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Romy Fölck
Wer bin ich?

Buch-Rezension von Romy Fölck Okt 2012

António Lobo Antunes schreibt auch in seinem neuen Roman über die großen Themen unserer Zeit: Gewalt, Macht, Liebe und Tod. Und er braucht nicht einen Punkt, um sie voneinander zu trennen. Lediglich Kommata unterteilen den Text, Bindestriche fügen die wörtliche Rede ein, die wie eingeworfen erscheint. In Bruchstücken bieten sich die vielen Geschichten dar, die Antunes von einem Landgut südlich von Lissabon erzählt. Wie ein undurchschaubarer Schachspieler setzt er die Figuren ins Bild, um sie dann wieder zu entfernen: So agieren sie vor, dann wieder nach ihrem Tod. Nichts ist jetzt. Alles ist gegenwärtig.

Nach "An den Flüssen die strömen", in dem er seine Krebserkrankung aufarbeitete, lässt der 70-jährige Antunes, der ewige Nobelpreisanwärter, auch sein neues Werk auf einem Landgut am Fluss Tejo spielen. Eindringliche Bilder seiner Jugend, die er zu Zeiten der Salazar-Diktatur verlebte, flicht er in den Roman ein. Es sind zerfaserte Erinnerungen, die von der gesellschaftlichen Diskrepanz zwischen den Machthabenden und den Untergebenen berichten, von den Menschen und Nichtmenschen. Von einer Gesellschaft vor der Nelkenrevolution 1974. Aber es sind auch Bilder der Nostalgie, die das Leben von Mensch und Tier widerspiegeln und von der Schönheit der Natur, wie er sie erlebt haben dürfte. Die duftenden Truhen im Obergeschoss, die klappernde Tasse der Großmutter, die Reglosigkeit der Milane in der Luft, der zerzauste Schnurbart des Großvaters, der Blick über die Felder, der Ziehbrunnen, der hinkende Maulesel: Man sieht es förmlich vor sich, das blühende Gut und schließlich seinen Verfall, die Menschen, die sich dem Willen des Gutsherrn beugen, der noch Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig scheint. So wie seine Gewalt und der Tod.

"Woher kommt nur mein Gefühl, dass in dem Haus, obwohl es unverändert ist, fast alles fehlt?"

Seit der Großvater, Patriarch und gefürchteter Despot tot ist, verfällt das Landgut. Die Truhen duften nicht mehr. Und dennoch scheint der Geist des Hausherrn so lebendig, dass man an seinen Tod nicht glauben mag. Seine Ära zieht sich bis zum Schluss durch den Roman. Er greift sich die Angestellten – Komm her – die ihm zu Willen sein müssen. Er schießt einem Untergebenen den Fußknöchel weg und lässt sich von dem Verletzten die Zigarre entfachen. Behält ständig das Jagdgewehr unter seinem Bett. Und für seine Söhne und Enkel hat er nur Verachtung übrig – Idiot! Seiner Familie zieht er seinen Verwalter und den hinkenden Maulesel vor. Welcher Hohn! Sind seine Söhne wirklich seine Söhne? Ist der Erzählende, der immerdar an seiner eigenen Herkunft zweifelt - Wer bin ich?- sein Enkel oder doch der Sohn des Gehilfen des Verwalters? Trifft ihn deshalb die Verachtung seines Großvaters? Oder ist dies nur seine Einbildung?

Der Autor erzählt und er wiederholt sich, seltsam entrückt wie ein in Tagträumen versunkener Fantast. So entstehen über dreihundert Seiten Text, ein Sammelsurium an Bruchstücken, die sich ineinander mischen. Die Reflexion überlässt Antunes dem Leser. Seine unkonventionelle Sprache ist eine Herausforderung und dennoch die Offenbarung einer andersartigen Literatur. Worte sind Worte, aber das Klangbild ist eigen. Preiswürdig. 2007 erhielt Antunes den Prémio Camões, den bedeutendsten Literaturpreis in der Portugiesisch-sprachigen Welt. Bald auch den Nobelpreis?

Das Gelesene braucht eine Weile, um sich zu entfalten. Wie ein guter Rotwein, der erst einmal atmen muss. Vielleicht sollte man sich beim Lesen eine Flasche öffnen, einen Portugiesen wie den "Falua", aus der Region Tejo. Ein eigenwilliger, reizvoller Wein. Wie der Wein, so die Lektüre.

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