Die Nöte des wahren Polizisten

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2013, Seiten: 272, Übersetzt: Christian Hansen

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Sebastian Riemann
Verwirrendes Meisterwerk für Liebhaber und Bolaño-Neulinge

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2013

Roberto Bolaño ist eine Spinne im Dschungel der zeitgenössischen Literatur und weiß den Lesenden in seinem Netz zu fangen, nicht indem er eine Unmenge an Fäden möglichst oft miteinander verbindet und somit ein dichtes Geflecht produziert, sondern durch eine scheinbar verwirrende Anordnung einzelner Handlungsstränge. Die aufmerksamen, suchenden Augen des Lesers bleiben an diesem Konstrukt hängen und finden sich sogleich von ihm bezaubert, da sie es nicht derart sehen können, wie sie Spinnennetze zu sehen können glaubten. Noch während man sich ihm zu nähern ahnt ist man bereits gefangen und dreht sich nach Orientierung suchend um die eigene Achse, nur um festzustellen, dass dieses Netz in die Tiefe von Raum und Zeit gebaut wurde, und es keinen besseren Weg zu seiner Betrachtung gibt, als sich weiterhin verwirrt um die eigene Achse zu drehen.

Amalfitano lebt als Dozent in Barcelona, als die Berliner Mauer und seine Heterosexualität eingerissen werden vom unaufhaltsamen Wirken der Geschichte. Der lethargische und melancholisch veranlagte Akademiker beginnt ein Verhältnis mit einem Studenten, wie es von Seiten der Universität nicht geduldet werden kann. Der junge Dichter Padilla, der ein Leben mit viel Sex und ohne Bindungen genießt, macht den älteren Amalfitano zu seinem Geliebten. Es folgt keine Überraschung, sondern die Kündigung des Arbeitsverhältnisses, und schon müssen sich die beiden Männer trennen. In Santa Teresa, Mexiko, kann der Dozent unterkommen, lehren um den Unterhalt für seine Tochter und sich selbst zu bestreiten.

Padilla und Amalfitano schreiben sich Briefe, mit denen sie sich geistig und emotional nähren, versuchen das Band aufrechtzuerhalten, welches durch gesellschaftliche Zwänge zerrissen wurde. Der junge Dichter berichtet von seinem Romanprojekt, genannt Der Gott der Homosexuellen, und von seiner Entfaltung als Literat. Amalfitano taucht derweil in sein neues Leben, in die bezaubernden Wirren und Köstlichkeiten Mexikos ein, findet einen neuen Liebhaber, macht neue Bekanntschaften und lässt sich treiben von Erinnerungen, verirrten Gedanken und Überlegungen zur Literatur. Dass er dabei schon einmal seine Tochter vergisst oder gar als Figur eines Romans behandelt verwundert kaum bei diesem nachlässigen, ziellosen Vater.

Rosa, die Tochter Amalfitanos, teilt ein ähnliches Schicksal, sie streift durch die Straßen Santa Teresas, träumt von einem Jungen in Barcelona und bleibt zusammen mit ihrem Nomadenvater allein. Selten sind die Momente da beide harmonisch beisammen sind und das Bild einer kleinen Familie vermitteln. Ihre Erziehung muss sie folgerichtig selbst in die Hand nehmen.

Die Geschichten der kleinen Familie Amalfitano, sowie der Leute, die mit ihnen verbunden sind – Padilla, der Junge, an den Rosa später zurückdenkt, seine Eltern, die mit Amalfitano an der Universität unterrichten, die neuen Bekanntschaften in Mexiko – werden mit dünnen Strichen auf wenigen Seiten gezeichnet. Die Handlungenstränge sind gut miteinander verbundenen, ergeben jedoch kein Netz, da sie schlechthin zu spärlich sind, es bleiben grobe Linien der Charaktere. Unterbrochen werden die Handlungskonstruktionen durch zahlreiche Einschübe, die dem Werk seine besondere Note verleihen, indem sie Einblicke in einen Kosmos hinter den Figuren offerieren. Ausführungen zu einer Vielzahl historischer Persönlichkeiten Mexikos, Unterscheidungen von Dichtern in Schwuchteln, Tunten, Schwule, Trinen und Tucken, eine Auflistung der Fragen einer Klausur im Literaturseminar Amalfitanos, die Karriere und der Tod des Toreros Celestino Arraya – all dies verbindet sich nicht in der ersten Ebene der Erzählung, sondern strebt in schwer greifbare Tiefen, in denen sich der Fokus auf die Protagonisten und der Griff des Lesers auf die Erzählung verliert. Trotzdem ergänzen jene Einschübe die eigentliche Geschichte um Amalfitano und tragen entscheidend zur Bildung eines Gesamtbildes bei. Überspannt wird hierbei der Anspruch des Lesers dem Aufgenommenen Kohärenz zu verleihen, das Spinnennetz umgibt ihn gänzlich und der ordnende Blick schweift unruhig umher, unfähig eine Richtung zu erkennen oder gar einen Platz zu entdecken, auf den man sich zurückziehen und das Geschehene überdenken kann.

Roberto Bolaño (1953 – 2003) wurde zu einem der populärsten Vertreter der lateinamerikanischen Literatur und konnte in den vergangenen Jahren immer mehr Leser zu seinen Anhängern zählen. Der Ruhm gründen sich zu großen Teilen auf seinen großen Roman mit dem verwirrenden Titel 2666, der gleich dem "Polizisten" posthum veröffentlicht wurde, nachdem der Autor in Barcelona einer Leberzirrhose erlag. Bolaño wurde in Chile geboren, verbrachte jedoch große Teile seines Lebens in Mexiko und Spanien. 1975 war er beteiligt an der Gründung der Gruppe der Infrarealisten, einem Verbund junger Schriftsteller, die sich dem literarischen Establishment widersetzten, es mitunter direkt angriffen. Besonders Octavio Paz wurde zum Ziel der jungen Wilden, da er eine hegemoniale Stellung in der geistigen Welt Mexikos einnahm, somit Herrscher war über ein Reich, welches Bolaño und Co. erobern und revolutionieren wollten. Paz, der große Essayist und Dichter, der beschwingt erklärend in die Seele seines Volkes eindrang, wurde zum Negativum für die Gruppe, die sich dem greifbaren Leben annehmen und es ohne große Reflexionen wiedergeben wollte.

Dem Schriftsteller Arcimboldi – den die Leser in 2666 bereits kennenlernten – und seinem Werk ist das vierte Kapitel des Buches gewidmet, welches mit einer Bibliografie beginnt und sich schnell in eine Achterbahnfahrt durch das Schaffen und Leben des fiktiven Autors verwandelt. Den Abschluss bilden humorvolle Beschreibungen des exzentrisch-emotional-kreativen Arcimboldi. Auch wenn Padilla ein großes Interesse an diesem französischen Schriftsteller entwickelt und Amalfitano einst Werke von ihm übersetzte, dieses Kapitel weist nur leichte Bezüge zur Entwicklung der zentralen Handlung auf und ist nur lose mit den Protagonisten verbunden. Es unterstreicht jedoch in beeindruckender Weise die Rolle von Literaten gemäß Bolaño, ihr Dasein als Halbwesen zwischen Fiktion und Realität, ihr Einfluss auf das Publikum (man erinnere sich an den Beginn von 2666) und ihren andersartigen Zugang zur Welt. Gleichzeitig eröffnet Arcimboldi eine Dimension künstlerischer Tiefe, die den Leser gefangen nimmt und weiter in die Fänge dieses Buches treibt.

Der Roman wird zum Ende durch das Thema der Gewalt in Santa Teresa ergänzt. Sprunghaft werden Episoden aus der Polizeiarbeit erzählt, das Schicksal einer Familie dargestellt, die durch Generationen von vergewaltigten Frauen fortbesteht, und durch die Erzählung von der Überwachung Amalfitanos durch einen Polizisten schließt sich dieses Kapitel wieder der eigentlichen Handlung an.

Der wieder auflebende Briefwechsel zwischen Padilla und Amalfitano schließt den Roman in leidvoller Weise. Padilla ist an Aids erkrankt und verbringt seine Tage in der Freundschaft zu einem Mädchen, welches Heroin verkauft und ihm ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Kraftlos leben sie von Tag zu Tag, man spürt das schwere Ende nahen, auch wenn das Buch mit zwei Sätzen aus dem letzten Brief endet: "Etwas wird in den nächsten Tagen passieren. Ich halte dich auf dem laufenden."

Der Schlusspunkt verweigert sich der Beerdigung eines Protagonisten und prophezeit etwas, was hinter der letzten Seite liegt, dem Leser verborgen bleiben muss. Es ist gleichzeitig der letztmögliche Stilbruch in einem Buch, welches mehrfach das Mantra "Stil ist Betrug" vorbetet und beständig Vorstellungen von literarischen Gattungen hinwegfegt.

Das Spinnennetz Bolaños erscheint aufgrund seiner Geschicklichkeit als Gegensatz zur Natur, aber ohne es zu wissen stolperte der Leser in einen Bereich des literarischen Dschungels, der ihn mehr mit der Realität verbindet als er zu wissen glaubte. Die Kunst des Autors vermag das künstliche Konstrukt eines Romans weitgehend aufzuheben und Überschneidungen von verschiedenen Handlungssträngen als punktuell darzustellen, während er gleichzeitig einen gemeinsamen Mikrokosmos zeichnet, der sich aus den einzelnen, lose verbundenen Teilen ergibt und ihnen mehr Zusammenhalt gibt, als die spärlichen Überschneidungen deutlich machen wollen.

Die Nöte des wahren Polizisten ist ein höchst unterhaltsames, meisterlich geschriebenes und konzipiertes Buch, welches den Leser in seinen Bann schlägt, ohne ihn zur Ruhe kommen zu lassen. Es ist eine literarische Bereicherung und ein weiterer Beweis der Kunst Bolaños, der seinen Platz in den Geschichtsbüchern zwischen all den Granden der lateinamerikanischen Literatur gefunden hat.

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Letzte Kommentare:
12.06.2013 10:26:50
Lars Frege

Es gibt Bücher, über die man sinnvoll sagen kann, ein "meisterlich geschriebenes und konzipiertes Buch", und die "Handlungenstränge sind gut miteinander verbundenen, ergeben jedoch kein Netz, da sie schlechthin zu spärlich sind".

Aber das Buch sollte dies auch hergeben. Die Rezension ist die einzige mir bekannte, die konsequent ignoriert, dass das Buch allenfalls Fragment ist. Und sogar den Charakter des Fragments kann man in Frage stellen. Meist sind es Fragmente von Kapiteln, die oft nur wenige Zeilen umfassen. Das macht aus dem Roman insgesamt aber noch kein Fragment (wie andere wichtige, Fragment gebliebene Romane der Literaturgeschichte, oder auch wie Bolanos 2666), sondern eine Vorstufe, wie in anderen Rezensionen zu Recht festgestellt wird.

Die FAZ schreibt von "recyceltem Material".

Glanz und Elend schreibt: "Der Eindruck aber bleibt: Hier wird das Werk eines ganz großen bis zur Unerträglichkeit ausgebeutet."

Man kann das Buch natürlich rezensieren, als das was es ist. Aber Buch des Monats: Chapeau!