Bonita Avenue

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Rowohlt, 2013, Titel: 'Bonita Avenue', Seiten: 640, Übersetzt: Gregor Seferens

Couch-Wertung:

79

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Birgit Borloni
Verlogene, heile Familienwelt

Buch-Rezension von Birgit Borloni Jan 2013

Familie – das sind die Menschen, die uns am besten kennen oder kennen sollten. Doch ist das wirklich so? Kann man überhaupt jemanden wirklich so sehr kennen, dass derjenige uns nicht doch noch überraschen kann? Sind nicht gerade die angebliche Nähe und die Vertrautheit in Familien oft nur vordergründig, während sich dahinter manchmal wahre Abgründe verbergen, von denen keiner etwas ahnte?

Genau diese Fragen stellt Peter Buwalda in seinem Roman Bonita Avenue in den Mittelpunkt und zeigt schonungslos auf, dass Familienidylle nur allzu trügerisch sein kann.

Siem Sigerius ist Mathematiker und Rektor einer angesehenen Universität in Enschede und führt mit seiner Frau Tineke und deren Töchter Joni und Janis ein beschauliches Leben. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Joni und ihr Freund Aaron haben ein lukratives Internetgeschäft aufgezogen, von dem sie lieber nicht wollen, dass es an die Öffentlichkeit gerät. Doch Siem kommt per Zufall der Sache auf die Spur – gerade als er seinen Rektorposten aufgibt und in die Politik wechselt. Doch das ist nicht seine einzige Sorge: Auch sein Sohn Wilbert aus erster Ehe droht zum Problem zu werden, denn wegen seines gewalttätigen Wesens hat er gerade eine lange Gefängnisstrafe verbüßt. Nicht gerade etwas, das man als neuer Minister unbedingt in der Öffentlichkeit breitgetreten sehen möchte – vor allem nicht, wenn dieser Sohn nun vorzeitig aus der Haft entlassen wird und droht, den Familienfrieden empfindlich zu stören.

Erzählt wird die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven und in zwei Zeitebenen, was den Leser anfangs ganz schön fordert, damit er nicht den Überblick verliert.

Einer der Erzähler ist Aaron Bever, Jonis Freund, der ein glühender Bewunderer Siems ist und um dessen Aufmerksamkeit und Anerkennung er geradezu bettelt.

Er trifft acht Jahre nach den Ereignissen im Jahre 2000, die für alle Beteiligten einen dramatischen Wendepunkt im Leben darstellen, zufällig Jonis Mutter in einem Zug wieder und sofort wird er in einen Strudel der Erinnerungen gerissen. Schon nach wenigen Seiten erfährt man, dass er massive psychische Probleme hat, die damals ausgelöst bzw. so gravierend wurden, dass sie einen Nervenzusammenbruch herbei führten. Nun erfährt der Leser sowohl was zu seiner heutigen Situation als auch in Rückblenden seine Sicht auf die Geschichte von vor acht Jahren.

Der zweite Erzähler ist Siem, den der Leser im Jahre 2000 begleitet, denn acht Jahre später ist er bereits tot (auch das erfährt man bereits ganz am Anfang des Buches, nur die Umstände bleiben zunächst im Dunkeln). Durch ihn erlebt man die Geschehnisse sozusagen hautnah, denn es ist Siems Gegenwart, in der erzählt wird.

Die dritte Erzählerin ist schließlich Joni, der einzige Strang der Geschichte, der in Ich-Form erzählt wird, und auch sie betrachtet die Ereignisse mit einem Abstand von acht Jahren und gewährt dem Leser gleichzeitig Einblick in ihr heutiges Leben.

Zunächst ist es wirklich verwirrend, den verschiedenen Zeitebenen, Erzählern und Erzählperspektiven zu folgen, doch hat man sich erst einmal eingelesen, eröffnen einem diese einen umfassenden und detaillierten Einblick in die Geschichte, den man bei nur einer Sicht so nicht hätte gewinnen können.

Peter Buwalda geht nicht sonderlich subtil vor, eher zerlegt er das Leben seiner Protagonisten mit der Brechstange und legt schonungslos, manchmal direkt brutal, frei, was alles hinter der Oberfläche brodelt und welche Abgründe sich hinter der heilen Fassade verbergen.

Die Charaktere sind vielschichtig gezeichnet, man findet als Leser rasch Zugang zu allen drei Persönlichkeiten, doch haben sie auch alle ihre Schwächen, die einen zurück schrecken lassen und man überdenkt das Bild, das man sich gemacht hat, ständig.

Egal ob es Siems Kampf um seine Familie ist, den er oft genug aus egoistischen Motiven führt oder Joni und Aarons Beziehung, in der es viel um Macht und Abhängigkeit geht – Zündstoff gibt es mehr als genug und so fliegt im Jahre 2000 schließlich nicht nur eine Feuerwerksfabrik in die Luft.

Peter Buwalda versteht es zu erzählen, das Interesse des Lesers zu fesseln und zu halten, sowie den Spannungsbogen kontinuierlich aufrecht zu halten, nicht zuletzt unterstützt durch die mosaikartige Erzählweise.

Allerdings neigt er gerade gegen Ende des Romans zu Übertreibungen, mit denen er den Weg der Glaubhaftigkeit und des Nachvollziehens verlässt und seine Leser kopfschüttelnd zurück lässt ob der Dinge, die seine Protagonisten da veranstalten und durchleiden müssen.

Hier wäre an einigen Stellen weniger definitiv mehr gewesen, doch Subtilität zählt offenkundig nicht zu den Stärken des Autors.

Trotz dieses Kritikpunktes legt Buwalda mit seinem Debütroman Bonita Avenue ein überzeugendes und spannendes Werk über die Verflechtungen und Verirrungen eines Familienlebens vor und zeigt, wie verlogen und voller Heimlichkeiten ein solches sein kann. Man ertappt sich während der Lektüre unwillkürlich dabei, sich selbst zu fragen, ob man seine eigene Familie wirklich so gut kennt, wie man meint oder ob nicht doch unliebsame Überraschungen im Bereich des Möglichen lägen – wenn auch hoffentlich in abgeschwächter Form als in der Familie Sigerius.

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Letzte Kommentare:
20.02.2015 09:27:46
Th. Leibfried

Vielfach ausgezeichnet ist dieser Roman, das Erstlingswerk des holländischen Journalisten und Autors Peter Buwalda. Nicht immer muss das ein sicheres Indiz dafür sein, dass mir der Roman auch gefällt. Immerhin scheint mir die Trefferquote bei gelobten Büchern, was meinen eigenen Geschmack angeht, doch signifikant höher zu sein als bei sonstigen Büchern. Und dieses Mal war es sogar ein Volltreffer. Vergessen Sie die Vergleiche mit Jonathan Franzen, wenn Sie diese nicht mögen. Das ist mittlerweile eben zu einer Schublade geworden, um Romane einzuordnen, deren Inhalt sich um zerrüttete Familiengeschichten dreht und die garantiert Happyend-frei sind. Dem Buch und dem Autor darf man diese Vergleiche allerdings nicht vorhalten, die können nichts dazu.

Interessant ist der Romanaufbau, der zweifelsohne Leserin und Leser ansatzweise fordert. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt. Im Mittelpunkt stehen der frühere Spitzenjudoka Siem Sigerius, dessen Stieftochter Joni und deren Freund Aaron. Die Kapitel aus der Sicht von Siem und Aaron werden in der dritten Person erzählt, die Kapitel aus Jonis Sicht in der Ich-Form. Dazu spielt die Handlung auf mehreren Zeitebenen, um genau zu sagen, auf wie vielen, hätte ich mitnotieren müssen. In der Multiplikation aus Erzählperspektiven und Zeitebenen iegt die Herausforderung, die ich aber für sehr gut nachvollziehbar und zu bewältigen fand.

Siem stammt aus einfachen Verhältnissen, wurde gegen den Willen des Vaters und mit einem starken eigenen zum niederländischen Judomeister, musste aber seine Karriere wegen eines Unfalls früh beenden. In der Zeit der Rekonvaleszenz stieß er auf mathematische Büchlein und wurde damit zum Mathematikgenie. Das ist allerdings auch der einzige märchenhafte Part im Roman, der Rest gleicht eher einem Alptraum. Denn neben der geliebten Joni, die aus einer Laune heraus und im Verborgenen mit ihrem Freund Ende der 90ere Jahre eine Internetseite mit sehr offenherzigen Fotos von sich gründete und damit viel Geld verdiente, gibt es noch einen Sohn aus erster Ehe, der wegen Totschlags mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte und nun wieder auf der Bildfläche erscheint, mit einigen offenen Rechnungen. Sowohl die zweite Ehefrau als auch die zweite Stieftochter Janis (die Töchter sind genannt nach Joni Mitchell und Janis Joplin) spielen nur Nebenrollen. Buwalda konzentriert sich voll auf die drei Hauptcharaktere, insbesondere auf Siem Sigelius, was dem Roman sehr gut tut.

Wie geschrieben, wer auf Happyends steht, sollte zu anderen Werken greifen. Dafür bekommt man hier eine Sprache, die – übrigens erstklassig übersetzt – vor Kraft strotzt du die einem in Mark und Bein fährt. Eine Sprache, die von einer hochinteressanten Hauptfigur repräsentiert wird. Eine Figur, der man Sympathie schenken kann und von der man sich abwenden kann. Und beides häufig auf wenigen Seiten. Eine Figur, die für die Ambivalenzen steht, die in jedem einigermaßen interessanten und reflektierten Leben stecken.

Ein Roman zum Wiederlesen und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die moderne, anspruchsvolle Literatur lieben.

27.08.2013 10:31:07
Margarethe Menzel

Ich habe dies gerade gelesen und bin schockiert darüber, dass es sich teilweise - für mich - wie ein Pornoroman liest. Vor allem die Passagen von Joni in Amerika. Den Sachverhalt verstehe ich nicht. Ihr Versagen als Mutter, der Kauf der Barracks usw. Für mich für den Verlauf des Romans völlig unwichtig. Die Passagen finde ich besonders pornografisch. Das Durcheinander der Erzählebenen finde ich ebenfalls nicht zielführend. Ich bin eigentlich enttäuscht und kann den Roman nicht weiterempfehlen. Wer lebt so? Alle Charaktere sind überzogen. Der böse Sohn ist abgrundtief böse, die Stieftochter definiert sich nur über ihre Schönheit, der Vater ist erfolgreich. Die Lügen innerhalb der Familien sind nicht unüblich, aber die Erlebnisse der Famiie schon. Die Explosion in Enschede hat t mit dem Verlauf des Romanes nichts zu tun, die hätte man auch weglassen können. Es musste nur wieder ein Liebhaber der Tochter untergebracht werden.
Ich bin enttäuscht und kann die Euphorie, die dieser Roman auslöst nicht verstehen. Ich bin Vielleser, 60 Jahre alt.