Das Sonnenblumenfeld

  • Insel
  • Erschienen: Januar 2012
  • Berlin: Insel, 2012, Titel: 'Das Sonnenblumenfeld', Seiten: 193, Übersetzt: Constanze Neumann
Das Sonnenblumenfeld
Das Sonnenblumenfeld
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Kora Kutschbach
77

Belletristik-Couch Rezension von Kora Kutschbach Okt 2012

Berührend und brennend wie die Sonne des Südens

Caterina und Lorenzo sind gerade erst dabei, erwachsen zu werden. Doch trotz mangelnder Lebenserfahrung und unterschiedlichster Herkunft wissen sie, dass sie ineinander Seelenverwandte gefunden haben. Seit ihre erste Begegnung auf dem großen Fest des Bürgermeisters das Feuer aus Sympathie, Zuneigung und Hingabe entfachte, leben die beiden eine heimliche Liebe. Denn niemals würde Lorenzo als einfacher Schusterjunge an Caterinas Seite akzeptiert werden.

Eines Tages erfährt der reiche Rancio Fellone, der Caterina seit einiger Zeit nachstellt, von dieser zarten Bande und tobt vor Eifersucht. Daraufhin schmiedet Fellone einen perfiden Plan, der, da er außer Kontrolle gerät, das Leben aller Beteiligten unwiderruflich verändert.

Andrej Longo gehört zu den Erfolgsautoren Italiens. Er wuchs in Neapel auf, ergriff die verschiedensten Arbeitsangebote – vom Pizzabäcker bis zum Radioredakteur – und ist heute vor allem als Drehbuchautor in Rom tätig.

Mit Leidenschaft widmet er sich dem italienischen Süden als Schwerpunktthema seiner Werke. Die dortige Lebenssituation samt all ihrer charismatischen Menschen, politischer Spannung und landschaftlich einprägsamen Kulisse bewegt Longo seit jeher. Indem der in seinen Büchern diese Themen aufgreift und dabei die berührende Schönheit ebenso herausstellt wie unmissverständliche Kritik an bestehenden Ordnungen, trägt er ein Stück italienisches Lebensgefühl über die Grenzen des Landes hinaus.

Die Zutaten, die Longos Roman zu dem machen, was er ist, sind keineswegs neu. Vielmehr entsprechen sie in vielerlei Hinsicht den bewährten Komponenten, mit denen bereits Shakespeare in einer der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur – Romeo und Julia – verzaubert hat. Denn auf eine junge zarte Liebe, die im Grunde zum Scheitern verurteilt ist, soziale Konflikte, basierend auf ständischen Unterschieden einerseits sowie die italienische Leichtigkeit, das Leben zu feiern andererseits, stützt sich auch Longos Das Sonnenblumenfeld. Das Italien des 16. Jahrhunderts hat, so liest es sich in seinem Werk, mehr mit dem modernen Italien gemein, als sich vielleicht vermuten ließe.

Dem Autor gelingt es, die Balance zwischen der Unbeschwertheit des Seins und dem täglichen Kampf um Anerkennung, Akzeptanz und Existenz geschickt zu finden und an den Leser heranzutragen. Was als unversehrte, hoffnungsvolle Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem messerscharfen Drama, das gesellschaftliche Konflikte wie Korruption und Arbeitslosigkeit des heutigen realen Italiens deutlich ausspricht.

Überzeugend setzt Longo die Charaktere ein, um Emotionen, Brisanz und ebenfalls die Schicksalshaftigkeit des Lebens zu transportieren.

Caterina, die von Schönheit gleichermaßen gesegnet ist wie von Entschlossenheit, verbindet eine wachsende Leidenschaft mit dem schüchternen Schuster Lorenzo, dessen Herz im Takt seiner Tammorra und nur für Caterina schlägt. Die zwei verbindet – in Anlehnung an die Worte des Autors – ein Lächeln, das ihr Herz erleuchtet. So wie die Dramatik der Handlung sich zuspitzt, in diesem gleichen Maße wachsen auch diese beiden Figuren über sich hinaus und trotzen den Widrigkeiten ihrer Liebe, die sich zu einer echten Gefahr entwickeln.

Die Geschichte des jungen Paares verwebt der Autor raffiniert mit weiteren Handlungssträngen, sodass auch die Schauplätze der Nebenhandlung einem brodelnden Kessel entsprechen. Hierbei werden zwei verzweifelte Geldräuber zu Helden der Zivilcourage, die Abgründe von Selbstaufopferung und Käuflichkeit werden ebenso vergegenwärtigt wie jugendlicher Übermut, der in blinder Wut und Gewalt eskaliert.

Als Ort der Handlung spielt das Sonnenblumenfeld, welches titelgebend für das Buch ist, die Hauptrolle. Dieses Meer aus Sonnenblumen ist der heimliche Treffpunkt Caterina und Lorenzos, an dem sich ihr Schicksal zu wenden droht.

Die Symbolkraft, welche der Autor in dieses Feld legt, ist markant und sehr wortgewaltig. Es handelt sich dabei um einen Ort, der die Stärke und den Glanz einer Sommerliebe verkörpert und zudem Zufluchtsstätte aber auch schamerfüllter Tatort ist.

Mittels seiner bildhaften Sprache, die dennoch von Schlichtheit geprägt ist, erreicht die Aussage der Geschichte eine Kraft, derer sich der Leser nur schwer entziehen kann. Die Wahl der Sprache reflektiert wiederum Longos Herzensangelegenheit, die Einfachheit und dennoch zufriedene Lebendigkeit des italienischen Temperaments – sei das Leben noch so schwierig – hervorzuheben.

"Das Sonnenblumenfeld" – ein Roman, der die Reize sowie die Reizbarkeit Italiens auf veredelte und nichtsdestotrotz ehrliche Art und Weise über die Landesgrenzen hinwegträgt. Das Lesen dieses Buches lässt zweifeln und missbilligen, hoffen und glauben – über das offene Ende, welches einige Konsequenzen unbeantwortet lässt, hinaus. Dieses Werk hat eine Leuchtkraft, die der der Sonnenblumen gleicht.

Das Sonnenblumenfeld

Andrej Longo, Insel

Das Sonnenblumenfeld

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