Boxenstopp

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Romy Fölck
88

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2013

Und ewig lockt das Weib

Frauen, die sexuelle Signale aussenden, müssen damit rechnen, dass diese vom anderen Geschlecht empfangen und entsprechend honoriert werden?

Jetzt, da die Diskussion über sexuelle Belästigung aktueller ist denn je, kommt mit "Boxenstopp" ein Buch auf den Markt, was noch einmal Öl ins Feuer der Befindlichkeiten gießen dürfte. Denn so unverblümt, wie Christiane Neudecker sich dieser Thematik angenommen hat, wird der Roman die Leser nachdenklich oder gar wütend stimmen.

Eine bekannte Fernsehmoderatorin wird vom deutschen Autokonzern "Schneyer Motors" für eine mehrtägige Händlerpräsentation im Autódromo Fernanda Pires da Silva in Portugal gebucht. Anfangs fühlt sie sich von der Aufmerksamkeit, die man ihr von allen Seiten entgegenbringt, geschmeichelt. Sogar Dr. Kilian Kaysert, der Vorstandsvorsitzende des Konzerns scheint ihren weiblichen Reizen zu erliegen. Der "Sonnenkönig" des Konzerns, den eine besondere Aura umweht, der von allen so bewundert wie gefürchtet wird, flirtet unverhohlen mit ihr, obwohl sie ihm von ihrer Beziehung zu einem Musiker erzählt. Kaysert stört dies wenig. Oder aber der Konkurrent reizt ihn noch mehr, sie erobern zu wollen. Als die Moderatorin seine Avancen strikt zurückweist, wird der Konzernchef ungemütlich. Sein Wohlgefallen schlägt in tiefe Feindseligkeit um. Er nutzt seine ganze Macht gegen sie aus, und sie spürt erst, wie ernst seine Drohungen sind, als es zu spät ist.

"…die Furcht ist mein Knecht. Sie arbeitet für mich."

Die Ich-Erzählerin legt die Geschehnisse durch die Augen der Moderatorin dar, seziert in rasterförmigen Rückblenden Stück für Stück die Ereignisse in Portugal. Monate sind seit dem Vorfall vergangen. Dem "Schneyder-Konzern" steht in Deutschland ein heikler Prozess bevor. "Von Sexorgien und Lustreisen war die Rede, von Champagnergelagen mit Prostituierten, Business-Meetings in Swingerclubs, Firmen-Incentives im Rotlichtmilieu." Dagegen erkaltet der "Fehltritt" der Moderatorin langsam. Sie ist abgetaucht, seit die Pressemeute sich auf sie gestürzt und erst von ihr abgelassen hatte, als der letzte Knochen der Affäre abgenagt war.

Abgemagert ist sie, psychisch labil. Ihre Zuschauer sind gegen sie aufgebracht, die Karriere eingemottet, der Musikerfreund auf und davon. Eine Niederlage auf der ganzen Linie. Ohne einen nennbaren Grund kehrt sie noch einmal nach Portugal, an den Ort des Geschehens, zurück, was der Geschichte immense Intensität verleiht.

"Immer wieder träume ich von dem Streckenverlauf des Autodroms. Er hat sich mir eingegraben, ist ein Stachel, den ich mir nicht ziehen kann." -  "Dass der Ort nichts dafür kann, ist mir klar. Das Autodromo nicht, (… ) Und Lissabon nicht, natürlich nicht, meine  geliebte, treppendurchmaserte Stadt."

Recht schnell offenbart die Autorin, dass die Bekanntschaft mit Kaysert für die Moderatorin in einer Katastrophe endete. Aber WIE es dazu kam, erzählt sie in einem ausgeklügelten Erzähltempo, rollt ganz geschickt die letzten Monate auf, so dass man ihr jedes Wort aus der Hand fressen möchte, um mehr zu erfahren. Neudecker gebraucht keinen erhobenen Zeigefinger, hinterlässt keine Schockstarre am Schluss. Aber sie erzählt ihre Geschichte so eindringlich und dicht, dass man ihr jedes Wort abkauft, in einer Sprache, die in Wohlgefühl einhüllt.

Christiane Neudecker, 1974 in Erlangen geboren, studierte Theaterregie an der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Berlin. Ihr Erzählband "In der Stille ein Klang" erschien 2005 und erntete große Begeisterung, ihr Romandebüt "Nirgendwo sonst" folgte im Jahr 2008. Sie erhielt zahlreiche literarische Preise und für "Boxenstopp" ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.

Neudeckers Roman wird das Thema sexuelle Belästigung nicht revolutionieren. Aber er wird sich Gehör verschaffen. Denn diese Dinge müssen wieder und wieder thematisiert werden, da sie ständig passieren. Es wird immer zwei Geschlechter geben, die sich begehren. Nur das Feingefühl, mit der Begierde umzugehen, kann man versuchen zu justieren. Vielleicht helfen aufwühlende Bücher wie dieses. Es wäre zumindest ein Anfang.

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