Schneckenmühle

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Beck, 2013, Titel: 'Schneckenmühle', Seiten: 220, Originalsprache

Couch-Wertung:

80
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Romy Fölck
Ein Sommer zwischen Pubertät und Umbruch

Buch-Rezension von Romy Fölck Mär 2013

Sommerferien, lauwarme Nächte, knarrende Holzbaracken, flatternde Fahnen im Wind, Kinderlachen. Wer erinnert sich nicht gern ans Kinderferienlager? Mit verklärtem Blick erzählt man von den einstigen Erlebnissen auf dem Land und kann sich seltsamerweise nur an die schönen Dinge erinnern.

Trommel, LPG, Ata, NVA, PA-Unterricht... Worte aus einer längst vergangenen Ära werden wieder wach, wenn man in diesen Roman eintaucht. Der Ostberliner Autor Jochen Schmidt hat tief in der Erinnerungskiste gewühlt und einen Sommer im Ferienlager »Schneckenmühle« in Sachsen beschrieben. Als Berliner Stadtjunge darf Jens dorthin fahren. Es ist der Sommer 1989. Das Jahr der Veränderung und des Umbruches. Auch für Jens. Gerade 14 geworden, möchte er noch Kind sein und doch schon ein wenig erwachsen. Möchte die Unschuld der Kindheit festhalten und fängt doch an, sich für die Mädchen zu interessieren. »In irgendeinem Alter haben sich die Mädchen verändert. Sie verehren jetzt ältere Jungs mit Schnurrbart…«, resümiert er. Bis er das sächsische Mädchen Peggy kennen lernt, das ihn gänzlich durcheinander bringt.

Momente zwischen pubertierender Coolness und kindhafter Peinlichkeit werden von Schmidt eingefangen und herrlich ehrlich erzählt. Skat und Tischtennis spielen sie, erzählen sich schlüpfrige Witze, machen Ausflüge nach Dresden und in die ČSSR nach Dečin, Nachtwanderungen und gehen zur Disco. Wie beschämend, dass Jens als einziger noch nicht tanzen kann. Wundervoll authentische Dialoge und Anekdoten, die jeder Ostler schon einmal selbst erlebt haben dürfte, fügen sich zu einem witzig-originellen Abriss eines Sommers in der DDR zusammen, als für die meisten ein gemeinsames Deutschland noch unmöglich schien.

Aber in die sommerliche Idylle webt Schmidt die ersten Anzeichen des Umbruchs ein, ohne den Roman damit zu überfrachten. Als Wulf, einer der Erzieher, abreist heißt es, »… es bestehe Anlass zu der Vermutung, dass er im Begriff sei, sich und seine Heimat zu verraten.« Man spürt die Fragen und Zweifel der Kinder und weiß, dass sie sich mit den Erklärungen der Erzieher nicht vollständig zufrieden geben. Gern wird von Schmidt das Thema Ost-West in witzige Situationen und Dialoge verpackt. »Komisch, dass Boris Becker und Steffi Graf kein Paar sind. Und warum der mit Vornamen »Boris« heißt, obwohl er aus dem Westen ist? Bekommt er da keinen Ärger?«

Jochen Schmidt, der 1970 in Berlin geboren wurde, ist Autor, Übersetzer und Journalist, schreibt u. a. für die FAZ, SZ und taz. »Schneckenmühle« ist eine Hommage an seine Kindheit in der DDR, die, so spürt man, unbeschwert war. Spürbar ist auch, dass man diese Zeit als Kind selten so politisch erlebte, wie es heute scheint. Auch im Osten hatte man einfach Spaß, von zu Hause weg zu sein, mit seinen Freunden die Ferien zu verbringen, sich zu verlieben und recht viel Unsinn zu machen. Durch den Ich-Erzähler Jens blitzt uns Jochen Schmidts Kindheit entgegen und macht uns leicht melancholisch. Und so sei jedem, der diese Zeit Ende der 80er noch einmal nachspüren will, ob im Osten oder Westen geboren, dieser Roman ans Herz gelegt. Denn je weiter man liest, desto besser versteht man, warum Jens denkt:

»… ich möchte am liebsten für immer bleiben.« 

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