Michael Kohlhaas

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Insel, 2012, Titel: 'Michael Kohlhaas', Seiten: 130, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
Von deutscher Gründlichkeit angetrieben

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Mit der Gerechtigkeit ist das so eine Sache. Fordert einer sie für sich ein, kommt nicht immer Gerechtigkeit dabei heraus. Zumal Gerechtigkeit nicht immer das ist, was auf dem Papier steht und als solche angesehen wird. Vor allem beruht die Gerechtigkeit auf dem, was einer für sich selbst als gerecht ansieht. Was mitunter zu hasserfüllten Nachbarschaftsstreits führt. Wächst erst einmal der Unmut darüber, ungerecht behandelt worden zu sein, dann sind der inneren Empörung mit all ihren Folgen keine Grenzen gesetzt. Liegt die Ungerechtigkeit gar wie in Michael Kohlhaas Fall klar auf der Hand, bahnt sich ein Drama an.

Mit seiner Novelle "Michael Kohlhaas" hat der viel zu früh aus dem Leben geschiedene Heinrich von Kleist ein literarisches Mahnmal des bürgerlichen Ungehorsams geschrieben. Als Vorlage dienten ihm die Erlebnisse von Hans Kohlhase, dem im 16. Jh. Ähnliches widerfahren ist. Auch Kohlhase glaubte eisern an die Gerechtigkeit und dass sie einen Platz in der Welt hat, wenn man das Böse, das einem widerfahren ist, nur laut genug anprangert und vor Gericht zerrt.

Einem Rosshändler werden bei Kleist zwei Rappen konfisziert, weil ihm angeblich ein Passierschein fehlt, den er für die Durchreise benötigt. Er verspricht, sich die notwendigen Papiere umgehend zu besorgen und lässt seine beiden Pferde zum Pfand zusammen mit seinem Knecht zurück. Nicht nur, dass ihm in Dresden mitgeteilt wird, dass es eines solchen Passierscheins nicht bedurft hätte, sein Knecht wird schwer misshandelt und die Pferde sind bei seiner Rückkehr auf Klepper herabgewirtschaftet worden. Was folgt, sind Machtspiele. Das selbstbewusste Bürgertum geht gegen die Ränkespiele des Adels vor. Und wie später bei Kafka, bedeutet Recht haben nicht, dass Kohlhaas auch Recht bekommt.

Kleists Novelle ist zum Synonym für alles Reiten gegen die Windmühlen a la Don Quichotte geworden. Kohlhaas wird nicht nur die Pferde verlieren auch seine Frau und seinen Halt in der Gesellschaft. Er wird zum Outlaw, der selbst das Recht in die Hand nimmt. Im guten Glauben, dass das Recht, wenn es kein Recht mehr ist, jeglichen Anspruch darauf verloren hat, sich Recht zu nennen. Kohlhaas brandschatzt und tötet, blind vor Rache und wird von einem Heer gejagt.

Wie in allen Klassikern, die Einzug in den Schulkanon gefunden haben, ist auch "Michael Kohlhaas" zu Tode interpretiert worden. Kein geheimer Flecken, kein Satz, unter dem nicht schon geschürft und der nicht in einer Magisterarbeit verbraten worden ist. Er hat Spuren in anderen Romanen hinterlassen. Die Fabel vom Unrecht - dass einem des Rechts beraubt, jedes Recht zusteht, sich selbst ins Unrecht zu setzen, um wieder Recht zu schaffen - ist ein beliebtes Sujet geworden. Kleists schriftstellerische Kraft  jedoch zeigt sich am Ende, als endlich das erreicht ist, was Kohlhaas sich ersehnt hat und er trotzdem nichts als verbrannte Erde hinterlässt.

An "Michael Kohlhaas" zu erinnern, heißt an einen Schriftsteller zu erinnern, den es gilt, vor dem Verstauben der Deutungen zu retten. Es steckt mehr darin als eine einfache Botschaft. Es lässt sich wunderbar über diesen "Michael Kohlhaas" streiten. Von Leser zu Leser. Das ist es, was große Literatur ausmacht. Dass sie selbst noch nach Jahrhunderten jene menschlichen Abgründe in sich trägt, die sich weiter durch die Generationen ziehen.

Die Gier birgt den Wahnsinn des Unrechts in sich. Das ändert sich nie. Und wer sich in die Justizmühle begibt, für sich Gerechtigkeit einfordert, ahnt zumeist nicht, was er lostritt. Wie die Verbitterung ihn verändert. Wie aus ihm womöglich ein Mensch wird, der er niemals hat sein wollen.

Kleist fand in vielen seiner Figuren den zarten Blick auf die Zerstörungen, die man sich selber zufügt. "Michael Kohlhaas" ist der Rebell unter ihnen. Wir sollten ihn lesen und lesen und immer wieder lesen. Alle paar Jahre wieder. Kleist letzte Worte aus dem Abschiedsbrief an Ulrike, hätten auch von Michael Kohlhaas stammen können:

                        "...die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war."

Kleist nahm sich das Leben und Kohlhaas sorgte dafür, dass sie ihm das Leben nahmen. 

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