Die Liebestäuschung

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

85
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Kathrin Plett
Musik der Liebe

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mär 2013

Liebe unter schwierigen Umständen ist Stoff vieler Bücher. Hernán Rivera Letelier erzählt die Geschichte einer Liebe, die nicht nur mit sozialen Grenzen und politischen Widrigkeiten, sondern zusätzlich mit dem Ende der Heimat zu kämpfen hat. Einer Salpetersiedlung die kurz vor der Schließung steht. Durch die Kraft der Musik verbunden, beginnen die Klavierspielerin Golondrina und der unkonventionelle Trompeter Bello eine Liebesbeziehung, die so zerbrechlich ist, wie die Zukunft der Stadt.

Die Pianistin Golondrina, Tochter des Barbiers, gilt als Vorbild in der chilenischen Stadt Pampa Unión. Sie kommt aus einfachen, jedoch tugendhaften Verhältnissen. Nach dem frühen Tod der Mutter hat ihr Vater alles gegeben, um seiner Tochter eine bestmögliche Zukunft zu ermöglichen, in der sie ihre musikalische Begabung entfalten kann. Doch nicht nur intellektuell macht Golondrina auf sich aufmerksam. Durch ihre entwaffnende Natürlichkeit, mit der sie jedem Menschen in der Stadt begegnet, verdient sie sich den Respekt der Leute und ist überall gerne gesehen.

Auch ihre Liebe zur Musik versucht sie, mit den Menschen ihrer Stadt zu teilen, und wird bei musikalischen Belangen gerne zu Rate gezogen. Als sich der Besuch des Präsidenten in der kleinen Stadt ankündigt und schnellstmöglich ein Orchester benötigt wird, kommt auch der Trompeter Bello Sandalio in die Stadt. Beide begegnen sich beim Vorspiel der Orchesterbewerber. Sandalio wird Mitglied der Truppe, die weniger auf proben und musizieren aus ist, als vielmehr auf feiern und trinken. Als er bei einer Tour durch die Etablissements der Stadt eines Nachts wieder zu weit geht und fliehen muss, landet er auf seiner Flucht zufällig bei Golondrina, die ihm gerne Unterschlupf gewährt.

Hernán Rivera Leteliers, der seine ersten Lebensjahre selbst in einer Bergbau-Siedlung verbrachte und nach der Schließung der Mine mit seiner Mutter und den Geschwistern nach Antofagasta zog, musste sich nach dem frühen Tod der Mutter mit dem Verkauf von Zeitungen alleine durchschlagen. Erst mit 23 Jahren holte er seinen Schulabschluss auf der Abendschule nach und erlangte schließlich die Zulassung für die Oberstufe. Als er mit 21 Jahren aus Hunger mit dem Schreiben anfing, um an einem Radiowettbewerb teilzunehmen, gewann er prompt und gehört heute zu den meistgelesenen Autoren der spanischsprachigen Welt.

Wie viele seiner Romane weist auch "Die Liebestäuschung" viele autobiografische Züge auf. Die Erzählung, die zudem auf wahren Begebenheiten beruht, wie der Leser im Epilog erfährt, spielt in einer chilenischen Salpeter-Siedlung. Die Menschen führen ein hartes und beschwerliches Leben, von der Regierung ausgenutzt und unterdrückt und ohne Chance aus ihrer Situation auszubrechen. Letelier beschreibt die Ungerechtigkeit der damaligen Zeit eindrucksvoll und lässt den Leser die Ausweglosigkeit der Menschen spüren. Der Autor geht in seinem Roman immer wieder auf die Klassenunterschiede ein, lässt seine Protagonisten gegen die Unterschiede aufbegehren. An dieser Stelle setzt auch die Liebe Golondrinas, der Dame aus gutem Hause und dem Glücksritter Bello Sandalino, ein. Ihre Zuneigung zueinander versucht, Mauern zu durchbrechen, und muss schließlich  scheitern. Der Versuch des Vaters, gegen die Unterdrückung anzukämpfen, scheitert und zieht viele Opfer mit sich.

Leteliers einfache Sprache lässt die Erzählung fließen. Seine detailreichen Beschreibungen geben der Erzählung Leben und sind in der Lage, bunte Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen, die einen in das Chile der 1930er Jahre mitnehmen. Er gibt dem Leser mit seinen Worten genug Raum, seine eigene Vorstellungskraft zu entfalten, was den besonderen Reiz des Romans ausmacht.

Wie auch in seinem Roman "Die Filmeerzählerin" wird in Leteliers neuestem Werk seine Liebe zur Literatur und seine tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat Chile deutlich. 

Die Liebestäuschung

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