Als der Regen kam

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2012, Titel: 'Als der Regen kam', Seiten: 285, Originalsprache

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Romy Fölck
Alles kam man vergessen. Aber nicht seine erste Liebe.

Buch-Rezension von Romy Fölck Aug 2012

Spätestens seit sich Rudi Assauer öffentlich dazu bekannt hat, an Alzheimer erkrankt zu sein, ist diese Krankheit auch ein Thema für jüngere Menschen geworden. Was es für einen Demenzkranken bedeutet, dem Vergessen ausgeliefert zu sein, ist dennoch schwer vorstellbar. Was seine Angehörigen durchmachen, kann man nur erahnen. Nun hat der Schweizer Autor Urs Augstburger dieses Thema in einen Roman gepackt. Entstanden ist eine einzigartige Geschichte über einen Sohn, seine demenzkranke Mutter und… die Liebe.

Dass Romanhelden nach langer Zeit an den Ort ihrer Kindheit zurückkehren, dort plötzlich in längst vergessene Erinnerungen eintauchen und verlorene Familienangehörige oder alte Freunde wiedertreffen, wodurch ihr Leben auf einmal aus dem Tritt gerät – wer hat das nicht schon einmal gelesen?  Aber dass ein erwachsener Mann in seinem Heimatort seine Mutter besucht, die mittlerweile an Alzheimer erkrankt ist, in einem Altersheim lebt und ihn nicht einmal mehr erkennt – das ist doch eine recht ungewöhnliche Ausgangssituation und kann in einem Roman völlig neue Aspekte und außergewöhnliche Situationen schaffen. Urs Augstburger, Jahrgang 1965, der beim Schweizer Fernsehen arbeitet und seinen Durchbruch mit seinem dritten Roman "Schattwand" feierte, hat ein Händchen für diesen Stoff bewiesen.

Mauro Nesta besucht seine Mutter in dem Schweizer Kleinstädtchen, in dem er aufwuchs und wo er als Kind aufgrund seiner halbitalienischen Herkunft ständigen Repressalien ausgesetzt war. Keine einfache Rückkehr für den weltgewandten Geschäftsmann aus Genua. Als er aus dem Zug steigt, bemerkt er die Vorbereitungen für das Jugendfest - ein traditionelles Fest, was es im Städtchen seit gut 400  Jahren gibt und was bei ihm sofort eine Vielzahl von Erinnerungen wachruft.

Schnell sollte er gehen, der Besuch bei seiner kranken Mutter. Als Pflichtbesuch war er angedacht, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Doch dieses Jugendfest macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Stadt ist in erwartungsfroher Unruhe. Und diese Aufregung steckt Mauro an. Er sieht sich schon bald nicht mehr in der Lage, sich seiner Vergangenheit und der seiner Mutter Helen zu entziehen.

Mauro holt Helen für einen Spaziergang aus dem Heim, geht mit ihr durch die Straßen, ohne dass sie weiß, dass er ihr Sohn ist. Schwer genug für ihn, ein Fremder für die eigene Mutter zu sein. Doch plötzlich beginnt sie auf einem Tanzboden mit einem Unsichtbaren zu tanzen. Und da ahnt Mauro, dass seine Mutter seit vielen Jahren ein Geheimnis mit sich herum trägt - das ihrer ersten großen Liebe. Als er sein altes Kinderzimmer öffnet und seltsame Dinge darin entdeckt, die seine Mutter dort verborgen hatte, weiß er, dass er diesem Geheimnis nachgehen wird. Er muss diesen Mann finden, will Helen mit ihm zusammen bringen, um noch einmal zu seiner Mutter durchzudringen. Ein verzweifelter Versuch gegen das Unmögliche, gegen Helens Vergessen.

"Wer liebt, vergisst nicht."

Doch dabei belässt es Urs Augstburger nicht. In einer weiteren Perspektive erzählt er von dem über Siebzigjährigen Jakob Matter, der nach Jahrzehnten im Ausland, wo er als Jazzmusiker die Welt bereiste, ins Städtchen zurückgekehrt ist. Schnell ist klar, dass er Helens verlorene Liebe ist und dass er davon ausgeht, dass Helen nicht mehr lebt. Was ist damals, als der Regen kam, zwischen den beiden passiert, was sie ein Leben lang auseinander riss? Nach und nach entwirrt sich Jakobs Geschichte, die von strengen Traditionen, Betrug und Verrat erzählt. Aber auch von einer großen unglücklichen Liebe, die ein Leben lang andauerte.

Selbst wenn nun einiges darauf hindeutet: Urs Augstburger gleitet nie ins Kitschige ab. Gekonnt meistert er den Spagat, die Geschichte weder mit Helens Krankheit, noch mit der Liebesgeschichte zu überfrachten. In einer ausgewogenen Sprache erzählt er von Mauros Ängsten, seine Mutter an die Alzheimer Krankheit zu verlieren und von seinen Kindheitserinnerungen. Und er lässt die demente Helen zu Wort kommen, die ihr Dasein in verworrenen Bildern erzählt, die wichtig sind, um sie nicht zu einer Statistin werden zu lassen. Auch die Figur des Jakob Matter ist gehaltvoll gestaltet und sorgt für anhaltende Spannung im Roman. Denn nur langsam gibt der Autor Jakobs Erinnerungen preis, den Grund für seinen abrupten Weggang aus der Stadt und die Herkunft der seltsamen Narben auf seinem Rücken.

Vorsichtig webt der Autor die politischen Zustände in der Schweiz der 50er Jahren in die Handlung ein, berichtet von der Engstirnigkeit und Ausländerfeindlichkeit in Helens Heimat und vom Hass, der von nationalkonservativen Kleinstädtern jedem Gesinnungsfremden entgegengebracht wurde. Und genau das ist die Mixtur für einen Roman, der eben nicht "nur" ein Liebesroman ist oder ein Buch über eine schwere Krankheit. Es ist ein sehr persönlicher Roman, sagt der Autor in einem Interview, noch direkter als seine bisherigen Werke. Und genau das macht die Authentizität seiner Protagonisten aus. Und den Charme dieser Geschichte, bei der man sich am Ende denkt: Hoffentlich vergesse ich sie nicht irgendwann.  

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Letzte Kommentare:
23.09.2014 12:05:55
Xirxe

Mauro kehrt nach zwei Jahren Abwesenheit zurück in seine Schweizer Heimat, just als das Jugendfest beginnt. Seine Mutter Helen leidet an Demenz und ihre Lage hat sich in den letzten Monaten derart verschlechtert, dass sie in ein Pflegeheim übersiedeln musste. Eine Rückkehr nach Hause steht außer Frage und so ist Mauro in der Pflicht, sich um die Auflösung ihrer Wohnung zu kümmern. Dabei entdeckt er, dass es vor seinem Vater einen anderen Mann in Helens Leben gegeben haben muss, was sich auch durch ihr seltsames Verhalten während ihrer gemeinsamen Spaziergänge durch das Städtchen bestätigt. Und es hat mit dem Jugendfest zu tun, ein Fest, an das Mauro nicht unbedingt schöne Erinnerungen hat. Er beginnt Nachforschungen anzustellen, die nicht nur eine Reise in Helens Vergangenheit, sondern auch in seine wird...
Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven Mauros, zweier Jugendfreunde Helens und Helens eigener Sicht, die infolge ihrer Krankheit die Dinge nur noch als Bestandteil der Vergangenheit wahrnimmt. Nach und nach beginnt man zu ahnen, wohin das Ganze führt, was die Spannung aber nicht mindert. Es ist eine gefühlvolle Familien- und Liebesgeschichte, die einem zudem zeigt, welch spießbürgerliche, intolerante und unterwürfige Atmosphäre in der Zeit der Fünfziger aber auch noch der Siebziger herrschte.
Weniger schön fand ich gegen Ende einzelne Geschehnisse. Dass man beispielsweise einen völlig Unbekannten einfach so erkennt - nein, nicht an der Haltung, dem Klang der Stimme, einem Wort oder Satz, nein, einfach nur so. Das wirkte aufgesetzt und gekünstelt ebenso wie die späte Einsicht eines Übeltäters. Schade, denn so blieb bei einem eigentlich schön zu lesenden Buch ein weniger schöner Nachklang.

21.08.2013 22:05:16
anyways

Jahrzehnte nach seiner etwas überstürzten Flucht aus der Enge seiner schweizerischen Heimatstadt, kehrt Mauro, der Halbitaliener, zurück. Sofort überfällt ihn seine eigene Vergangenheit, denn es ist Jugendfest. Ein Fest das seit Jahrhunderten in der Kleinen Stadt gefeiert wird, und für jeden Bewohner etwas Besonderes ist. Obwohl Mauro keine sehr guten Erinnerungen an dieses Fest hat, kann er sich dessen Magie nicht entziehen. Für seine Mutter hatte das Fest vor vielen Jahren weitaus dramatischere Ereignisse, nur erzählen kann sie diese nicht mehr, sie sind verschlossen, denn Helen leidet an Alzheimer. Umso neugieriger ist Mauro auf ihre Geschichte.

Die Stimmung dieses Buches als melancholisch zu beschreiben, wäre eher noch geschmeichelt. Es ist sehr Gedanken lastig, zu viele Andeutungen, Interpretationen und daraus resultierenden Fehlinterpretationen vergangener Feste bestimmen es. Eine gewisse Lieblosigkeit aller Protagonisten stellt sich für mich dar, obwohl der Autor garantiert ganz anderes bezweckt. Schon allein die Tatsache das der Sohn, nicht schon beim Ausbruch ihrer Erkrankung bei ihr ist, sondern erst zwei Jahre später kommt, um dann auch gleich alle Zelte für sich und für sie abzubrechen lässt mich an eine Gleichgültigkeit denken. Mich hat weder die Geschichte für sich eingenommen, noch das der Autor mich durch sympathische Akteure an das Buch fesseln konnte.
Dieses Buch verspricht soviel mehr als das es hält.

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