst: Ein ganz großartiges Buch, geschrieben in einer ganz großartigen Sprache. Zuweilen wechseln sich versteckter Zynismus mit herausgeschriener Wut ab. Kuckart findet ein Maß zwischen Endlossätzen und denen, die aus einem Wort bestehen. "Winter." Die Autorin schafft es zu fesseln, weil sie ahnen lässt, aber nicht vorausschauen. Auch der Aufbau der Geschichte begeistert. Schildert sie doch zunächst den Tag des Verschwindens, teilt ihn in die Tageszeiten ein. Dem folgen Kurzbiographien der einzelnen Protagonisten in einer Art Rückschau. Langweilig wirkt es nicht, weil Kuckart tief in die Charaktere blicken lässt – und nach rechts und links. Unspektakulär mit "Eines Tages" ist das letzte Kapitel überschrieben und scheint die Quintessenz dessen zu sein, was im Leben Wunsch und Wirklichkeit entspricht. Auch Vera hat ihn gesucht, den besten aller Orte, wie Jérôme Ferrari in seiner Predigt auf den Untergang Roms. Doch auch seine Helden sind gestrauchelt, gestürzt gar und kehrten zu dem zurück, was sich Leben und Alltag nennt – nicht Traum und Wünsche.

Unbedingt lesen.

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